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Am Tisch: Familie Kerr, die hier Kemper heißt, vorne Riva Krymalowski als Judith, die im Buch zu Anna wird, Foto: Warner Bros.

Caroline Link

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ im Kino: Flucht als Abenteuer

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Caroline Link gelang eine angemessen warmherzige Verfilmung von Judith Kerrs Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

kinoMan vergisst es manchmal zwischen „Ostwind“ und der „Häschenschule“, aber im deutschen Kino gab es immer wieder auch sehr bedeutende Kinder- und Jugendfilme. Diese Tradition geht mindestens zurück bis zur 1931er-Verfilmung von „Emil und die Detektive“. Gerhard Lamprechts Kästner-Verfilmung war auch der erste Tonfilm, den die damals neunjährige Judith Kerr in ihrem Leben gesehen hat. Noch 2011 erzählte die spätere Kinderbuchautorin in einem Interview von diesem offenbar tiefgreifenden Erlebnis, im vergangenen Mai starb sie mit 95 Jahren.

Nun ist ihr berühmtestes Kinderbuch, der autobiografisch inspirierte Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, zum zweiten Mal verfilmt worden. Die ausführlichere Erstverfilmung von 1978 für das Fernsehen hat der Autorin nie gefallen, das hätte diesmal wohl anders ausgesehen: Caroline Link empfahl sich für die Regie nicht nur, weil ihr einmal mit „Pünktchen und Anton“ selbst eine kongeniale Kästner-Verfilmung gelungen ist. Erst im vergangenen Jahr legte sie „Der Junge muss an die frische Luft“ vor, die herausragende Verfilmung einer Jugendbiografie – und einen der wenigen Kassenhits in mageren Zeiten.

Caroline Link: Oscar mit „Nirgendwo in Afrika“ 

Seit ihrem Spielfilmdebüt „Jenseits der Stille“ haben alle Filme von Caroline Link einen Glanz, der im deutschen Kino ungewöhnlich ist. Es ist eine ins Ästhetische übersetzte Liebe zu den Figuren, die man nicht als Schönfärberei missverstehen darf. Allerdings ist es auch kein Zufall, dass man diesen Stil in Hollywood gut genug verstand, um ihr für ihre frühere Exilantengeschichte „Nirgendwo in Afrika“ einen Oscar zu verleihen.

Allerdings scheint es für Link tatsächlich unmöglich, ein hässliches Bild aufzunehmen, selbst wenn die Umstände für andere Filmemacher vielleicht danach verlangten. Wahrscheinlich hat man noch nie einen Film über eine Flucht aus Nazideutschland in so leuchtend-warmen Farben gesehen. Aber genau das ist der Punkt: Judith Kerr beschrieb ihre Flucht als Abenteuer. Auch wenn sie ihr Alter Ego „Anna Kemper“ nennt, folgt sie weitgehend dem Erlebten. Caroline Link entscheidet sich also im Zweifelsfall für Bilder des Staunens statt des Schreckens. Das führt mitunter zu einer faszinierenden Doppelbödigkeit, denn unser historisches Wissen malt schon von selbst die nötigen Schatten hinein. Für jüngere Zuschauer, die den Film sehen, ohne den Zeitbezug zu kennen, bleiben freilich immer noch genug Informationen.

Starke Schauspieler in „

Mit Bruder Michael und Mutter Julia, einer bedeutenden Komponistin, folgte die Autorin ihrem Vater, dem großen Kritiker und Autor Alfred Kerr, ins Exil. Über die Schweiz führte die Flucht erst nach Paris, schließlich nach London. Aus der großbürgerlichen Berliner Wohnung konnte sie nur ein Spielzeug mitnehmen. Sie entschied sich gegen das geliebte rosa Kaninchen für den Teddybär – damit dieser nicht so einsam wäre.

Wie schon in früheren Filmen hat Link für die kindliche Hauptrolle eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Debütantin Riva Krymalowski vermittelt dieses Staunen und lässt uns zugleich selber staunen. Die positive Ausstrahlung, die Neugier und die Spielfreude dieser jungen Schauspielerin entwaffnen den ganzen Film hindurch, doch es wäre ungerecht zu behaupten, sie spiele den Rest der Truppe an die Wand. Carla Juri gibt der Mutterrolle eine Zerbrechlichkeit, die mehr über die lebensbedrohlichen Umstände der Flucht verrät als jedes äußere Ereignis. Und Oliver Masucci füllt die Figur des Alfred Kerr mit seltener Vielschichtigkeit: Nicht alle Welt liebte ihn wie seine Tochter. Gefürchtet für seine spitze Feder, lässt ihn die Geschichte im Pariser Exil mit einem Theaterregisseur zusammentreffen, der unter seinen Verrissen schwer gelitten hat.

Dass er in dessen Haus gleichwohl willkommen ist, führt zu einer berührenden Miniatur über die Solidarität, die mitunter unter vertriebenen Kulturschaffenden herrschte. Aber Kerr denkt gar nicht daran, deshalb von seiner Meinung abzurücken über die Talentlosigkeit des Mannes.

zeitloser Klassiker des Familienfilms

Ob dieser Film wohl vor Kerrs strengem Auge Bestand gehabt hätte? Man muss schon zweimal hinsehen, wenn etwa das Schweizer Exildorf in sattfarbenen Postkartenansichten präsentiert wird. Erst auf den zweiten Blick sieht man das Gift in der Idylle in Gestalt Antisemitismus und Nazi-Touristen.

Eine Aufwertung gegenüber der Vorlage erfährt die Figur der von den Kindern geliebten Haushälterin Heimpi, gespielt von der unwiderstehlichen Ursula Werner. Nicht nur das Kaninchen, auch eine menschliche Nebenfigur wird so zur Repräsentantin des Verlusts.

Neben seiner künstlerischen Qualität, die diesen Film zu einem zeitlosen Klassiker des Familienfilms machen wird, ist natürlich auch die Aktualität hervorzuheben: Allgemeingültig und schon für Kinder verständlich behandelt er mit den Themen Antisemitismus, Flucht und Vertreibung gleich drei der größten Geißeln der Gegenwart.

Dass dies alles so unprätentiös gelingt, ist auch das Verdienst von Anna Brüggemann, die mit Caroline Link das Drehbuch schrieb. Man kennt sie vor allem als Schauspielerin, aber sie besitzt schon – gemeinsam mit ihrem Bruder Dietrich – einen Silbernen Berlinale-Bären als beste Drehbuchautorin (2014, für „Kreuzweg“). So gelangen Dialoge, die direkt zu Kindern von heute sprechen, ohne deshalb ahistorisch zu klingen. So gesehen hätte der Film vielleicht sogar die Gnade von Alfred Kerr gefunden, von dem das Bonmot überliefert ist: „Wer die Dinge heiter sagt, sagt sie deshalb nicht weniger ernst“.

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl.Deutschland 2019. Regie: Caroline Link. 119 Min.

Filmkritik: Filmemacher Nicolas Pesce reduziert in seinem Relaunch einen japanischen Horrorklassiker auf den amerikanischen Normalzustand: „The Grudge“. Das Erste zeigt einen Krimi nach einer Vorlage der Bestsellerautorin Charlotte Link: „Die Entscheidung“.

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