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Beziehungen, von Verhängnis gesättigt.

Stereo

Alptraum mit Easy Rider

Ein schön gefilmter Psychotrip: „Stereo“ von Maximilian Erlenwein.

Von Anke Westphal

Als der argentinische Regisseur Gaspar Noé im Jahr 2002 „Irreversibel“ im Wettbewerb des Festivals von Cannes zeigte, lief das eigentlich allerhand gewöhnte Fachpublikum ob der exzessiven Gewalt in diesem Film in Scharen aus der Vorstellung. „Irreversibel“ erzählt vom Rachefeldzug zweier Männer, die in einem düsteren Sado-Maso-Club für Schwule den Mörder ihrer schwangeren Freundin zu finden hoffen. Die war nämlich auf dem Heimweg von einer Party in einer Fußgängerunterführung derart vergewaltigt und zusammengeschlagen worden, quasi zu Menschenbrei, dass sie an den Verletzungen starb. „Irreversibel“ sorgte für einen Aufschrei in der Debatte darüber, wie viel Gewalt ein Film zeigen darf und in welcher Form. Es war eine abendländische Debatte, wie Kenner des asiatischen Kinos wussten. Und von der heutigen Warte aus betrachtet, ist

Gaspar Noé selbst im eigenen Kulturkreis längst überholt worden von Regisseuren wie dem Dänen Nicolas Winding Refn, der „Drive“ oder „Only God Forgives“ gezeigt hat, was alles noch geht in puncto expliziter Gewalt. Nicht nur, wenn man den Blick nach Osten richtet.

Kopfkino pur

Gewalt im Film kann man missbilligen oder auch nicht – jedenfalls ist sie längst Teil des Genre-Kinos, das sich seit einigen Jahren auch in Deutschland einer Blüte erfreut. Neuestes Beispiel dafür ist „Stereo“, eine Synthese aus Action-Thriller und Mysteryfilm von Maximilian Erlenwein (u. a. „Schwerkraft“). Der Regisseur hat eine seiner Figuren hier wohl nicht zufällig Gaspar genannt, und auch das furiose Finale des Films dürfte nicht zufällig in einem düsteren Keller-Bordell voller seltsam wirkender Gestalten angesiedelt.

Hier muss Erik (Jürgen Vogel) einem widerlichen Paten (der begnadete österreichische Schauspieler Georg Friedrich) standhalten, der eine letzte Rechnung mit dem ungebetenen Besucher offen hat. Oder der mit ihm, ganz wie man will. Jedenfalls gibt es in diesem Club ein Hauen und Stechen, Ballern und Prügeln, dass nicht allein Winding Refn oder Noé, sondern auch jeder bessere Hongkong-Film-Regisseur seine Freude daran hätte.

Dabei beginnt die Geschichte noch halbwegs friedlich. Der Mechaniker Erik lebt auf dem Land, wo er eine kleine Motorradwerkstatt und eine Freundin mit Kind hat. Wie Easy Rider braust er über die Landstraßen und wird wie seine legendären filmischen Ahnen auch gleich angehalten – von einem Polizisten (Rainer Bock), der Erik nicht leiden kann und sich zudem als Vater von dessen geliebter Julia erweist.

Schon die exquisiten Bilder dieser Anfangssequenz (Kamera: Ngo The Chau) sind von einem Verhängnis gesättigt, das bald alles durchdringen wird: sowohl Eriks private als auch berufliche Beziehungen, sein ganzes Leben, inklusive Vergangenheit. Doch zunächst bietet uns Erlenwein Kopfkino pur, wenn sich sein tätowierter Held plötzlich von einem Unbekannten mit Kapuzenpulli verfolgt sieht, der ihm nicht mehr von der Seite weicht und sein Handeln höchst ordinär kommentiert. Bis er Erik bald auch Befehle erteilt. Gibt es diesen Henry (Moritz Bleibtreu) wirklich, oder ist er nur eine Phantasie von Erik? Und wenn Letzteres der Fall ist, hat Erik dann eine ausgewachsene Psychose entwickelt?

Fast bringt er, in einem Moment geistiger Absenz, Julias Tochter in Lebensgefahr. Nachts sieht er sein Bett brennen. Dann geht Erik zum Arzt (gespielt von Fabian Hinrichs), der ihn zu einer bizarren wie auch attraktiven russischen Wunderheilerin schickt, die in Erik das erkennt, was er offenbar wirklich ist: ein fataler Psycho, der seine Geschichte verdrängt hat. Oder doch nicht?

Einerseits bedient Maximilian Erlenwein die Genre-Gesetze – andererseits enttäuscht er immer wieder trickreich die Erwartungen der Zuschauer, gerade was Eriks Wahrnehmung und Wesen anbelangt. Die Frauen im Kinopublikum dürften besonders irritiert sein angesichts der offensiven Misogynie von Henry und dem bald innerlich befreiten Erik. Frauen kommen in deutschen Mackerfilmen, ob nun Thriller oder Komödie, aber ja nie unbeschadet weg.

Und schreckliche Filme, die toll aussehen, gibt es hier zu Lande nicht so viele. Wer sich an einer eindrucksvoll inszenierten, alptraumhaften Beunruhigung ergötzen möchte mit zwei Darstellern (Vogel, Bleibtreu), die ihre Körperlichkeit selbstbewusst ausspielen, sollte sich eine Kinokarte kaufen.Stereo. Drehbuch & Regie: Maximilian Erlenwein. D 2014. 94 Minuten.

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