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Alltag bleibt Alltag

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Blick auf die Altstadt von Jerusalem 2013 mit der goldene Kuppel des Felsendoms (rechts) und der grauen Kuppel der Al-Aqsa-Moschee (links).
Blick auf die Altstadt von Jerusalem 2013 mit der goldene Kuppel des Felsendoms (rechts) und der grauen Kuppel der Al-Aqsa-Moschee (links). © ARTE France/BR (Yan Schönefeld/zero one 24)

Ähnlich wie vor fünf Jahren bei „24h Berlin“ kann man einen ganzen Tag den Menschen in Jerusalem beim Leben zuschauen.

Von Tilmann P. Gangloff

Der Aufwand war enorm. 70 Teams mit insgesamt 500 Mitarbeitern waren nötig, um 500 Filmstunden zu produzieren. Noch größer dürfte die Aufgabe gewesen sein, dieses Material auf 24 Stunden zu reduzieren. Das Ergebnis ist „24h Jerusalem“, ein Projekt, das ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte von Arte werden soll. Das Programm wird zeitgleich im dritten Programm des koproduzierenden Bayerischen Rundfunks ausgestrahlt.

Erwartungen nur bedingt erfüllt

Wie schon des Öfteren in der Vergangenheit erfüllt das Ergebnis die hohen Erwartungen allerdings nur bedingt. Was in der Theorie faszinierend und wie eine Neuerfindung des Mediums klingt, ist letztlich doch bloß Fernsehen. Das galt schon für das konzeptionell reizvolle, in der Umsetzung jedoch zumindest teilweise eher ermüdende 270 Minuten lange Filmexperiment „Dreileben“ (ARD). Auch die in Echtzeit entstandene Serie „Zeit der Helden“ (Arte/SWR), ebenso wie „24h Jerusalem“ von der Berliner Firma zero one produziert, war längst nicht so faszinierend, wie der kürzlich verliehene Grimme-Preis nahe legt.

Dennoch ist es selbstredend großartig, dass die verschiedenen ARD-Sender gemeinsam mit Arte immer wieder solche Experimente wagen. Mit „24h Jerusalem“ knüpfen Produzent Thomas Kufus und Regisseur Volker Heise (Projektregie und Konzept) an „24h Berlin“ an.

Die entsprechenden Erfahrungen werden ihnen in Jerusalem geholfen haben, was die Größenordnung des Projekts anging, aber die Teilung der Stadt und die potenziellen politischen Konflikte dürften das Team vor völlig neue Herausforderungen gestellt haben. Um die Ausgewogenheit zu wahren und niemanden zu brüskieren, gab es palästinensische und israelischen Teams, die jeweils palästinensische und israelische Protagonisten porträtierten. Zu den europäischen Filmteams gehörten unter anderem Maria Schrader, Dani Levy, Hans Christian Schmid und Andres Veiel.

Unspektakulärer Alltag

Und so kann man nun von morgens 6 Uhr an 24 Stunden lang einen ganz normalen Werktag in Jerusalem erleben. Wie bei „24h Berlin“ und auch bei „Zeit der Helden“ vollzieht sich das Leben im Fernsehen in der gleichen Zeit wie vor dem Fernsehen: Morgens stehen die Menschen auf, tagsüber gehen sie arbeiten, abends gehen sie ins Bett.

Schon „Zeit der Helden“ aber hatte den Nachteil, dass der Alltag im Allgemeinen recht unspektakulär ist. Ob die Menschen, denen man beim Kaffee trinken und Betten machen zuschaut, in Berlin, Jerusalem oder Kleinkleckersdorf leben, ist dabei zweitrangig.

Als Nachteil erweist sich auch das Echtzeitgebot. „24h Jerusalem“ orientiert sich am Prinzip der Doku-Soap und kombiniert pro Sequenz mehrere Erzählstränge, was zur Folge hat, das die Protagonisten immer wieder bei den gleichen eintönigen Beschäftigungen gezeigt werden.

Besonders deutlich wird dies am Beispiel eines Priesters, der morgens nur für sich selbst eine Messe liest; daran ändert sich auch nichts, nur weil die Kamera quasi alle paar Minuten vorbeischaut. Es mutet daher fast schon selbstironisch an, wenn der Kommentar bei der „Rückkehr“ zum Bäcker feststellt, dass der Sohn des Bäckers immer noch Bäcker werden will.

Unterm Strich soll die Summe dieses Thementages natürlich größer sein als die Einzelteile, und tatsächlich erhält man einen völlig anderen Eindruck dieser ganz speziellen Stadt als bei einem touristischen Besuch; das ist allerdings auch das Mindeste.

Homöopathisch dosierte Hintergrundinformationen klären zwar immer wieder über historische und städtebauliche Besonderheiten auf, außerdem gibt es regelmäßig Angaben zum Wetter, und gelegentlich erhascht man auch einen Blick auf die weltberühmten Sehenswürdigkeiten; aber im Vordergrund stehen die Menschen aus Jerusalem.

Doch so spannend die Rahmenbedingungen auch sein mögen, weil Palästinenser, die in der Stadt arbeiten, für ihren Weg zur Arbeit wegen der diversen Kontrollen viel länger als eigentlich nötig brauchen: Letztlich sehen die Arbeitsabläufe bei der Müllabfuhr oder in einem Hotel überall auf der Welt gleich aus.

Zusatzmaterial im Internet

Interessant sind die Protagonisten, wenn die Einzelschicksale aufgrund der politischen Umstände über sich hinausweisen. Trotzdem ist „24h Jerusalem“ immer dann am eindrucksvollsten, wenn der mitunter etwas geschwätzige Kommentar gänzlich verstummt und man sich auch dank der stimmungsvollen Musik sein eigenes Bild machen kann.

Im Internet (www.24hjerusalem.tv) gibt es nicht nur eine Menge Zusatzmaterial, das parallel zur Ausstrahlung ständig aktualisiert wird, sondern auch Live-Chats mit Mitgliedern des Projektteams, etwa Heise und Kufus,  sowie Nahostexperten.

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