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Anne Will.

„Anne Will“, ARD

Brexit: Alles zurück auf Anfang?

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Anne Will stellte Fragen zum Brexit, von denen sie wusste, dass es keine seriöse Antworten geben konnte.

Wohnungsnot? Organspende-Debatte? Ein Verkehrsminister, der sich als Witzfigur im Bemühen um besseres Klima erweist? Es hätte doch ein paar innenpolitische Themen gegeben, derer sich Anne Will hätte annehmen können. Stattdessen: "Wie lange denn noch? Das Ringen um den Brexit“. 

Da darf man doch fragen: Wie oft denn noch? Nun ist ja am 12.April der nächste in der schier endlosen Reihe von „entscheidenden“ Terminen; aber inzwischen haben Premierministerin Theresa May und EU-Ratspräsident Donald Tusk schon wieder neue Daten ins Spiel gebracht, man hätte also auch erst den kommenden Sonntag dem Dauerthema Brexit widmen können. Stattdessen erging man sich, forciert durch die Moderatorin, in Kaffeesatzleserei. 

„Was wird Theresa May machen?“

So fragte Will dann ab, ob May den 30. Juni „ernst“ meine. Oder ob es eine Lösung beim Treffen Mays mit Labour-Chef Jeremy Corbyn geben werde. Ob die EU sich hartleibig zeigen werde, und, besonders clever: „Was wird Theresa May machen?“ Annette Dittert, die Leiterin des ARD-Studios London, gab wiederholt zur Antwort: „Keine Ahnung“. Woher auch.

Und da Gäste in Talkshows wie auch der Rest der Bevölkerung im Allgemeinen nicht mit prophetischen Gaben gesegnet sind, kamen dann überwiegend die alten Argumente und Positionen auf den Beistelltisch im Studio, inklusive der tanzenden Premierministerin. So hob der auch nicht zum ersten Mal als Talkshow-Gast anwesende Tory-Abgeordnete Greg Hands darauf ab, dass sich die EU jetzt bewegen müsse, denn „it takes two to tango“. 

Das Brexit-Abkommen darf kein Diktat sein

Während Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen Mays Treffen mit Corbyn als „Bewegung in der Sache“ wertete. Selbstredend waren sich alle einig, dass ein „harter“ Brexit vermieden werden müsse. Den befürchtet Hands aber, weil in Brüssel „kein Wille zur Lösung“ zu finden sei Da widersprach die hier als Chefdiplomatin auftretende Ministerin natürlich und betonte die deutsch-britische Freundschaft. 

Doch Günther Verheugen, SPD, einst EU-Kommissar, fand das Verhalten der EU nicht eben von Freundschaft bestimmt: Das Brexit-Abkommen sei kein Diktat, sähe aber so aus. Der Prozess sei ein Lehrstück, „ man nicht mit einem Mitgliedsstaat umgehen soll“. Die Probleme lägen auf Seiten der EU, die kein Interesse haben könne, dass Großbritannien geschwächt werde, denn alleine dessen Wirtschaftskraft entspreche der von 20 anderen EU-Staaten. 

Keine Einigkeit bezüglich zweites Referendum

Um die Schwierigkeiten aus der Welt zu schaffen, schlug er vor, „zurück auf Null“ zu gehen – alles auf Anfang also. Oder vielleicht doch erstmal eine längere Verlängerung? Verheugen konnte da „keine Logik erkennen.“ Dafür sprach sich vor allem Philippa Whitford aus, Abgeordnete der Scottish National Party im britischen Unterhaus; sie hofft, dass die Zollunion kommt, denn May suche nun einen Kompromiss, „das hat sie drei Jahre lang nicht gemacht“. 

Bei einer Verlängerung aber müssten die Briten bei der Europawahl mitmachen, was Greg Hands „lächerlich“ fand; er warnte vor möglichen „30 Nigel Farages“ als künftigen Europa-Parlamentariern. Ministerin von der Leyen hingegen setzte ihre Hoffnung auf junge Wähler und wurde von Annette Dittert bestätigt. Die junge Generation sei „pro-europäisch“.

Aber nicht einmal über die Chancen eines zweiten Referendums waren sich die Gäste einig. Während Dittert und von der Leyen eine andere Stimmung auf der Insel ausgemacht hatten, warnte Greg Hands, vor der ersten Abstimmung habe man auch an eine Mehrheit der „Remainers“ geglaubt, und jetzt hätte zum einen Brüssel ein wesentlich schlechteres Ansehen im Königreich, zum anderen müssten die Brexiteers nun nur noch plakatieren: „Tell them again!“ 

Philippa Whitford hingegen betonte, dass man jetzt viel mehr wisse, „was wir verlieren“ bei einem Brexit, und 2016 habe niemand dan Nordirland gedacht. Annette Dittert fand es „deprimierend, wie sich eine ganze Nation selbst zerlegt“. Und falls es Zuschauer geben sollte, die noch nicht genug vom Brexit auf der Mattscheibe haben, setzt Frank Plasberg am Montagabend bei „Hart aber fair“ ganz populistisch auf das Ressentiment und fragt: „Sorry, liebe Briten: Wer nimmt euch jetzt noch ernst?“ 

„Anne Will“, ARD, von Sonntag, 7. April, 21.45 Uhr. Informationen im Netz.

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