Die Jurymitglieder der Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS), Musikproduzent Dieter Bohlen (l-r), Moderatorin Nina Eichinger und Musikmanager Volker Neumüller.
+
Die Jurymitglieder der Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS), Musikproduzent Dieter Bohlen (l-r), Moderatorin Nina Eichinger und Musikmanager Volker Neumüller.

TV-Kritik "DSDS"

Alles schön in Schubladen verteilt

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
    schließen

Deutschlands Superstar-Anwärter haben Routine im Rollenspiel: Hier das blasse Kellerkind, dort die rotgefleckte Null, der Vollproll ohne Stimme. Wird das nicht deutlich, übernehmen Regie und Jury die Klärung. Massenfabrikation vom Feinsten. Von Judith von Sternburg

Zu spät aus dem Büro gekommen für den Galapagos-Naturfilm auf 3sat. Darum also Folge 1 der neuen "Deutschland sucht den Superstar"-Staffel auf RTL geguckt. Damit verhält es sich ähnlich wie mit einem Groschenheft: Wer es nicht kennt, hofft insgeheim, es sei Wer-weiß-Was darin verborgen, und es bräuchte nur endlich ein Alibi (am besten was Berufliches), um das in Ruhe zu genießen. Aber in Wahrheit handelt es sich um simple Massenfabrikation. Mit Natur hat das so wenig zu tun wie ein zu kleines Affenhaus im Zoo. Dafür sind die Tiere aber gut zu sehen.

Als das Eingangs-Gedöns (ganz Deutschland fiebert mit) abklingt, sieht man einige Kandidaten aus der Masse der 35.000, die sich laut RTL diesmal beworben haben. Die Gruppe ist zu dem Zeitpunkt noch mit etlichen Personen durchsetzt, die in einer allerdings einmaligen Mischung aus Fadheit und Menschenverachtung der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Das Argument, dass die meisten von ihnen volljährig sind, verliert angesichts der Primitivität der Bloßstellung an Boden. Einmal geht es längere Zeit um die Frage, ob sich einer der Kandidaten vor Schreck in die Hose gemacht haben könnte. Einem asiatisch aussehenden jungen Mann werden Fantasiezeichen und Wörter ohne "r" unterlegt. Dass er "Drei Chinesen mit dem Kontrabass singt", gehört ebenfalls mit zum Spaß.

Die Kandidaten haben offenkundig selbst bereits häufig genug zugeschaut, um zu wissen, wie man sich als Kandidat benimmt. Auch die peinlichen Kandidaten sind auf eine routinierte Art peinlich. Wie in der Politik oder im Geschäftsleben hat sich in der Casting-Show alles auf Schubladen verteilt. Die Nachkommenden schlüpfen nur noch hinein: hierhin das blasse Kellerkind, dorthin die rotgefleckte Null oder der Vollproll, der Sympath, die Unbedarfte, die Durchgeknallte mit und ohne Stimme. Eine forcierte Individualität hält dem nicht stand, im Gegenteil: Das anscheinend Schräge passt sogar am besten. Wenn das nicht deutlich genug wird, übernehmen Regie und Jury die Klärung.

Das durch eine leicht angeödete Begeisterung nur kurz unterbrochene Abfertigen beziehungsweise Niedermetzeln der Kandidaten seitens der Jury ist inzwischen allgemein bekannt. Vermutlich wird es ab und an in Bewerbungsgesprächen kopiert. Köstlich, dass so was als halbwegs ehrlich durchgehen kann. Eigentlich ist dazu alles gesagt. Manchmal aber muss man es mit eigenen Augen sehen, um sich danach wieder anderem zuwenden zu können.

Apropos.Die Älteren unter uns haben nicht vergessen, dass es Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) war, der sich für das Privatfernsehen stark gemacht hat, als wäre es das rechte Fundament für die von ihm propagierte geistig-moralische Wende. Da hatte er auch völlig recht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare