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Alles ist Satire im hr: Schwachsinnsartilleristen der Querdenkenbewegung

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Keine Satire, aber dennoch lustig: Corona-Impfgegner in Hamburg.
Keine Satire, aber dennoch lustig: Corona-Impfgegner in Hamburg. © Daniel Reinhardt/dpa

„Radikal komisch – Die Macht der Satire“ - diesem komplexen Thema widmet sich eine Dokumentation im hessischen Fernsehen. Eins vorab: Satire ist männerdominiert.

Das Ensemble ist dasselbe, die Themen sind neu, die Nerven zum Zerreißen gespannt. Ich habe wieder den Fernseher bemüht, damit Sie nicht Florian Schroeder zuhören müssen. Schnell den guten Tropfen (friesisch herb) aus dem Kühlschrank herantragen und weiter geht es mit der zweiten Folge der dreiteiligen Kurzserie „Radikal komisch – Die Macht der Satire“ im hr-Fernsehen vom Donnerstag, den 10. Februar um 22:30 Uhr. Über die erste Episode berichtete ich letzte Woche.

Schnell fällt auf, dass die Wortbeiträge diesmal anscheinend nicht ganz ausreichend waren, um die angesetzte halbe Stunde mit Inhalt zu füllen, weshalb auf lange Einspieler dramatischer Szenen von Straßenschlachten, Raketenbeschuss, Naturkatastrophen, Protesten und Demonstrationen sowie Flucht und Vertreibung zurückgegriffen wird, um ein angemessen düsteres Bild der Gegenwart zu zeichnen. Um das Grauen noch zu untermalen, wird auch nicht davor zurückgeschreckt, angsteinflößende Fratzen der großen Welt-Politik einzubinden, die eine ähnliche Wirkung wie Schockbilder auf Zigarettenschachteln entfalten. Gekonnt eröffnet Shahak Shapira dann auch das Feuer und konstatiert, dass man heute offenbar von Comedians erwarte, Politik zu machen, „weil die Politiker jetzt alle zu Clowns geworden sind.“

„Radikal komisch – Die Macht der Satire“ (hr): Florian Schroeder sprach bei „Querdenken“ Stuttgart

In dieser Folge kommen nun mehr ungewollte komische Redner (ja, alles Männer) zu Wort in Form von ganz besonders ausgeprägt irren Schwachsinnsartilleristen der Querdenkenbewegung. In diesem Rahmen ist dann auch die große Stunde des Florian Schroeder gekommen, dessen Rede bei Querdenken Stuttgart gezeigt wird und ja, auch ich kann nicht anders, als diesem denkwürdigen Auftritt meine Hochachtung zollen. So komme ich auch nicht umhin, Schroeder hier zu zitieren, denn mit dem Satz „Es ist ernster geworden und darauf reagiert die Satire mit deutlich mehr Haltung“ fasst er dieses Glanzstück seines Schaffens passend zusammen. Mit dem Nachtrag „Manchmal fehlt mir auch ein bisschen die Leichtigkeit“ rundet er das Ganze noch sauber ab.

Zur Person

Dominic Harapat aus Wetzlar ist Autor, Produktionsarbeiter, Kommunalpolitiker und hessischer Landesvorsitzender der Partei Die PARTEI. Er gilt aufgrund seiner schmierigen Rhetorik und juvenilen Redlichkeit vor allem unter älteren Mitbürger:innen als die perfekte Verkörperung des politischen Enkeltricks. Eben ein echter Profi.

Über die Folge verstreut werden Sprache und Ziele der Satire immer wieder zum Thema und auch die unterschiedliche Wahrnehmung im Wandel der Zeit. Gerade in den letzen Jahren häuften sich die Vorwürfe von Sexismus, Rassismus oder Ableismus gegenüber gegenwärtigen aber auch früheren satirischen Werken. Während sich der frühere Kançler-Kandidat der Die PARTEI Serdar Somuncu darüber beklagt, für sein Programm keinen „Maulkorb“ anlegen und statt dessen weiterhin alles sagen zu wollen sieht PARTEI-Vorsitzender und Europaabgeordneter Martin Sonneborn fehlendes Verständnis für „uneigentliches Sprechen“ in der breiten Gesellschaft als Problem.

„Radikal komisch – Die Macht der Satire“ (hr): Harald Schmidt würde heute nicht mehr gehen

Verständnisvoller zeigt sich Autorin und Titanic-Kolumnistin Ella Carina Werner, wenn junge Menschen bestimmte Witze heute nicht mehr hören wollen. Christina Schlag vom Browser Ballett stellt fest, dass Minderheiten und marginalisierte Gruppen mittlerweile eine Stimme bekommen haben und sich zu Recht dagegen wehren, wenn man sich über sie lustig macht. „Man ist sensibler geworden“, hält sie fest, jedoch „müssen [wir] auch aufpassen, dass wir nicht zu viel ‚beachten‘.“ Satire hat, so Schlag, den Auftrag zu provozieren und „wenn ich Reaktionen rauslocken will, dann muss ich auch mal ein bisschen über die Stränge schlagen.“

Der Kabarettist Till Reiners wirft ein „Wenn man sich so eine alte Harald-Schmidt-Show mal anguckt, das würde nicht mehr gehen. Auf gar keinen Fall!“ Es folgt ein Ausschnitt aus eben dieser Show, in der Schmidt mit seinem Sidekick Manuel Andrack den Umgang mit rassistischen Begriffen diskutiert und diese dabei ständig wiederholt. Wenn das heute nicht mehr geht, dann frage ich mich allerdings, was „Nuhr im Ersten“ jetzt großartig davon unterscheidet. Oder werden in dieser Sendung etwa gar keine Altherrenwitze vom Stammtischniveau des Kreppelbacher Schützenvereins wiedergegeben?

„Radikal komisch – Die Macht der Satire“: Frauen in der Satire sind in der Minderheit

Nach einem kurzen Schlenker über Facebook, Twitter, etc., den Shapira mit „Social Media ist Müll!“ bündig zusammenfasst, findet die Doku endlich ihren Weg zu Frauen in der Satire, beginnend mit der Problematik um Hasskommentaren im Internet, die auffallend häufig Frauen zum Ziel haben. Mit Sarah Bosetti wird an dieser Stelle eine großartige Autorin ins Spiel gebracht, die vor allem den künstlerischen Umgang damit verkörpert. Sie berichtet davon, wann und wie sie von Hasskommentaren betroffen ist und auch davon, wie sie daraus Kunstwerke dichtet, dargestellt am Beispiel einer Liebeslyrik auf Hatespeech-Basis aus ihrem Buch „Ich habe nichts gegen Frauen, du Schlampe!“.

Mit humoristischen Einlagen zur Gleichberechtigung wird das Thema Frauen und Satire in dieser Episode zwar stärker in den Fokus gerückt und gefühlt haben Bosetti, Schlag und Werner diesmal auch etwas mehr Anteil an der Sendung, weiterhin sind Frauen aber auch in dieser Woche unterrepräsentiert und es ist schade, dass nicht mehr Satirikerinnen zu Wort kommen. Ob man beim Hessischen Rundfunk nicht mehr von ihnen wollte oder nicht mehr bekommen hat, bleibt an dieser Stelle ungewiss.

„Radikal komisch – Die Macht der Satire“: Humoristische Einlagen zur Gleichberechtigung

Zum Schluss hat dann noch einmal Martin Sonneborn das Wort, mit dem Versuch den ersten, zertifizierten Witz im Europaparlament zu verlesen, ehe ihm das Wort abgeschnitten und die Sitzung vertragt wird. In der Demokratie dürfen eben alle frei reden, es müssen aber nicht alle zuhören.

Auch dieser Teil der Kurzserie ist wieder recht unterhaltsam. Ich hätte mir dennoch etwas mehr Tiefgang in die einzelnen Themen gewünscht und dafür gern den Preis gezahlt, auf Stockfootage von Krieg und Krisen weitgehend zu verzichten. Antworten auf die Streitfragen der Humoristik hätte das zwar auch nicht geliefert, denn sämtliche Wortbeiträge können im gegebenen zeitlichen Rahmen allenfalls als Anregungen zur Debatte und Meinungsbildung dienen. Damit hat der Öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Kernaufgabe allerdings auch schon erfüllt und wer macht schon gern mehr, als er oder sie muss? (Dominic Harapat)

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