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Dr. Thackery (Clive Owen, m.) mit Schwester Lucy (Eve Hewson, l.) und Dr. Bertie Chickering (Michael Angarano, r.) im OP.

„The Knick“ auf ZDFneo

In aller Feindschaft

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Die Serie „The Knick“ mit Hauptdarsteller Clive Owen ist Steven Soderberghs bislang aufwändigstes Projekt. Soderbergh verantwortet bei allen Episoden Regie, Kamera und Schnitt. 

In einem schmuddeligen Kellerlokal wartet ein stämmiger Mann in einem provisorischen Ring auf seinen Gegner. Das Publikum johlt. Der Fight beginnt: Mensch gegen Ratten. Ein ganzes Rudel von Nagern wird freigelassen. Der Kämpfer endet im Krankenhaus.

Eine Szene mit Symbolgehalt aus der TV-Serie „The Knick“. So lautete die gebräuchliche Bezeichnung für das 1979 geschlossene traditionsreiche Harlemer Knickerbocker Hospital, in der Serie der zentrale Schauplatz. Sie erzählt von den Ärzten, Schwestern, Patienten, Ambulanzfahrern und führt auf diese Weise in die unterschiedlichsten Milieus. So entsteht über mehrere Episoden hinweg das Zeitbild einer von starken sozialen Kontrasten geprägten Stadt an der Schwelle zur Moderne.

Im New York des Jahres 1900 sind viele gezwungen, sich durchzubeißen. Selbst ein hochqualifizierter Arzt mit europäischer Ausbildung – sofern er eine schwarze Hautfarbe hat, so wie Dr. Algernon Edwards (André Holland). Die Robertsons, eine der gesellschaftlich führenden Familien New Yorks mit großem Einfluss auf das „Knick“, möchten Edwards, der in ihrem Haushalt groß geworden ist, zum stellvertretenden Leiter der Chirurgie berufen. Oberarzt Dr. John Thackery (Clive Owen) lehnt den Bewerber ab. Nicht nur hat er mit Dr. Gallinger (Eric Johnson) einen hauseigenen Kandidaten für die Stelle, er will auch keinen Afroamerikaner, weil der die Patienten abschreckt. Die Robertsons setzen sich durch, aber Edwards stößt auf offene Anfeindungen. Er erhält ein Büro im Keller, neben den Heizkesseln, wo andere Schwarze Kohle schaufeln.

Doch Edwards weiß selbst diese schäbigen Möglichkeiten zu nutzen. Er richtet ohne Wissen der anderen Ärzte eine Praxis für Bedürftige ein, vor allem für Afroamerikaner. Und es kommt der Tag, an dem seine Fachkenntnis gebraucht wird.

Jeder ist käuflich

Der Chefchirurg Thackery ist unberechenbar, aber ein fähiger Mann. Er bewegt sich auf dem aktuellen Stand der Medizin und arbeitet selbst an neuen Methoden. Dazu benötigt er fortwährend frische Leichen, um experimentieren zu können. Aber die sind schwer zu bekommen. Andere Kliniken zahlen bessere Preise.

Und hier nimmt jeder, was er kriegen kann. Der Gesundheitsinspektor ist korrupt, ebenso die Ambulanzfahrer, die sich um kranke Patienten prügeln und die Toten fleddern. Man geht über Leichen und verkauft sie anschließend an den Meistbietenden. Das „Knick“ arbeitet defizitär, nicht zuletzt wegen der Misswirtschaft des Verwaltungsdirektors. Der hat Schulden bei einem Kredithai, die er mittels Betrug und Unterschlagung zu begleichen versucht. Mitunter zum Schaden der Erkrankten.

Wenig zimperlich geht es auch im medizinischen Bereich zu. Operationen werden vor Publikum durchgeführt, längst nicht alle Patienten überleben. Selbst die Entfernung eines Blinddarms ist riskant. Auf der anderen Seite wagt sich Thackery an Pioniertaten, arbeitet mit Elektrizität, versucht sich an der ansatzweisen Rekonstruktion einer Nase. Das Gesicht der jungen Frau wurde von der Syphilis zerfressen.

Historische Vorbilder

Zartbesaiteten Zuschauern ist „The Knick“ nicht zu empfehlen. Steven Soderbergh, bei dieser Serie entgegen sonstiger Praxis alleiniger Regisseur und auch für die Kameraarbeit sowie den Schnitt zuständig, setzt nacktes Elend, versehrte Körper und blutige Operationen ungeschönt in Szene. Aber die Serie zählt nicht zum Horrorgenre, in dem sich die Maskenbilder eine Art Wettstreit liefern, wer die grausigsten Effekte und heftigsten Schocks abliefert. Vielmehr zeigt „The Knick“ Verfahrensweisen und Ausrüstungen, die dem damaligen Stand entsprechen.

Der Realismus geht noch weiter. Die beiden Hauptkontrahenten, der Chefchirurg Thackery und Dr. Algernon Edwards, sind an historische Figuren angelehnt. Selbst Thackerys Drogensucht, ein an Sherlock Holmes gemahnendes Moment, liegt in Usancen seiner Zeit begründet: Ärzte pflegten neue Techniken an sich selbst oder an Kollegen zu erproben. Man experimentierte in dieser Zeit mit diversen Narkosemethoden, spritzte Kokain und Morphium. Der Medizinpionier Dr. William Stewart Halsted, der für die Figur des Dr. Thackery Pate stand, wurde auf diese Weise lebenslang abhängig.

Wie Thackery verfügen alle Figuren über charakterliche Brüche, die erst nach und nach enthüllt, weitergeführt oder auch revidiert werden. Ein spannungsfördernder Faktor; reizvoll ist „The Knick“ zudem als schichtenübergreifende Erkundung einer turbulenten Epoche mit einer bis ins Detail perfekten Ausstattung. Wie „Downton Abbey“ also. Aber mit mehr Innereien.

„The Knick“, ZDFneo, ab 18.8. (zwei Folgen), dienstags, 22.30 Uhr. Ferner auf Deutsch und originalsprachlich bei diversen Streaming-Anbietern.

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