Kommissarin Nora Dalay (m.) wird von Vermummten überfallen.
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Kommissarin Nora Dalay (m.) wird von Vermummten überfallen.

"Tatort: Hydra", ARD

Alleine gehen, alleine denken

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Eine üble Rudelbildung im neuen Dortmund-Tatort, der in die rechtsextreme Szene führt. „Hydra“ handelt nicht zuletzt von der Machtlosigkeit gegenüber Gewalt.

Ein gar nicht übler Kontrapunkt zum Ende dieser Woche ist der neue WDR-Tatort aus Dortmund. „Hydra“ blickt übellaunig und streng auf die rechtsextreme Szene der Stadt, auf geistig verlotterte Leute, die im Kindergarten arbeiten, Dortmunder Seniorinnen die Einkaufstasche nach oben tragen, stramm zur Borussia stehen und in ihrer Freizeit Menschen bedrohen und zusammenschlagen, sicherheitshalber im Rudel und maskiert.

Die dunkle, nein, grelle Rolle des Verfassungsschutzes wird nicht außer acht gelassen, nicht die Position der verängstigten und auch unerträglich bedrohten Zeugen. Aber auch nicht die bequeme Unbetroffenheit der Unauffälligen. Sie haben keine Lust, immer Fingerspitzengefühl zu haben, bloß weil eine Frau zum Beispiel Jüdin ist. Der Kollege Kossik etwa, Stefan Konarske. Der Mann der Frau, die hier gerne teils der Einfachheit, teils der Diskriminierung halber als „die Jüdin“ bezeichnet wird, ist vor einiger Zeit ermordet worden. Die Ermittlungen stocken ewig, weil keiner was gesehen haben will. Der Täter, den man als fast schon allgemein bekannt bezeichnen kann, ist weiterhin ein freier Mann und Neonazi. War, denn nun wird er erschossen aufgefunden.

Machtlosigkeit gegenüber Gewalt

Weniger unauffällig ist in diesem Fall die Kollegin Dalay (Aylin Tezel), die sich alsbald als „Türkenfotze“ beschimpfen lassen muss. In einer niederschmetternden, weit realistischeren Szene sprüht ihr eines der Rudel nachher ein Hakenkreuz auf den Bauch. Man sieht nämlich noch, und Regisseurin Nicole Weegmann lässt sich Zeit dafür, wie sie versucht, sich einigermaßen besonnen zu verhalten, erst mutig, dann defensiv, wie es einer Polizistin ansteht. Und wer jetzt sagt: Die hätte einfach nicht das Haus verlassen dürfen in dieser Situation, muss sich schon zugleich fragen, wie er sich das normale Leben in einem freien Land eigentlich so vorstellt.

„Hydra“ handelt nicht zuletzt von der Machtlosigkeit gegenüber Gewalt. Dass man das weiß, macht es nicht unwesentlicher, zumal anders als nebenan in Köln keine Belehrung daraus erfolgt, sondern eine Geschichte. Dass es ein paar Standards gibt – den miesen Staatsanwalt, ein tragisch schlecht beleumundeter Berufsstand –, dazu sowohl wirre als auch konstruierte, überkonstruierte Volten, richtet an der Gesamtanlage merkwürdigerweise nicht zu viel Schaden an. Das liegt an den schönen Volksszenen, die sich am nicht immer sofort merklichen Übergang von der Fußballbegeisterung und Kneipenbehaglichkeit zur Gewaltbereitschaft bewegen. Sind ja dieselben netten Kumpel, und auch Frauen dürfen mitmachen.

Fünfter Dortmund-Tatort

Das liegt vor allem aber ausgerechnet an dem wie immer total gestörten Ermittler Faber, dem Jörg Hartmann, wieder genialisch nüchtern und doch originell flankiert von Anna Schudt als Frau Bönisch, von Folge zu Folge mehr Überzeugungskraft gibt. Obwohl er sich wieder unmöglich benimmt. Vielleicht ist es bloß die Gewohnheit, die im Tatort ihre eigene Rolle spielt, nicht so sehr weil die Zuschauer Trantüten wären, sondern weil es gut ist, einer Figur etwas Zeit zu geben. Auch der fünfte Dortmund-Tatort durfte vom selben Autor, Jürgen Werner, geschrieben werden. Das vierköpfige Team treibt er diesmal in eine eklatartige Aussprache (sinnlose Rumschreierei), die von konferenzerfahrenen Menschen als naturgetreuer wahrgenommen werden dürfte, als ihnen lieb ist.

Dass Frau Bönisch nächtens an der Hotelbar sitzt und Männer kennenlernt, die es mit Sicherheit nicht wert sind, dass Herr Faber sich kurz dazu setzt, und schon ist er wieder weg, verliert unterdessen   langsam das Absurde und Weithergeholte und wird zum Teil des seltsamen Lebens entfernter Bekannter. Auch ist „Hydra“ natürlich ein idealer Auftritt für Einzelgänger. Wer sich überhaupt in einer Gruppe bewegt, wird einem künftig einmal wieder ganz verdächtig erscheinen.

Tatort: Hydra, ARD, So., 20.15 Uhr.

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