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Sie hält alles zusammen, aber hier hat sie mal ein Date: Katharina Schüttler mit Steffen Groth.

Neu im Kino: „Die Welt der Wunderlichs“

Alle haben sie einen Knacks

Dani Levys melancholische Familienkomödie „Die Welt der Wunderlichs“ lebt vom inszenierten Chaos und von großen Schauspielern.

Von Cornelia Geissler

Allein das muss man gesehen haben: Die früher umtriebige Moderatorin Arabella Kiesbauer kündigt gewesene Berühmtheiten als Jury an – Thomas Anders, Sabrina Setlur und Friedrich Liechtenstein. Sie entscheiden bei einer Show namens „Second Chance“ im Schweizer Fernsehen über einen möglichen neuen Karrierestart von singenden Kandidaten. Wie sich jeder Einzelne mit einem Lächeln zwischen süßlich und süffisant ans Publikum wendet, das ist kribbelkomisch. Die Show bildet den späten Höhepunkt von Dani Levys Film „Die Welt der Wunderlichs“.

Auch das muss man gesehen haben: Walter Wunderlich führt die Polizisten, die ihn als Ausreißer auf die psychiatrische Station einer Klinik zurückbringen, mit dem Gestus des Chefarztes durch die Flure und fragt freundlich, ob Burn-out nicht ein großes Problem für die Beamten sei. Anderntags verwandelt er sich vom Raststättenkunden in einen Lebensmittel-Kontrolleur mit strengem Blick und kruden Ratschlägen. Peter Simonischek spielt den Hochstapler mit dem von „Toni Erdmann“ gewohnten Charme, wirbt auch diesmal um die Gunst der erwachsenen Tochter. Doch in diesem Film ist seine Figur manisch-depressiv und befindet sich seelisch zuweilen tief unten.

Sehr sehenswert sind auch die Ausbrüche des Jungen Felix, seine quietschende Freude, als er die Lehrerin in den Schrank gesperrt, sein Jubel, als er den Kaffeeautomaten zur Überproduktion animiert hat und unbedingt auch sein nachdenklicher Satz für die Mutter, dass sie sich doch auch wünschte, er sei normal. Denn sie, Mimi, ist das Zentrum seiner Welt und in der „Welt der Wunderlichs“; ihre Geschichte wird hier erzählt.

Würde man die Figuren in Dani Levys neuem Film auf einer Hurrikan-Satellitenaufnahme anordnen, befände sich Mimi im Auge des Sturms. Alle kreisen um sie. Manchmal streift sie selbst die gefährliche Zone – kurvt zu wild mit ihrem Moped, schreit, tobt. Doch meistens hält sie als ruhiger Pol die Familie zusammen. Dieser Aufgabe stellt sie sich bereitwillig, wenn es um ihren Sohn geht, der bei ihr allein aufwächst. Er ist hyperaktiv, sehr schlau, aber selten in der Lage, die Gefühle anderer einzuschätzen und die Folgen seiner Einfälle zu bedenken. Felix’ Handlungen bewegen sich oft an der mütterlichen Verzweiflungsgrenze entlang.

Der Anker vorm endgültigen Abheben

Und wenn es gilt, ihren manisch-depressiven Vater vor sich selbst, seiner Spielsucht und seinen Anfällen von Größenwahn zu schützen, zieht Mimi das zähneknirschend durch – auch wenn sie es lieber sähe, er bliebe in der Psychiatrie.

Von den anderen Familienmitgliedern hielte sie sich gern fern, doch alle hängen an ihr. Dani Levy gruppiert sie so, als würden alle in dieser Person ihren Anker suchen, der sie vorm endgültigen Abheben rettet. Mimi Wunderlich, in allen Nuancen der Fürsorge wie der Überforderung glaubwürdig gespielt von Katharina Schüttler, muss den Ex an seine Pflichten dem Sohn gegenüber erinnern, das Gejammer ihrer Mutter ertragen, sich der Vorwürfe der erfolgreichen Schwester erwehren. Und dann ist da noch der gut aussehende Mann, der zufällig auftaucht und behauptet, nicht anders zu können als Frauen in sich verliebt zu machen.

Viele im deutschen Kino erfolgreiche Komödien der letzten Jahre kommen aus Frankreich und handeln von Familien. Deren Komik speist sich oft aus einem Rollentausch, versteckten neuen Partnern oder gewissen Marotten einzelner Personen. „Die Welt der Wunderlichs“ firmiert auch als Komödie, und man kann oft lachen. Es ist allerdings meistens ein erleichtertes Lachen, weil es einem Schrecken weicht oder umgekehrt eines, das wieder in die Kehle zurückrutscht, weil auf den komischen Moment ein tragischer folgt.

Der Film macht nicht glücklich wie so manche Komödie, aber er beteiligt den Zuschauer emotional, er begleitet ihn aus dem Kino heraus.

Levy zeigt seine Familie nicht nett und fein wie seine französischen Kollegen, eher derb und laut. Er führt die Akteure an ihre Grenzen – bis zur Anarchie. Mit solchen Szenen trifft Dani Levy ins Herz der Gesellschaft: Viele Frauen befinden sich oft in verzweifelter Lage, weil sie alles allein managen müssen. Viele Männer in der Lebensmitte kommen mit ihrer Rolle nicht mehr zurecht. Und seelische Krankheiten, wie sie Mimis Eltern plagen, sind nun auch nicht selten.

In diesem Film haben alle einen Knacks. Mimis Mutter, herrlich theatralisch gespielt von Hannelore Elsner, trauert ihrer Karriere als Sängerin nach und giert nach Aufmerksamkeit. Mimis Ex-Mann und einstiger Bandpartner ist ein durch Alkohol und Drogen heftig gealterter Rockmusiker, Martin Feifel interpretiert ihn mit Mut zur Hässlichkeit. Reizend schräg agiert auch Christiane Paul als Mimis Schwester, eine eigentlich erfolgreiche Inhaberin eines Friseursalons, die noch immer unter der unerwiderten Liebe der Eltern leidet. Fünf Tage lang zerren sie an Mimi und ziehen mit ihr herum. Denn bei der Casting-Show wollen sie unbedingt dabei sein. Die Familie muss Mimi doch unterstützen. Und wie sie dann singt!

Die Welt der Wunderlichs, D, Schweiz 2016. Regie: Dani Levy. 103 Min.

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