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Alexander Gerst lässt sich von der ISS aus zu einem Konzert der Elektro-Band Kraftwerk zuschalten.

"Reise zu neuen Horizonten", 3sat

Mit Alexander Gerst zu neuen Horizonten

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Der deutsche Astronaut Alexander Gerst ist Protagonist eines abendfüllenden 3sat-Dokumentarfilms über den aktuellen Stand und die Zukunft der Raumfahrt.

Wenn alles gutgeht, wird Alexander Gerst die Weihnachtsfeiertage zu Hause verbringen. Für den 20. Dezember ist sein Rückflug geplant. Dann wird er über ein halbes Jahr in der internationalen Raumstation ISS verbracht haben, die Hälfte der Zeit als Kommandant.

2014 war Gerst zum ersten Mal in der ISS. Seither ist er ein bekanntes Gesicht, wurde mit Ehrungen bedacht und zu einer Person des öffentlichen Lebens. Und er wird verehrt wie ein Popstar. Im Sommer 2018 waren einige Fans eigens nach Baikonur gereist, um beim Start der Sojus MS-09 dabei zu sein. Gersts zweite Mission im All.

Gerst ist eine Sympathiefigur und ein idealer Werbeträger für das europäische Raumfahrtprogramm. Dank moderner Technik kann er von der ISS aus präsent sein. Er tweetet und ist Youtube-Star, schaltet sich von der ISS zu einer Tagung junger Nachwuchswissenschaftler oder erscheint live auf der Großbildwand bei einem Konzert der Gruppe Kraftwerk bei den Stuttgarter Jazzopen und spielt mit der Kultband den Titel „Spacelab“.

Die Filmautorin Luise Wagner blendet das Pop-Phänomen Gerst in ihrem Dokumentarfilm „Reise zu neuen Horizonten“ nicht aus. Auch bei ihr ist Alexander Gerst der zentrale Protagonist. Gelegentlich treibt er Schabernack, aber diese Einlagen dienen nur der Auflockerung eines insgesamt sehr informativen, mit imposanten Bildern aufwartenden Beitrags. Gerst selbst steuert Aufnahmen aus ungewöhnlicher Perspektive bei. Schon beim Besteigen der Kapsel in Baikonur hat er die Kamera dabei. Spektakulär sind die Aussichten aus der ISS ins All und auf die Erde. Madagaskar ist zu sehen, die Sahara, Mallorca. Abstrakte Formen, harmonische Farben.

„Reise zu neuen Horizonten“ erschöpft sich indes nicht in ästhetischen Reizen. Die Raketen sind heute sicherer als zu Zeiten der Mondlandung. Aber noch immer birgt jeder Start Gefahren, wie sich gerade erst im Oktober zeigte, als eine Sojus kurz nach dem Abheben explodierte und die Besatzung nur knapp dem Tod entkam.

Der Alltag an Bord der ISS wird anschaulich gemacht, eingeschlossen die Zwänge, die mit so einem All-Aufenthalt verbunden sind: zweieinhalb Stunden Kraftsport stehen täglich auf dem Programm, um Muskel- und Knochenschwund vorzubeugen. Und irgendwann kommt der Heißhunger auf frisches Gemüse, der in vierhundert Kilometer Höhe nur schwer zu befriedigen ist.

Vorbereitung weiterer Reisen ins All

Aber die Wissenschaftler arbeiten daran. Wenn es gen Mars geht, soll an Bord des Expeditionsschiffes Gemüse gezüchtet werden können. Die Forschungen auf der ISS dienen unter anderem zur Vorbereitung weiterer Reisen ins All. Auch darüber wird berichtet: wie Ingenieure und Wissenschaftler die Technik der legendären Apollo-Flüge rekonstruieren, das Brauchbare nutzen, das Überholte weiterentwickeln.

Einiges steht vor der Realisierung, was wir bislang aus futuristischen Filmen und Serien kennen. Die geplante Kolonisierung des Mondes könnte aus der Siebziger-Jahre-Kultserie „UFO“ (derzeit freitags im englischen Original gegen 22:00 Uhr bei ARD Alpha) stammen. Das magnetische Schutzschild für die Mars-Rakete wurde in „Raumschiff Enterprise“ vorweggenommen. Ein fliegender, mit künstlicher Intelligenz ausgestatteter Roboter namens Cimon weckt Erinnerungen an HAL aus „2001 – Odyssee im Weltraum“. Und die neue Kapsel für den nächsten Raumflug wurde tatsächlich auf den Namen Orion getauft. So hieß schon 1966 der schnelle Raumkreuzer in der deutschen Science-Fiction-Serie „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“. Die Prophezeiung aus dem Vorspann in eingetroffen: „Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein.“

Manche der verwegenen Fantastereien sind schon Wirklichkeit geworden. Oder werden es bald sein. In den Passagen mit Ausblicken auf die nahe Zukunft macht der Dokumentarfilm Staunen und ist dabei sehr unterhaltsam. Der Kalauer passt: Die 105 Minuten Laufzeit vergehen wie im Fluge.

Bei all dem gibt es als roten Faden ein wichtiges Thema: den Klimawandel. Aus orbitalem Abstand lässt sich erkennen, dass wir es mit mehr zu tun haben als nur einem ungewöhnlich warmen Sommer. Das Thema ist Alexander Gerst ein Anliegen, und die Filmautorin nimmt es auf: Waldbrände, Dürren, Gletscherschmelze und immer wieder Wirbelstürme. Hier mehr als nur Nachrichtenbilder, sondern Belege des Forschungsstands. Es bedarf schon einer ausgeprägten Halsstarrigkeit, um sich diesen Erkenntnissen weiterhin zu verweigern.

„Reise zu neuen Horizonten – Mit Alexander Gerst ins All“, Montag, 17.12., 20:15 Uhr, 3sat

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