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Schusswaffen in Hollywood

Alec Baldwin: Assistent, der Hollywood-Star die Waffe gab, wurde 2019 wegen Schuss-Unfall gekündigt

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der tragische Unfall, bei dem Alec Baldwin die Kamerafrau Halyna Hutchins erschoss, wirft Licht auf die prekären Arbeitsbedingungen in Hollywood.

Santa Fe – Am 21. Oktober, vergangenen Donnerstag, starb die ukrainische Bildgestalterin Halyna Hutchins nach einer tödlichen Schussverletzung bei Dreharbeiten in den USA. Wie so oft bei tragischen Ereignissen um Prominente – den Auslöser drückte Hollywoodstar Alec Baldwin – schwemmt eine Fülle oft obskurer Nachrichten das Wichtige beiseite. In diesem Fall zunächst einmal das Werk einer Künstlerin, die mit 42 Jahren gerade erst dabei war, sich in der amerikanischen Filmindustrie zu etablieren.

Aufgewachsen auf einem sowjetischen Militärstützpunkt nördlich des Polarkreises, hatte sie über einige Umwege zu ihrem Traumberuf gefunden. Als Studentin der Wirtschaftswissenschaften wechselte sie in Kiew zu einem Studium in Journalistik, nach dessen Abschluss sie investigativ im Dokumentarfilmbereich gearbeitet haben soll.

Über diese erste Karriere der Halyna Androssowytsch finden sich keine gesicherten Angaben. Erst nach ihrer Heirat mit dem Amerikaner Matthew Hutchins und ihrer Emigration in die USA beginnen ihre Spuren. Nach Aufträgen als Modefotografin und Jobs bei Filmproduktionen studierte sie von 2013 bis 2015 Bildgestaltung am American Film Institute. Ihr Abschlussfilm ist mehr als ein Talentbeweis: In nur drei Minuten und ohne Dialog erzählt „Hidden“ von der Trauer eines Jungen nach dem Tod eines Familienmitglieds. Die Eröffnungseinstellung fängt ihn durch das Fenster eines Leichenwagens ein, bevor die Kamera schwerelos durch Rückblenden gleitet, viele meisterhaft an der Grenze zur Dunkelheit belichtet.

Vor ihrem Tod am Alec Baldwin-Set: Halyna Hutchins steigt in Hollywood auf

Danach sieht es gut aus für Halyna Hutchins in Hollywood, wo man stolz darauf ist, Talente zu erkennen. Als eine der ersten Bildgestalterinnen erhält sie eine Einladung zum anspruchsvollen Fox-DP-Lab-Programm, 2019 listet sie die wichtigste Branchenzeitschrift „American Cinematographer“ unter die zehn aufsteigenden Directors of photography. Zu diesem Zeitpunkt hat Hutchins bereits zahlreiche Kurzfilme und Musikvideos sowie den Horrorfilm „Darlin’“ fotografiert. In diesem Regiedebüt der Schauspielerin Polyanna McIntosh kann sie alle visuellen Qualitäten von „Hidden“ einbringen. Wieder geht es um ein traumatisiertes Kind, ein unheimliches Krankenhaus und albtraumhafte Visionen, visualisiert in schwebenden Kamerafahrten. Dazu effektvolle Begegnungen mit einem bösen Bischof und seinen ergebenen Nonnen in einem finsteren Pflegeheim.

Hutchins, die als eines ihrer Vorbilder Christopher Doyle benennt, verantwortlich für die besten Hongkong-Filme Wong Kar-Wais, nutzt das Horrorgenre für beeindruckende Experimente. Gerade im Low-Budget-Bereich des US-amerikanischen Genrekinos ist das Gold wert. Ihr zweiter Langfilm „Archenemy“ über einen geheimnisvollen Obdachlosen als Reisenden aus einer anderen Dimension gewinnt durch Hutchins imaginative Bilder unbezahlbare „production values“. Aber auch gute Bilder können nicht jeden Film retten. Hutchins’ dritter Langfilm, „The Mad Hatter“, gehört zu jenen B-Pictures, die nicht einmal die Mehrheit der Genre-Fans hinter sich versammeln können. Umso größer müssen Hutchins Erwartungen an den Film gewesen sein, an dem sie bis zum Tag ihres Todes arbeitete. Zwar ist auch der Western „Rust“ eine Low-Budget-Produktion, aber als Western endlich ein Genrewechsel. Ein Selfie-Video, das sie kurz vor ihrem Tod postete, zeigt sie an einem drehfreien Tag bei einem Ausritt. Eine andere Mitteilung, die sie veröffentlichte, lässt weniger angenehme Drehbedingungen erahnen: Sie solidarisiert sich darin mit dem Protest von Gewerkschaftsmitgliedern.

Tödlicher Schuss in Hollywood: Alec Baldwin war Produzent an Unfall-Set

Die meisten Filme, die in Hollywood entstehen, sind keine verschwenderischen Studioproduktionen. Sie leben von schlecht bezahlten Arbeitskräften, oft bereit zur Selbstausbeutung, um bei der immensen Konkurrenz überhaupt Fuß zu fassen. Wer bei einem unterfinanzierten Film die Kamera verantwortet, trägt eine gewaltige Last auf den Schultern. Bei den Drehzeiten ist man als erster da und geht zuletzt. Hutchins engagierte sich in der Gewerkschaft der International Alliance of Theatrical Stage Employees, die in Hollywood die technischen Gewerke vertritt.

Aus den vielen bruchstückhaften Informationen, die vor allem die Entertainment-Redaktion der „Los Angeles Times“ publik machte, ergibt sich das Bild chaotischer Produktionsbedingungen. Auch der polizeiliche Durchsuchungsbefehl erweckt diesen Eindruck. Am Tag vor ihrem Tod musste Hutchins mitansehen, wie ihr streikendes Kamerateam vom Set entfernt und durch andere Kameraleute ersetzt wurde. Tatsächlich wurde ihr solidarischer Internetpost als Bereitschaftserklärung verstanden, sich am Streik zu beteiligen. Nach 12-Stunden-Tagen wurde von ihrem Team verlangt, noch vom Drehort Santa Fe ins rund hundert Kilometer entfernte Albuquerque zu fahren – obwohl eine nahe Unterbringung vereinbart war. Dazu beklagten Teammitglieder ausstehende Gehaltschecks der Produktion.

Das Bild, das sich aus den verschiedenen Informationen über die Produktionsbedingungen ergibt, wirft auch einen Schatten auf die Rolle Alec Baldwins. Für das versehentliche Abfeuern einer Waffe, die ihm als ungeladen übergeben wurde, dürfte ihm kein Vorwurf zu machen sein. Als Produzent jedoch hätte er für bessere Arbeitsbedingungen sorgen müssen. In Hollywood zählt man Baldwin zu den bekennenden Linken, seine Donald-Trump-Parodien waren während dessen Präsidentschaft eine Institution in der Comedyshow „Saturday Night Life“.

Regieassistent von Alec Baldwin-Film war schon früher in Set-Unfall verwickelt

Wie die „L. A. Times“ berichtet, zitiert der Durchsuchungsbefehl der Polizei auch ausführlich den bei dem Unfall verletzten Regisseur Joel Souza über den Ablauf des letzten Drehtags. Die Aufnahmen begannen nach dem Austausch des Kamerateams verspätet und auch nur mit einer Kamera. Nach der Mittagspause musste diese wegen Schatteneinfalls umgestellt werden. Damit war Hutchins beschäftigt, als Regieassistent Dave Halls dem Hauptdarsteller Alec Baldwin eine Waffe zum Proben überreichte und erklärte, sie sei ungeladen. Als dieser sie aus dem Holster nahm, löste sich der tödliche Schuss. Tatsächlich dürfte Halls die Waffen aber kaum kontrolliert haben, die Waffenmeisterin Hanna Gutierrez Reed auf einem Wagen außerhalb des Sets abgelegt hatte. Inzwischen wurde auch bekannt, dass eine Skript-Verantwortliche darüber klagte, ein Regie-Assistent (offenbar Halls) habe sie beim Mittagessen wegen Änderungen angeschrien, „dabei ist es seine Aufgabe, die Waffen zu kontrollieren.“

Bereits 2019 war Halls wegen eines Unfalls mit einer Schusswaffe bei Dreharbeiten fristlos gekündigt worden. Auch wenn sich inzwischen Berichte über weitere Versäumnisse dieses Regieassistenten und ein nachlässiges Verhältnis zu Sicherheitsregeln häufen, dürfte dieser vermeidbare Tod kaum die Schuld eines Einzelnen sein. Es ist höchste Zeit, die prekären Arbeitsbedingungen in vielen Bereichen der Filmindustrie zu diskutieren. (Daniel Kothenschulte)

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