Regiesseur Alain Resnais.
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Regiesseur Alain Resnais.

Französischer Kult-Regisseur

Alain Resnais ist verstorben

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Alain Resnais war ein vielseitiger, neugieriger, und experimenteller Filmemacher. Er war politisch engagiert, wichtig waren ihm aber auch Unterhaltung und das ewige Thema, die Liebe. Am Samstag ist er gestorben.

Seinen letzten großen Festivalpreis, einen silbernen Berlinale-Bären, konnte er vor zwei Wochen schon nicht mehr persönlich entgegennehmen. Es war der für künstlerische Innovationen vergebene Alfred-Bauer-Preis, und tatsächlich: Mit seiner Komödie „Aimer, boire et chanter“ (Lieben, Trinken und Singen) hatte der 91-Jährige den leichtesten und verspieltesten Beitrag in den Wettbewerb geschickt:

Eine Theaterverfilmung nach Alan Ayckbourn, dessen Arbeiten Resnais in seiner langen Karriere wiederholt zum Anlass nahm, dem sogenannten Filmischen auf den Zahn zu fühlen. Und erst recht dem vermeintlichen Realismus-Versprechen, mit dem gerade das künstlichste Unterhaltungskino so gerne auftritt. Inszeniert vor Papierkulissen, strukturiert durch eingefügte Comicbilder, bricht auch Resnais’ jüngster Film ständig mit der Illusion. Verfremdungseffekte, die sich wie Hammerschläge anfühlen, waren seinem behutsamem Erzählstil allerdings fremd.

Alain Resnais war der letzte der großen Autorenfilmer der frühen Nachkriegszeit. Schon mit seinen Dokumentarfilmen, Atelierbesuchen bei Künstlern wie Hans Hartung oder aus den Kunstwerken gewonnenen Bilderzählungen („Van Gogh“, 1948), trotzte er den damals für den sogenannten Kulturfilm herrschenden Konventionen. Die Kommentare waren poetisch und kamen nicht in blechernem Wochenschau-Ton daher. Seinen meisterhaften Kurzfilm über Picassos „Guernica“ begleitete ein Gedicht von Paul Eluard. Resnais erfand damals nicht weniger als eine eigenständige Filmform, den dokumentarischen Essayfilm, zu dessen Höhepunkt 1955 „Nacht und Nebel“ wurde.

Cannes sei nicht der richtige Ort

Zehn Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager entriss Resnais in dem Halbstundenfilm die Verbrechen der Nationalsozialisten dem bereits wuchernden Vergessen. Mit den Schreckensbildern aus den Lagern ging er behutsam um – aber nicht zimperlich. Wie Schreie aus der Vergangenheit durchsetzen die Schwarzweißbilder in der Dramaturgie die farbigen Aufnahmen der Lager-Ruinen und Eisenbahngleise. Für die kongeniale deutsche Fassung ersetzte Paul Celans Übersetzung den Kommentar des Schriftstellers Jean Cayrol.

Schon vor seiner geplanten Aufführung im Wettbewerb von Cannes wurde „Nacht und Nebel“ diskutiert: Die deutsche Bundesregierung hatte auf diplomatischem Weg die Aufführung im offiziellen Programm des Festivals verhindert – und weltweit Empörung entfacht. Im Bundestag verteidigte damals CSU-Staatssekretär Hans Ritter von Lex das Vorgehen:

Cannes sei nicht „der rechte Ort... um einen Film zu zeigen, der nur allzu leicht dazu beitragen kann, den durch die nationalsozialistischen Verbrechen erzeugten Hass gegen das deutsche Volk in seiner Gesamtheit wiederzubeleben.“ Nun, wenn man Resnais’ einfühlsamem Film etwas nicht vorwerfen kann, so ist es Hass. Noch heute gilt „Nacht und Nebel“ – neben Claude Lanzmanns späterem „Shoah“ – als bedeutendster Film über den Holocaust.

Erinnerung und Trauma wurden auch zentrale Themen in den Spielfilmen von Alain Resnais. Sein erster Langfilm „Hiroshima, mon amour“, geschrieben von Marguerite Duras, behandelt unterschiedliche Auffassungen von Geschichte und Politik vor dem Hintergrund einer französisch-japanischen Liebesgeschichte bei Filmdreharbeiten. Es war ein Film von elektrisierender Bitterkeit, der die problematische französische Aufarbeitung der Kriegszeit mit der atomaren Bedrohung im Kalten Krieg in Verbindung brachte.

Fast schon surreal ist dagegen Alain Resnais’ 1961 entstandenes Meisterwerk „Letztes Jahr in Marienbad“, heute ein Klassiker des modernen Films. Darin versucht ein Gast in einem prunkvollen Grand Hotel eine Frau davon zu überzeugen, einem angeblich im Vorjahr gefassten Plan folgend mit ihm durchzubrennen. Die Frau allerdings behauptet, sich an kein derartiges Versprechen zu erinnern – auch wenn ihr der Mann immer wieder Szenen aus der Vergangenheit in Erinnerung rufen möchte.

Auch dem Zuschauer macht es Resnais unmöglich, zwischen filmischer Gegenwart oder Vergangenheit, Traum oder Wunschtraum zu unterscheiden. Die Bilder selbst sind dabei nicht weniger widersprüchlich als die Geschichte: In einer der berühmtesten Einstellungen werfen die Besucher eines Barockparks lange Schatten, die den Weg flankierenden Bäume jedoch nicht.

Spiel und Ernst

Spiel und Ernst – im Kino von Alain Resnais ist beides oft so wenig zu trennen wie die Welten von Vorstellung und Tatsächlichkeit. Federleicht findet beides zusammen in seinem heute fast vergessenen Meisterwerk von 1967, „Je t’aime, je t’aime“: Ein Mann soll in einem wissenschaftlichen Experiment für eine Minute ins vergangene Jahr versetzt werden. Das medizinische Scheitern versetzt ihn in einen ewigen Loop: So muss er in immer neuen Fragmenten die unglückliche Liebe des letzten Sommers durchleben.

Als der Film 2002 in Cannes wiederaufgeführt wurde, hatte Resnais den unerreichten Vorläufer von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ seit 35 Jahren nicht gesehen. Hinter ihm im dunklen Kino sitzend, das allein sein weißer Haarschopf erleuchtete, konnte man meinen, den Film mit seinen Augen zu sehen; abgeglichen mit der Erinnerung des Schöpfers an die filmische Erinnerung.

"Ihr werdet euch noch wundern“ war Resnais’ vorletzter Film überschrieben, im Original: „Sie haben noch gar nichts gesehen“. Das klang auch bei einem mehr als Neunzigjährigen noch programmatisch.

Das ist das Kino und das ist das Leben – für Alain Resnais waren das zwei wunderbare Endlosschleifen, die sich an unbestimmten Punkten treffen konnten. Am vergangenen Samstag starb der Filmemacher in Paris im Kreis seiner Familie.

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