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Brüderchen und Schwesterchen? Bradley Cooper und Lady Gaga herzig in "A Star Is Born".

"A Star Is Born"

Akustische Erotik

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Bradley Cooper hat den Hollywood-Klassiker "A Star Is Born" neu verfilmt. Überragend daran ist allein Hauptdarstellerin Lady Gaga.

Vielleicht muss man Lady Gaga in den USA erlebt haben, um die ganze Aufregung zu verstehen, die sie dort umgibt. Es war eine laue Sommernacht 2015 am Hollywood Bowl, dem legendären Art-Deco-Freilufttheater über Hollywood, als Lady Gaga und Tony Bennett zu einem gemeinsamen Konzert einluden. Der damals 89-Jährige sang leise aber sicher, und seine um fünf Jahrzehnte jüngere Duett-Partnerin war gerne bereit, ihre Stimmgewalt entsprechend zurückzunehmen. Zärtlichere und lässigere Versionen von „Cheek to Cheek“ oder „Anything Goes“ waren selten zu hören, doch viele der älteren Bennett-Fans buhten die Lady gnadenlos aus: Es waren ihre immer freizügigeren Kostüme, die für Unmut sorgten – und einmal mehr daran erinnerten, in welch sittsamen Zeiten wir leider leben müssen.

Wenn heute noch irgendetwas an die wilden Zwanziger erinnert, ist es gewiss nicht die Fake-Frivolität von „Babylon Berlin“. Es ist Lady Gaga, die sich ohne Anbiederung in die künstlerischen Grenzüberschreitungen aller Epochen einfühlen kann. Cole Porters „Anything Goes“ scheint für sie geschrieben.

„A Star Is Born“, die klassische Filmerzählung, in der sie nun ihre erste Kino-Hauptrolle spielt, ist ein Monument wie der „Hollywood Bowl“. Allein für die weiblichen Stars, die sie vor ihr spielten, lohnt es sich, die früheren Verfilmungen anzusehen: Janet Gaynor, Hollywoods Unschuldsikone, verkörperte 1937 als erste die talentierte Unbekannte, die dank der Hilfe eines älteren, alkoholkranken Hollywoodstars den Durchbruch schafft – und dessen tiefen Fall nicht verhindern kann. Die selbst suchtkranke Judy Garland erlebte in der 1954er-Version ihr eigenes Comeback, und 1976 bemühte sich Barbra Streisand in einer ins Musik-Business verlegten Fassung, die eigene Star-Power vorübergehend vergessen zu lassen. 

Lady Gaga empfiehlt sich für den Oscar

Lady Gaga, die ihr ein wenig ähnelt, gelingt das sehr viel besser. Sie ist eine geborene Schauspielerin, und was immer man sonst an diesem Remake aussetzen mag, seinen Titel trägt es zu recht: a star is born. Bei der kommenden Oscar-Verleihung könnten sich Fiktion und Wirklichkeit auf reizvolle Art vermischen, Lady Gaga ist jetzt schon eine Favoritin; fanden doch die beiden ersten Verfilmungen ihre melodramatischen Höhepunkte ausgerechnet in der Kulisse der berühmtesten Preisverleihung der Welt. In diesem Film sind es die etwas weniger glanzvollen Grammy-Awards: Da erntet der junge Star den verdienten Ruhm, während der Mäzen und Ehemann nur hilflos auf die Bühne torkelt. 

Bradley Cooper riskiert in seinem Regiedebüt nicht wenig, wenn er sich selbst in dieser höchst sentimental erdachten Rolle inszeniert. Leider ist diese Szene nicht nur der dramatische Wendepunkt, es ist auch der Augenblick, in dem sich ein stimmungsvoller und vielversprechender Film in eine Enttäuschung verwandelt. Dass er in den USA überwiegend hymnisch besprochen wird, bei der europäischen Kritik in Venedig aber eher ein geteiltes Echo fand, ist vielleicht kein Zufall: Es ist wohl vor allem die asexuelle Liebesgeschichte, die im gegenwärtigen Amerika etwas besser ankommt als anderswo. Als einer der ersten Hollywoodfilme scheint „A Star Is Born“ von MeToo geprägt – das heikle Territorium wird weiträumig umschifft. 

Lady Gaga - mal nicht als fordernde Verführerin

Für Lady Gaga mag es eine willkommene Abwechslung gewesen sein, nicht die fordernde Verführerin zu spielen. Doch auch ins Disproportionale der Liebesbeziehung einer Kellnerin und Hobby-Musikerin zu einem älteren, sehr erfolgreichen Mann, mochte der Film nicht näher hineinblicken. Der Verzicht auf jegliche Erotik lässt eine kurze Nacktszene umso aufdringlicher erscheinen: Für einen Sekundenbruchteil zeigt sich Lady Gaga da frontal unter der Dusche. 

Erotik gibt es dennoch, aber sie wirkt rein akustisch: Zwei Songs dürften es ebenfalls in die Oscar-Auswahl schaffen, es sind hoch emotionale Show-Stopper, denen es in insgesamt sieben Minuten gelingt, mehr Gefühle freizusetzen als die restlichen 129. 

Einer davon, die Single „Shallow“ ist bereits ein Youtube-Hit; der andere, die Country-Ballade „Maybe It’s Time“, ist noch schöner: Zur Überraschung der Musikerin hat der verliebte Veteran in dieser Schlüsselszene eine ihrer Kompositionen einstudiert. Vor Zigtausenden lockt er sie damit zum Spontan-Debüt auf die Bühne. Für den real existierenden Country-Mainstream ist dieser Aufruf, alte Zöpfe abzuschneiden, nicht ohne Brisanz. Noch immer sind die Fronten zwischen den Konservativen von Nashville und den alternativen Country-Outlaws gravierend, doch Bradley Cooper möchte offensichtlich keinen Ärger. 

Der musikalische Richtungsstreit, der sich hier stattdessen auftut, sucht seine Reibungsfläche vielmehr an der Grenze zum Hitparaden-Pop. Wenn Lady Gaga plötzlich, angeleitet von einem schmierigen Produzenten, Songs singen muss, die ähnlich klingen wie ihre eigenen (nur etwas schlechter), wirkt nicht ganz plausibel, was daran so verdammenswürdig sein soll. Immerhin sind die Country-Balladen, die vorher zu hören sind, auch nicht gerade unkommerziell. 

Bradley Cooper misst seiner Figur wenig Farbe zu

So verspielt die zweite Hälfte des Films buchstäblich die Qualitäten der ersten: Die Musik macht weniger Spaß, weil sie einen Generationenkonflikt bedienen muss, der in der Liebesgeschichte sonst gar keine Rolle spielt. Und diese muss an Eifersucht und Alkohol zerbrechen, bevor sie überhaupt glaubwürdig vermittelt worden wäre. In zweieinviertel Stunden wäre wahrlich Filmzeit genug dafür gewesen, doch hier haben wir es mit einem Paar zu tun, das zwar heiraten darf, aber keine erotische Beziehung miteinander einzugehen scheint. Besonders schade ist, wie wenig Farbe Bradley Cooper seiner Figur zumisst: Während die männlichen Hauptdarsteller der klassischen Verfilmungen, Frederic March und James Mason, eine brodelnde Unberechenbarkeit besaßen, spielt Cooper nur eine Opfer-Rolle. Ein muffiger Vater-Sohn-Konflikt dient zudem als Erklärung für Sucht und Minderwertigkeitsgefühle. 

Das Gros der amerikanischen Kritik kümmert es wenig: In konservativen Zeiten ist man schon froh über ein wenig Konsens und ein paar starke Songs, die Jung und Alt gefallen.

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