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Agnès Varda: „Ich bin eine große Freundin des Recyclings.“

Agnès Varda

Ein Haus aus Film

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Ein neuer Film von Agnès Varda und eine Retrospektive über deutsche Regisseurinnen: Die Berlinale feiert weibliches Filmschaffen.

Ich bin 90“, sagt Agnès Varda, „aber das ist mir schnurzegal“. Nach einer Goldenen Palme für ihr Lebenswerk und einem Ehrenoscar nahm die Mitbegründerin der Nouvelle Vague am Mittwoch auch die Goldene-Berlinale-Kamera entgegen. „Als ich 80 war, da bekam ich dagegen Panik und dachte, ich müsste ganz schnell noch einen Film fertig bekommen.“ Das war der autobiografische Essay „Die Strände von Agnès“, der nicht alle Bewunderer befriedigte. Nun legt sie ein besseres Selbstporträt nach, ganz auf ihr Werk bezogen, eine Schule des Sehens und des Staunens, analytisch und ansteckend zugleich. Ausgehend von den Augenblicken der Inspiration erklärt sie die Lust am Experiment zum kreativen Ansporn. Schon früh in ihrem Werk erfand sie filmsprachliche Innovationen durch einfache Regelbrüche. „Wer hat gesagt, dass, wenn sich die Darsteller von der Kamera entfernen, auch ihre Stimmen leiser werden müssen? Wer hat gesagt, dass man nach einer Szene auf Schwarz abblendet und nicht auf Rot oder Blau?“

So wie sie 1961 in ihrem wohl bekanntesten Film „Cléo zwischen 5 und 7“ die Ahnung einer tödlichen Krankheit als Feier des Lebens inszeniert, begleitete sie später das Sterben ihres Ehemanns und künstlerischen Partners Jacques Demy in einem gemeinsamen Film von großer Zärtlichkeit.

Geradezu übermenschlich wirkt ihr Aufruf zum künstlerischen Weitermarschieren, über die mit 75 Jahren begonnene, erfolgreiche zweite Karriere als Videokünstlerin bis zum triumphalen Dokumentarfilm-Comeback „Augenblicke – Gesichter eine Reise.“ Hat sie denn nie eine Depression erlebt, die sie in Unfähigkeit stürzte zu arbeiten, frage ich die Künstlerin. Und was würde sie Künstlern raten, die das erleben? „Ich empfehle, auf den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci zu hören, der sagte: Blickt man auf die Situation, muss man deprimiert werden. Aber wenn man über Aktionen nachdenkt, wird man positiv und mutig.“ Auch als feministische Aktivistin, das sei sie bis heute, sei es ihr immer um einen lustvollen, lebensfrohen Feminismus gegangen.

Als Varda weltweit bekanntwurde, gab es in der Bundesrepublik keine Regisseurin von Langfilmen mehr seit Leni Riefenstahl. Erst May Spils gebührt diese Ehre, deren anarchische Komödie „Zur Sache, Schätzchen“ zugleich der größte Erfolg des jungen deutschen Films war. Auch innerhalb der diesjährigen Retrospektive „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“ ist der Film vertreten; die Hoffnung, auch die öffentlichkeitsscheue Regisseurin selbst zu feiern, hat sich dagegen leider nicht erfüllt. Vielleicht ist es aber auch zu spät, die Vernachlässigung wettzumachen, die Spils’ Werk im deutschen Autorenfilm erfahren hat. Auch in der feministischen Filmgeschichtsschreibung wurde sie lange weitgehend ignoriert. Eine kompakte Filmreihe über Filmemacherinnen, die in West- und Ostdeutschland zwischen 1968 und 1998 arbeiteten, kann die Gräben nicht zuschütten.

Nicht alle der nun vertretenen Regisseurinnen sind von der Auswahl von 28 Spiel- und Dokumentarfilmen sowie 20 kürzeren Filme begeistert. „Man hat uns überhaupt nicht in die Auswahl einbezogen“, sagt eine der Regisseurinnen, die anonym bleiben möchte. Ihr Avantgarde-Kurzfilm kontrastierte im Programm mit dem biederen Defa-Zeichentrickfilm „Gemäldegalerie“ von Sieglinde Hamacher, die weit bessere Filme drehte. Außer einem weiteren Hamacher-Film blieb das bedeutende Kapitel deutscher Animationsfilme von Frauen in der Reihe ausgespart – Bärbel Neubauer, Kirsten Winter oder Mariola Brillowska fehlten mitsamt der ganzen westdeutschen Trickfilmszene. Auch wenn Walt Disney und Hayao Miyazaki auf der Berlinale einmal Goldene Bären gewannen, wurde und wird der Animationsfilm auf diesem Festival weitgehend stiefmütterlich behandelt.

Eine Wiederentdeckung der Retrospektive war das hinreißende Experimentalfilm-Doppel „Dress Rehearsal“ und „Karola 2“ von Christine Noll-Brinckmann. Karola Gramann, die spätere Filmkuratorin und künstlerische Leiterin der Frankfurter Kinothek Asta Nielsen ist die Protagonistin dieser performativen Experimentalfilme. In ihren ständig wechselnden, selbst generierten Outfits ist Gramann das heimliche „Poster Girl“ der Reihe.

In einer digitalen Restaurierung konnte man einen der bedeutendsten deutschen Dokumentarfilme der Zeit wiederentdecken: Helga Reidemeister porträtierte 1979 in „Von wegen Schicksal“ eine 48-jährige Mutter von vier Kindern in einer Berliner Plattenbausiedlung. Angeregt von emanzipatorischen Prozessen in ihrer Umgebung hat die Frau ihren Mann, einen introvertierten Bergarbeiter, verlassen. Über den andauernden Kontakt des im selben Haus lebenden Vaters zu den Kindern kommt es zu Streitigkeiten, welche die Regisseurin mit Gespür für wunde Punkte aus dem Off dezent befeuert. Die Grenzüberschreitung war seinerzeit umstritten, heute imponiert die Transparenz. Je länger man dem meisterhaft fotografierten Schwarz-Weiß-Film in seiner zweistündigen Langfassung folgt, desto mehr erweitert sich das Panorama zu einem Generationenporträt.

Auch Margarethe von Trottas Klassiker „Die bleierne Zeit“ war in restaurierter Fassung wieder zu sehen und wirkte in 4K-Auflösung doch merkwürdig steril. Filmhistorische Retrospektiven gehören zu den letzten Gelegenheiten, Film in seinem ursprünglichen Medium zu zeigen, gut erhaltene historische Kopien sind Digitalisationen in aller Regel vorzuziehen. Welche Schönheit entfaltete dagegen die 35-mm-Kopie von Doris Dörries Frühwerk „Im Innern des Wals“ (1985). In diesem Coming-of-Age-Film über die Flucht einer 15-Jährigen vor ihrem prügelnden Vater ist die Erinnerung an die Nouvelle Vague einer Agnès Varda noch präsent. Auch sie will sich vom Zelluloidfilm noch nicht ganz verabschieden. Ihre neuen Filme dreht sie digital, aus den alten Filmrollen ihrer Werke baut sie Installationen. Ihren Film „Das Glück“ gibt es jetzt als begehbare Hütte, Wände und Dächer bestehen aus gespannten Filmstreifen. „Ich bin eine große Freundin des Recyclings“, sagt sie in Berlin dazu verschmitzt.

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