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Agnès Varda am 23. März neben ihrer Installation „La serre du bonheur“.

Agnès Varda

Die Größte

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Regisseurin Agnès Varda ist im Alter von 90 Jahren gestorben.

Wir sehen eine glückliche Familie, Vater, Mutter und zwei Kinder, beim Picknick im Grünen. Eine perfekte Idylle. Zu perfekt, um nicht zerstört zu werden. Denn der Mann findet eine Geliebte; er findet es in Ordnung, das Leben mit zwei Frauen zu teilen. Seine Gattin nicht. Sie bringt sich um. Der Mann lebt mit seiner Geliebten weiter wie zuvor mit seiner Frau. Die Idylle lebt weiter.

Der Film heißt „Das Glück“, und die völlig undramatische, ja leichthändige Erzählweise ist typisch für die Handschrift der Regisseurin Agnès Varda. Sie schaut auf die Menschen mit einem freien Blick, sie ist im ursprünglichen Sinne des Wortes interessiert an den Protagonisten ihrer Filme, indem sie sich ihnen ohne Vorurteil nähert. So wurde Agnès Varda mit ihren gut 30 Spiel- und Dokumentarfilmen in mehr als 60 Jahren zur bedeutendsten Filmkünstlerin nicht nur Frankreichs, sondern vielleicht der Nachkriegszeit. Jetzt ist die „Grande Dame des französischen Films“ im Alter von 90 Jahren gestorben.

Geboren 1928 im belgischen Ixelles, hieß sie zunächst Arlette, nannte sich als junge Frau dann in Agnès um. Nach ihrer Ausbildung als Fotografin reiste sie und arbeitete Anfang der fünfziger Jahre am Theater, bevor sie 1954 Aufsehen mit einem Kurzfilm erregte: „La Pointe Courte“ verhandelt – wie später „Le Bonheur“ – anhand eines jungen Ehepaares das Thema das Zusammenlebens. Danach bildete sie mit Alain Resnais (der den Schnitt von „La Pointe Courte“ besorgt hatte), und Chris Marker die Gruppe Rive Gauche, die sich abhob vom zu der Zeit immer wichtiger werdenden Kritiker-Kreis der „Cahiers du Cinema“ um Rohmer, Rivette, Godard und Truffaut, die dann als Filmemacher die „Nouvelle Vague“ begründeten.

Obwohl sich die Regisseurin eher von diesem Männerbund abgrenzte (später nannte man sie gar die „Großmutter der Nouvelle Vague“, dabei waren Rohmer und Rivette älter als sie) firmierte Vardas erster großer Erfolg unter eben diesem Etikett: „Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“ erzählt von einer jungen Sängerin, die ziellos umherschlendert, während sie auf eine Krebsdiagnose wartet. Oft scheinen Vardas Filme zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu schweben, nutzen bisweilen dokumentarische Elemente und bezeugen den fast ethnographischen Blick der Regisseurin auf den Alltag, auf das Unspektakuläre im Leben ihrer Zeitgenossen.

Zahlreiche Arbeiten weisen sie als politisch engagierte und kritische Beobachterin aus, wie etwa ihre Filme über den Vietnamkrieg oder die Black Panther. Kein Zufall auch, dass einer ihrer Dokumentarfilme, gedreht in den USA zusammen mit ihrem Mann Jacques Demy („Die Regenschirme von Cherbourg“), den Titel „Menschengesichter“ trägt. Und als Bewohnerin der Pariser Rue Daguerre – eine wahrlich passende Adresse – hat sie selbstverständlich auch einen Film über diese Nachbarschaft geschaffen: „Daguerreotypen – Leute aus meiner Straße“ (1974/75).

Die Krönung ihrer Arbeit war dann einer der wenigen Goldenen Löwen, die in Venedig bisher an Regisseurinnen gingen. Mit „Vogelfrei“ verschaffte Agnès Varda 1985 auch ihrer Hauptdarstellerin Sandrine Bonnaire den verdienten Durchbruch. Dabei hob sich dieses Drama in der Hermetik und Gewalt, mit der das Aus-der-Welt-Gehen einer jungen Landstreicherin geschildert wird, ab von den elegant wirkenden Filmerzählungen, die oft die Gefühlswelt von Frauen erkundeten, wie etwa die beiden Filme mit Jane Birkin: „Jane B... wie Birkin“ und „Die Zeit mit Julien“, eine Liebesgeschichte zwischen dem Filmstar und einem 15-Jährigen (von Vardas Sohn Mathieu gespielt).

Agnès Varda soll sich selbst als Feministin bezeichnet haben. Ihr Schaffen zeigt jedenfalls durchgehend Interesse an den Bedingungen weiblicher Existenz. Dazu gehören auch Arbeiten, die sie selbst in den Mittelpunkt rücken, wie „Die Strände von Agnès“ und „Varda par Agnès“. Doch zugleich machte diese kleine Frau, die als Regisseurin so groß wurde, nicht viel Aufhebens um sich.

Wenig bekannt ist etwa, dass sie auch ein Renommee als Installationskünstlerin gewonnen hat. Ihr letzter Film, für den Oscar nominiert, trägt den Titel „Augenblicke: Gesichter einer Reise“. Die von Agnès Varda ist nun zu Ende.

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