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„Aftersun“ im Kino: Die Urlaubsmelancholie der Kindheit

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Von: Daniel Kothenschulte

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Er hat seine Tochter eingeladen, auch wenn er sich das türkische Strandhotel kaum leisten kann. Sarah Makharine
Er hat seine Tochter eingeladen, auch wenn er sich das türkische Strandhotel kaum leisten kann. © Sarah Makharine

In ihrem erstaunlichen Debüt „Aftersun“ beschreibt die Britin Charlotte Wells eine zärtliche Vater-Tochter-Beziehung.

Das US-amerikanische Branchenwort „Coming of age film“ hat fast ein Genre aus ihnen gemacht. Etwas, das auf dem Filmmarkt schnell seinen Platz findet und sich leicht an eine „Zielgruppe“ adressieren lässt. Dabei sind Filme über das Heranwachsen oft die persönlichsten, fragilsten und empfindsamsten Autorenfilme überhaupt. François Truffaut modellierte sein Langfilmdebüt „Sie küssten und sie schlugen ihn“ nach der eigenen Jugend. Die Geschichte dieser Selbstfindung war zugleich die Erweckung der Nouvelle Vague. Wie schon ihr großer Vorbote und Truffauts Idol, Jean Vigo, in seinem Spielfilmdebüt „Betragen ungenügend“ Erinnerungen aus seiner Schulzeit verfilmt hatte.

In beiden Fällen boten Rückblicke auf ihr Erwachsenwerden den Filmemachern die Gelegenheit, sich auch künstlerisch zu erfinden. Man erlebt also als Publikum eine doppelte Selbstfindung, was unwiderstehlich sein kann, weil es eine besondere Intimität herstellt.

„Aftersun“, das Debüt der britischen Regisseurin Charlotte Wells, fällt genau in diese Kategorie. Dabei ist es völlig unerheblich zu wissen, ob die elfjährige Protagonistin (gespielt von der außergewöhnlichen Francesca Corio) tatsächlich das Ich ihrer Kindheit verkörpert und der Sommerurlaub mit dem Vater auf Wells’ eigenen Erlebnissen beruht. Die Art, wie sie diesen Film angeht, wie sich dabei die Präzision kindlicher Wahrnehmung und das erst später dazu Gedachte ergänzen, wie zugleich das Geheimnis ihren Platz behält, gehen weit hinaus über jede Nacherzählung. Es ist ein Film über die Erinnerung an sich, und es ist nicht zu hoch gegriffen, an Tarkowskij oder Bergman dabei zu denken.

Wie jedes Jahr hat Calum, der junge Vater, den Paul Mescal verkörpert, seine Tochter Sophie für zwei Wochen in ein türkisches Strandhotel eingeladen, das er sich kaum leisten kann. Nur zwei Lebensjahrzehnte trennen die beiden, was dazu führt, dass jemand ihn gleich zu Beginn für ihren Bruder hält. Um das als Kompliment zu nehmen, ist er indes viel zu stolz auf seine Tochter, der er sich mit aller Aufmerksamkeit aber ohne jede Aufdringlichkeit widmet. Man spürt sofort die liebevollen Rituale, die auf frühere Urlaube verweisen – und doch auch auf das getrennte Leben dazwischen. Es ist die Art Glück, die sich tieftraurigen Umständen verdankt. Sie ziehen sich durch den Film wie ein melancholischer Schleier.

Immer wieder widersetzen sich jedoch diese früheren Rituale ihrer Wiederholung, und nicht unbedingt, weil das Mädchen sich nun zu alt dafür fühlte. Als Sophie beide in der Karaoke-Bar zum Duett anmeldet, fühlt sich Calum nicht in Stimmung. So singt sie „Losing My Religion“ nun alleine, mutig, aber völlig verloren in der Intonation. Immer wieder filmt sie sich und ihren Vater mit der Videokamera, und diese Aufnahmen stehen in der Filmmontage für den objektivierbaren Teil der Vergangenheit: Das, was man später noch dechiffrieren kann. Vielleicht aber auch nie wieder anrührt, weil es einen traurig macht.

Einmal will sie ihren Vater vor der Kamera interviewen und stellt sofort eine Frage, an der er förmlich zerbricht: Ob er denn der geworden sei, den er sich in ihrem Alter vorgestellt habe? Sofort bricht er das Gespräch ab. Während ihm Sophie den Kamerablick auch gleich erspart, sieht man die Szene als Spiegelung im Hotelfernseher – in der schemenhaften Zeichnung erahnt man, welche Zerbrochenheit hier jemand zu verstecken sucht.

In einer dritten Erzählebene taucht die erwachsene Sophie zwischen den Szenen oder im Stroboskoplicht einer Disco auf, nun selbst eine Mutter von 31 Jahren. Es ist ihre Erinnerung, aus der sich diese Geschichte speist. Erst jetzt fühlt sie sich offenbar in der Lage, dem nachzuspüren, was ihr Vater vor ihr verbergen wollte – offensichtlich eine schwere Depression.

Mir ist kein Film bekannt, der sich schon einmal in einer derart empfindsamen Weise mit den Schmerzen getrennt lebender Väter und ihrer Kinder beschäftigt hätte – ohne dabei mehr als ein Wort über die Beziehungen zu den Müttern zu verlieren. Nichts davon spielt eine Rolle in diesem Film, in dem das Ungesagte, Ungezeigte eine betörende Präsenz behaupten.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die ebenso unaufdringliche Filmmusik. Komponiert hat sie der Cellist Oliver Coates in einfachen Klängen, der schon mit dem Gitarristen Jonny Greenwood an den Soundtracks zu Paul Thomas Andersons Filmen „There Will Be Blood“ und „The Master“ und der Band Radiohead zusammenarbeitete. Es ist ein kammermusikalischer Minimalismus von höchster und doch bewusst heruntergespielter Emotionalität.

Ob dieser Film nun Teil der Autobiografie der jungen Meisterin ist, die ihn geschaffen hat oder auch nicht – unvergesslich wie er ist, fügt er sich ein in unsere Lebensgeschichte.

Aftersun. USA/GB 2022. Regie: Charlotte Wells. 101 Min.

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