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Actionkomödie mit Brad Pitt: Mörder im Kyoto-Express

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Von: Daniel Kothenschulte

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Der Koffer, der mexikanische Gangster (Bad Bunny) und Seniorkiller Ladybug (Brad Pitt). Foto: CTMG
Der Koffer, der mexikanische Gangster (Bad Bunny) und Seniorkiller Ladybug (Brad Pitt). © (C) 2022 CTMG. All Rights Reserved.

Im kuriosen Eisenbahnblockbuster „Bullet Train“ spielt Brad Pitt unter der Regie seines Stuntmans David Leitch.

Wie kann es sein, dass „Bullet Train“ von einer Zugfahrt unter Killern handelt – und einen der halsbrecherische Trip am Ende weit weniger Nerven kostet als ein Wochenendausflug mit dem Neun-Euro-Ticket? Eine mögliche Antwort heißt Japan, denn wir befinden uns in einem Land, in dem Verspätungen in Sekunden gerechnet werden. Eine andere Antwort führt bereits zum kritischen Teil dieser Rezension. Denn obwohl in jedem Augenblick dieser Actionkomödie entweder etwas Mordsgefährliches oder Mordskomisches passieren soll, wird es nur selten spannend und noch seltener lustig.

Um ganz auf der sicheren Seite zu sein, lässt Regisseur David Leitch zu Beginn auch noch eine Giftschlange los, über deren Verbleib im Zug man sich den Rest des Films über Gedanken machen soll. Am Ende sorgt ihr Auftauchen in der von Brad Pitts Filmfigur frequentierten Toilettenkabine zwar noch immer nicht für Spannung, aber doch wenigstens für einen der besseren Gags. Ihn hier zu verraten, wäre allerdings das Letzte, was dieser Film noch gebrauchen kann. War es nicht Fritz Lang, der sagte, das breite Cinemascopeformat sei nur gut für Beerdigungen und Schlangen? Nun, es eignet sich auch sehr gut für Züge – jedenfalls für ihre Außenansichten.

Und es ist nicht irgendein Zug, der da geschmeidig durch die japanische Nacht rollt und sich seine Pünktlichkeit nicht von ein paar Gangstern verderben lassen will, die sich um einen silbernen Koffer balgen. Es ist der elegante Shinkansen auf der Hayate-Linie zwischen Tokio und Kyoto. Agatha Christie würde es gefallen, dass die Mörder von heute eine Alternative zum Orientexpress gefunden haben.

Aber ist das auf Stunt-Gerangel spezialisierte Actionkino von David Leitch auch eine Alternative zu all den wunderbaren Dingen, die in der Filmgeschichte schon in Zügen stattgefunden haben? Zu Hitchcocks „Eine Dame verschwindet“ (und unvergesslichen Szenen in „Im Schatten des Zweifels“ und „Der Fremde im Zug“) oder Richard Fleischers „Narrow Margin“ („Um Haaresbreite“?), der so viel aus der Enge machte? Alles, was Leitch fast vollständig auf den Schienen spielender Film von der Atmosphäre des Zugreisens auf die Leinwand überträgt, ist die alte Kinderfrage: Wann sind wir endlich da? Oder besser gefragt: Wo wollen wir eigentlich hin?

Brad Pitts Figur des Ladybug ist ein berufsmüder Killer, wie sie in der Nachfolge von Tarantinos „Pulp Fiction“ eine Zeit lang in aller Welt die Kurzfilme von Regieanfängern bevölkerten. Da spielte sie allerdings nicht Brad Pitt, und der hat vom echten Tarantino genug gelernt, dass er wenigstens in seinen Szenen den Abklatsch aussehen lässt wie ein Original. Der Mann, der in „Once Upon a Time in Hollywood“ einen Stuntman spielte, agiert nun unter der Regie seines eigenen, langjährigen Stuntmans Leitch. Als schillernder Ruhepool in einem Übermaß an Action bringt er die Verfilmung des Romans von Kôtarô Isaka wenigstens temporär zum Strahlen.

Ladybug ist für einen Kollegen eingesprungen, höchst widerwillig, aber immerhin gehört die Stimme im Ohrhörer, die ihm auf charmante Weise Anweisungen gibt, Sandra Bullock.

Einen Koffer soll er im Zug mitgehen lassen, aber den wollen wie gesagt auch andere. Einer der auffallend wenigen Japaner in dieser doch recht freien Adaption ist ein Vater (Andrew Koji) auf der Suche nach einem Mann, der ein Attentat auf seinen Sohn verübte. Tatsächlich ist seine Anwesenheit aber das Werk einer manipulativen Schönheit namens „Der Prinz“ (Joey King). Sie hat ihn an Bord gelockt als Teil eines Plans, um den Verbrecherboss „Weißer Tod“ (Michael Shannon) zu liquidieren. Bevor dieser im dritten Akt selbst zusteigt, verlässt er sich auf zwei als „die Zwillinge“ bekannte Handlanger (Brian Tyree Henry und Aaron Taylor-Johnson), die er engagiert hat. Ersterer hat auch schon viel Tarantino gesehen; ähnlich der Gangster in dessen ersten Filmen redet er wie ein Wasserfall über obskure Popkultur. Er ist besessen von der schon in der Romanvorlage ausgiebig zitierten Kinderserie „Thomas, die kleine Eisenbahn“. Im Laufe des Films beklebt er die weiteren Verdächtigen mit Stickern der vermenschlichten Lokomotiven der britischen Serie – worum bei der Auflösung am Ende noch reichlich Aufhebens gemacht wird.

Damit noch nicht genug der Irren: Ein mexikanischer Gangster namens Wolf (Bad Bunny) erweitert beim ersten Halt die Reisegruppe und glaubt in Ladybug den Mörder seiner Geliebten zu erkennen. Der aber ist unter dem Namen „Die Wespe“ selbst an Bord. Dort sind nach einem dubiosen erzählerischen Kniff die Gangster schließlich unter sich.

Wenn man das alles nach zwei überbordend-chaotischen Kinostunden Revue passieren lässt, muss man dem Ganzen doch immerhin eine gewisse Verwegenheit bescheinigen. Geradezu infantile Dialoge treffen in der Inszenierung auf choreographische Gewaltexzesse wie im Hongkong-Kino der 90er Jahre. Kurz vor der geplanten Endstation steigen dann zwar auch noch die im Blockbuster-Kino unvermeidlichen Digitaleffekte zu, doch die sinnliche Freude am Stuntman-Ballett bleibt. Und ein mit dem Karma von sieben Jahren Tibet gesegneter Pitt zeigt sich von all dem so unbeeindruckt wie ein Hippie.

Am Ende ist man doch froh, dass man mit all diesen Verrückten ein Stück weit durch Japan gefahren ist. Die Rückfahrkarte kaufen wir dann wieder auf geschmackssicheren Pfaden. Bei Yasujiro Ozu: „Die Reise nach Tokio“.

Bullet Train . USA 2022. Regie: David Leitch. Mit Brad Pitt, Michael Shannon, Sandra Bullock. 126 Min

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