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Perspektivlosigkeit, nicht überinszeniert: Szene aus „Acid“.

„Acid“

„Acid“ im Kino: Verschwendete Jugend

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Alexander Gorchilins visuell anspruchsvolles Debüt „Acid“ zeichnet ein bitteres Bild der russischen Teenagerkultur.

Manchmal sind es Schauspieler, die, wenn sie ins Regiefach wechseln, besonders radikale Bilder schaffen. Charles Laughton oder Peter Lorre sind Beispiele dafür und in jüngerer Zeit Xavier Dolan, an dessen Stil Alexander Gorchilins Jugenddrama „Acid“ bisweilen erinnert. Das erstaunliche Regiedebüt des erst 27-jährigen russischen Schauspielers, der zuletzt die Rolle des Punks im Musikdrama „Leto“ spielte, lässt keinen Augenblick unbedacht verstreichen.

Ganz anders seine jugendlichen Protagonisten, die perspektivlos ihre Zeit mit Abhängen, Saufen und Partys totschlagen. Vom ersten Bild taucht dieser Film mit der Intensität von Nan-Goldin-Fotos in ihre Lebenswelt. Sie sind nicht viel jünger als der Filmemacher selbst. Sasha, die zwanzigjährige Hauptfigur, verschwendet sein künstlerisches Talent wie seine Jugend. Er macht Musik, die ihm nicht viel bedeutet. Seine Freunde haben noch mehr zu verschwenden. Vanya steht einmal außen an der Balkonbrüstung, und als sein Kumpel Petya nichts Besseres dazu zu sagen hat als „Wenn du springen willst, dann spring!“, tut er genau das.

Gorchilin inszeniert diesen Moment in einer Beiläufigkeit, die auf Gegenkurs geht zur semidokumentarischen Nähe seiner ersten Bilder. Auch die folgende Beerdigungsszene vermeidet jede Überinszeniertheit. Einer der Jugendlichen beschimpft die Eltern des Toten am Grab, sich nicht im Mindesten für ihn interessiert zu haben. Auch das scheint sie nicht sonderlich zu interessieren. Geht es noch bitterer?

Ein offenbar leidlich erfolgreicher Künstler zeigt den Jugendlichen seine Arbeit im Atelier: Er verwandelt Propagandabüsten von Politikern durch Säure in semiabstrakte Gebilde. Der Kunstwert ist nicht besonders hoch, aber die Messlatte dafür scheint in einer Gesellschaft, die jede Sinnsuche aufgegeben hat, auch nicht besonders hoch zu hängen. Als bloßes Bild für Politikverdrossenheit und Geschichtsvergessenheit wäre die Szene von platter Symbolik. Doch selbst wenn sie so gemeint sein sollte, steckt doch noch genug Lebendigkeit darin in ihrer Inszenierung.

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Es ist nicht die Elendswelt anderer russischer Festivalfilme, in die Gorchilin führt, bei denen eine mittellose Unterschicht in die Prostitution getrieben wird oder den Drogen verfällt. Die Jugendlichen dieses Films leiden keine materielle Not, aber es drängt sie auch nichts zu den Annehmlichkeiten des Kapitalismus. Die Perspektivlosigkeit, die hier einen Virus der Selbstzerstörung generiert, hat auch nichts mit einem Verlust an Spiritualität zu tun, wie ihn eine ältere russische Filmemachergeneration oft thematisiert hat.

Eher ist es eine neue Variante des Existentialismus, nur dass dieser nicht einmal mehr eine politische Perspektive oder ein bürgerliches Feindbild hat. Man kennt diese Stimmung aus vielen ehemaligen sozialistischen Staaten: Wozu sich aufraffen, wozu Künstler werden, wenn es eh keinen interessiert?

Nach einer ins Surreale überhöhten Orgie im Künstleratelier greift Petya zur Säureflasche. Er nimmt einen Schluck daraus, doch das Schlimmste bleibt ihm und dem mit allem rechnenden Publikum erspart. Er kommt ins Krankenhaus, und als er wieder sprechen kann, beginnt er auch seine Lebenssituation zu reflektieren. Doch die naheliegenden Wege einer dann doch noch ins Positive führenden Coming-of-Age-Geschichte mag Alexander Gorchilin zwar hier und dort streifen, aber nie wirklich betreten.

Auch wenn der Film dabei – etwa mit einer kurzen Beziehungsgeschichte – zumindest die Motive konventioneller Selbstfindungsdramen streift, bleibt er seiner pessimistischen Grundhaltung treu. Und die Säureflasche behält eine bedrohliche Nebenrolle darin.

Es wäre leicht, in diesem jüngsten Gewinner des Go-East-Festivals eine moralisierende Bestandsaufnahme einer selbstvergessenen Jugend zu sehen. Aber selbst wenn das eine möglicherweise intendierte Aussage sein sollte, macht ihn das deshalb nicht weniger zum Kunstwerk.

Der Film

Acid. Russland 2018. Regie: Alexander Gorchilin. 98 Min.

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