1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

„Abteil Nr. 6“ im Kino: Der Fremde im Zug

Erstellt:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Yuriy Borisov als Ljoha und Seidi Haarla als Laura in dem Film „Abteil Nr. 6“.
Yuriy Borisov als Ljoha und Seidi Haarla als Laura in dem Film „Abteil Nr. 6“. © epd

Juho Kuosmanens wunderbare Eisenbahnromanze „Abteil Nr. 6“.

Der erste Star des Kinos war die Eisenbahn. 1895 soll die Einfahrt eines Zuges das erste Filmpublikum vor Angst von den Sitzen gerissen haben. Nun scheint es fast so, als machte sich diese ältere Errungenschaft des 19. Jahrhunderts daran, die jüngere zu überleben.

Aber wenn man ehrlich ist, dann ist es heute schon fast so schwer, sich in einem echten Eisenbahnabteil Unbekannten gegenüberzusetzen, wie noch irgendwo einen Zelluloidfilm zu bewundern. Wenigstens in Deutschland, wo man sogar die schönen Schlafwagen an die in diesem Fall nicht nur stilbewusstere, sondern auch geschäftstüchtigere österreichische Staatsbahn verkaufte. Fast schon gewagt also, diesen Film einem jungen Publikum unter seinem Titel „Abteil Nr. 6“ anzubieten – ohne weitere Erklärungen, was man darunter wohl einmal verstanden hat.

Auf einer Moskauer Party spielt die Vorgeschichte dieses in den späten 90er Jahren angesiedelten Rail Movies. Für die finnische Archäologiestudentin Laura (Seidi Haarla) geht ein offenbar entspannter Auslandsaufenthalt seinem Ende entgegen – und wohl auch, ohne dass es jemand ausspricht, die Beziehung mit ihrer Mitbewohnerin.

Der Weg nach Murmansk

Nicht wirklich zwingend, aber auf eine ähnliche Weise reizvoll erscheint ihr wohl auch der mit einer letzten Exkursion verbundene Forschungsauftrag. Eine Zugfahrt ins knapp 2000 Eisenbahnkilometer entfernte, sibirische Murmansk, wo man 1997 etwa 1300 vorgeschichtliche Steinzeichnungen entdeckte. Dass diese Petroglyphen ihre Geheimnisse seither weitgehend bewahren konnten, ist sicher auch der Mühsal geschuldet, überhaupt dort hinzukommen. Heute verspricht Google eine straffe Reisezeit von 35 Stunden, aber man glaubt gern, dass das vor einem Vierteljahrhundert noch beträchtlich länger dauerte.

So nostalgisch uns der überfüllte Liegewagen der russischen Staatsbahn in Juho Kuosmanens Film empfängt, so schnell erinnert man sich auch an den wahren Horror solch langer Fahrten – die möglichen Platznachbarn. Schon als Laura das ihr zugewiesene (und nicht mehr umbuchbare) Abteil Nr. 6 betritt, hat es sich dort der junge Bauarbeiter Ljoha (Yuriy Borisov) gemütlich gemacht. Die erste Vodkaflasche weiht er ein, ohne ihr etwas abzugeben. So wie es kurz darauf im Abteil aussieht, lag die resolute Schaffnerin mit ihrer Begrüßung wohl doch nicht ganz verkehrt: „Nicht auf den Boden spucken und die Toilette nicht einsauen.“

Als sich die erste gemeinsame Nacht ankündigt, rühmt sich der angetrunkene Ljoha des Siegs über die Nazis und des Flugs zu den Sternen. Als er Laura unterstellt, sie sei doch sicher eine Prostituierte, bemüht sie sich vergeblich um einen alternativen Schlafplatz. Tatsächlich reicht ihr brüchiges Russisch dann aber doch, um den Mann in seine Grenzen zu weisen. Und – wie man nach dem ersten Film des Regisseurs, der Boxerromanze „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“, vielleicht erahnen konnte, unter einer rauen Schale etwas Weicheres freizulegen.

Sie verbiegen sich nicht

So verkürzt klingt dieses in seiner faszinierenden Unscheinbarkeit reich orchestrierte Zweipersonenstück romantischer, als es tatsächlich ist. Die wunderbar gespielten Figuren überraschen, aber sie verbiegen sich dabei nicht. Was vor allem nostalgisch stimmt, ist die damalige politisch-kulturelle Reise, die heute auf gespenstische Weise historisch wirkt: Die Hoffnung, dass ein Eiserner Vorhang, wenn erst einmal zertrümmert, nie wieder errichtet werden würde.

Gerade jetzt aber berührt es umso mehr, einen Film in russischer Sprache zu sehen. Bei aller Sympathie für eine im offiziellen Russland stets wenig geschätzte, unangepasste Jugend touchiert er doch auch ein typisch russisches Genre: Die Liebeskomödie unter Unbekannten. Eldar Rjasanow war ihr größter Meister, dessen Silvesterromanze „Ironie des Schicksals“ jeder Mensch in Russland kennt. Hier mag man sich eher an seinen Eisenbahnfilm aus der Perestroika-Zeit erinnern, „Ein Bahnhof für zwei“. Schön jedenfalls, gerade jetzt, im coolen Punk dieses feinen kleinen Films – in Cannes mit einem Grand Prix geehrt – die russische Sprache zu hören. Und einen Kosmopolitismus zu feiern, der nicht weniger vom Aussterben bedroht ist als Kino- und Schlafwagenkultur.

Abteil Nr. 6. Finnland 2021. Regie: Juho Kuosmanen. 102 Min.

Auch interessant

Kommentare