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„Abschied von der Mittelschicht. Die prekäre Gesellschaft“, Arte

„Abschied von der Mittelschicht. Die prekäre Gesellschaft“: Der Tanz geht weiter

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Das Wachsen des Prekariats – Momentaufnahme eines ausweglosen gesellschaftlichen Prozesses.

Manche meinen, „das Kapital“ sei schuld, dem gehe es bekanntlich dann am besten, wenn es keinen Regeln unterworfen sei und alles und jeden nach Strich und Faden ausbeuten könne. Da ist einiges dran. Andere meinen, „die Politik“ trage die Verantwortung, weil sie Regeln schaffe, die der Regellosigkeit des Kapitals und der Ausbeutbarkeit der Arbeit und des Bodens einseitig Vorschub leiste. Das ist auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Dann gibt es noch Meinungen, die den dunkelhäutigeren Ausländern und Emigranten oder der EG die Schuld an allem geben. Das ist zwar rational schwer begründbar, wird aber von vielen geteilt.

Die Mittelschicht rutscht ab

Tatsache jedenfalls ist, dass die Mittelschicht seit vielen Jahren und mit zunehmendem Schwung erodiert und in das so genannte Prekariat abrutscht. Das hat wirtschaftliche und politische Gründe und Begleiterscheinungen. Weil an denen beispielsweise in Deutschland die sozialdemokratische Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik zu Beginn dieses Jahrhunderts intensiv mitgewirkt hat, ist der Niedergang der Sozialdemokratie in der Wählergunst durchaus verständlich. Ähnliche Vorgänge haben sich zeitverschoben in den meisten europäischen Ländern abgespielt.

Die Dokumentation, die Karin de Miguel Wessendorf und Valentin Thurn dem durchaus dramatisch getönten Abschied von der Mittelschicht im Stil einer klassischen Fernseh-Reportage widmen, kann also in ganz Europa Fallbeispiele aufsuchen: in Frankreich, Spanien, Deutschland-West und -Ost, in Schweden und Finnland. Nein, auf der Insel nicht mehr, obwohl es auch da reichlich Anschauungsmaterial gäbe, aber die gehört ja seit ein paar Tagen nicht mehr dazu, dort wird jetzt alles so wunderbar, wie es früher mal gewesen sein soll.

Ein Drittel der Beschäftigten lebt an der unteren Einkommensgrenze

Manchmal tritt der Film ein wenig auf der Stelle. Oft liegt das an der Gründlichkeit, mit dem er lebensweltlichen Fragen nachgeht: Wie sieht es mit dem Einkommen aus, der Sicherheit des Arbeitsplatzes, der Bezahlbarkeit von Wohnung und Lebensunterhalt, dem Lebensgefühl?

Die Ergebnisse und Perspektiven sind bedrückend. Überall in Europa gibt es inzwischen ein zahlenmäßig starkes Prekariat: ein Drittel der Beschäftigten lebt an der unteren Einkommensgrenze, mit Zeitverträgen, geringer Identifikation mit der Arbeit und lebensfeindlichen Arbeitszeiten, als Geringverdiener, die als Kleinunternehmer getarnt sind. Alle mit der verlässlichen Aussicht auf zu geringe Rente und einen verarmten Lebensabend.

Die Unsicherheit nimmt zu

Kein Wunder, dass die zynischen Parolen und einfachen Antworten rechtpopulistischer Politiker immer mehr Gehör finden, sagen einige. Eines der Probleme daran ist, dass deren Strategien leicht zu kapieren sind, aber nicht wirklich zielführend. Und dass sie nur Wege zu noch schlimmeren Entwicklungen markieren.

Währenddessen nimmt die Unsicherheit weiter unten in der Gesellschaft zu. Stadtteile verfallen, Landschaften veröden, sichere Arbeitsplätze verschwinden.

Offensichtlich haben „die da oben“ die unteren sozialen Schichten aus den Augen verloren, und für die läuft es seit Jahrzehnten immer schlechter. Also beginnen diese Schichten sich zu regen. Man streift gelbe Westen über und / oder skandiert nationalistische und rassistische Parolen.

Auswege? Da gab es mal die Idee mit dem bedingungslosen Grundeinkommen, längst wieder ad acta gelegt. Am Ende des Films tanzen Finnen Tango. Es gibt also doch noch gesellschaftlichen Zusammenhalt. Kein wirklich lustiger Scherz.

Zur Sendung

„Abschied von der Mittelschicht. Die prekäre Gesellschaft“, Arte, 4. Februar, 20:15 Uhr. Im Netz: Arte +7

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