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Bruno Ganz 2006 bei Dreharbeiten zu „Vitus“ von Fredi M. Murer.

Nachruf auf Bruno Ganz

Abschied von gestern

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Zum Tod des Schauspielers Bruno Ganz.

Er hat eimal erzählt, da war er schon eine Berühmtheit weit über Berlin hinaus, als junger Schauspieler, von dem Intendanten Kurt Hübner gerade erst ans Bremer Theater engagiert, sei er am Tag nach einer Premiere immer nur sehr ungern aus dem Haus gegangen, weil er fürchtete, auf der Straße erkannt zu werden von jemandem, dem er am Abend zuvor auf der Bühne gewiss missfallen habe und der ihm das mitzuteilen wünschen könnte. Diese Befürchtung sei ihm geblieben. Kollegen hätten ihm damals gesagt: Unsinn, geh ruhig raus, uns kennt hier sowieso keiner. Eigentlich erwarte er das immer noch.

Es ist anders gekommen – zum Glück für das Theater, das Bruno Ganz unvergleichlich sich in der Erinnerung haltende Aufführungen verdankt, und zum Vorteil auch des Neuen Deutschen Films, für den er sich in einer zweiten Phase seines Wirkens als Schauspieler einsetzte, haben Zuschauer an den Bühnen in Bremen und Zürich, in Salzburg, in Wien und vor allem in Berlin, wie dann auch in Kinosälen weltweit, ihn wahrgenommen und durch ihn ihr eigenes Leben um die Erfahrung von Menschen und Schicksalen in den Dramen der Dichter von der Antike bis in die Gegenwart erweitern und bereichern können.

Glück hatten wir Zuschauer mit ihm, aber auch er war begünstigt auf seinem Weg in das Theater, weil die Zeit und die Verhältnisse an den Bühnen und in der Gesellschaft ihm wohlwollten. Bruno Ganz hat in Bremen, in Zürich und dann für mehr als ein Jahrzehnt in Berlin an entscheidenden Wendepunkten der Entwicklung des Theaters als Kunstform nicht nur mitgewirkt, sondern den Veränderungen die Signatur seiner Schilderung von Menschen vermittelt. Als Hübner den gerade zwanzigjährigen Schweizer, geboren 1941 in Zürich, nach Bremen holte und ihm fast umgehend 1965 den Hamlet anvertraute, kam Ganz in eine Situation eines vor allem durch die Regisseure Peter Zadek und Peter Stein, auch durch Hübner selbst und den Bühnenbildner Wilfried Minks initiierten und immer nachdrücklicher behaupteten Umbruchs.

Peter Steins Bremer Inszenierung des „Tasso“ von Goethe markierte 1969 einen entschiedener kaum denkbaren Schnitt in der Rezeption der Klassiker an den deutschen Bühnen. In der Aufführung Steins zeigte Ganz den Dichter Tasso in einer Abhängigkeit von den Machtstrukturen am Hof des Herzogs von Ferrara, die Stein erkennbar werden ließ auch als (nur vermeintliche?) Abhängigkeit von politischen Strukturen des damals in der BRD gegenwärtigen Theaters. Im Schlussbild schleppte der Schauspieler Werner Rahm als Staatssekretär Antonio, zunächst von dem Dichter verstanden als ein Feind, am Ende als rettender Fels, den Tasso auf der Schulter vom Platz seiner Qualen. Im Gang der Aufführung ließ sich an der Darstellung des italienischen Dichters aus dem 16. Jahrhundert, wie Bruno Ganz sie anlegte, Phase um Phase nachvollziehen, welche Formen der Demütigung sein Tasso durchlaufen hatte bis zu diesem kläglichen Abgang.

Jutta Lampe und Edith Clever gaben in Steins Inszenierung die Frauen, die beiden Leonoren, die den Dichter bei Hof umspielten. Mit dem Regisseur und Bruno Ganz, auch mit Werner Rahm, bildeten sie, nach Steins Abgang aus Bremen, den Kern des Ensembles am Schauspielhaus in Zürich. Auch in Zürich wollte der Intendant Löffler ein neues Theater – Stein und der erweiterten Gruppe seiner Schauspieler gelang dort mit der deutschsprachigen Premiere von „Trauer zu früh“ („Early Morning“) des englischen Dramatikers Edward Bond ein großer Wurf und die Durchsetzung Bonds auf dem Kontinent – in Zürich allerdings wurde die Aufführung heftig angegriffen. Das wurde für Peter Stein, Bruno Ganz und die Gruppe der mit ihm in die Schweiz gekommenen Schauspieler zum Anlass, das Angebot des Berliner Senats zur Übernahme der Schaubühne am Halleschen Ufer zu akzeptieren, eigentlich war das ein Studententheater.

Daraus wurde schon vor dem späteren Umzug an den Kurfürstendamm, es lässt sich nicht anders sagen: in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Mekka der Theaterkunst, neben dem Theater Brechts in Ost-Berlin für mehr als ein Jahrzehnt die einzige deutschsprachige Bühne von Weltruf. Peter Stein gewann für das Haus die fähigsten Regisseure jener Jahre, Klaus Michael Grüber und Luc Bondy, anfangs auf kurz auch Claus Peymann. Und führte mit ihnen und den Dramaturgen Dieter Sturm und Botho Strauß das Ensemble zu bis dahin nicht erreichten Erfüllungen sowohl von Dramen des antiken Theaters als auch von Texten der Moderne Gorkis und Tschechows und den Uraufführungen der Stücke von Botho Strauß, der an der Schaubühne zur wichtigsten Stimme des deutschen Dramas wurde.

Bruno Ganz befand sich in Berlin also wieder mitten in einem Neubeginn. Er gab zwei Versionen des Peer Gynt in Steins legendärer Aufführung von Ibsens Welt- und Lebensbild, den Philosophen Empedokles in Grübers Inszenierung der Szenen Hölderlins, mehrere der Figuren in den Stücken von Strauß. Und Ganz spielte nicht nur in Berlin, er war auch Faust in Steins Aufführung beider Teile von Goethes Tragödie anlässlich der Weltausstellung 2000 in Hannover. Und Claus Peymann bestritt mit ihm die Uraufführung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, 1972 der Höhepunkt der Salzburger Festspiele.

Was nun ist es gewesen, das den Schauspieler Bruno Ganz so besonders erscheinen und wirken ließ? Von Botho Strauß stammt die Beobachtung, Ganz habe „nie über einen Satz hinweggesprochen“ – die immer ihm eigene, durchdachte Genauigkeit seines Sprechens, ein Reden, das zuweilen klang, als käme es von weiter her, zugleich durchlässig und gedankenpräsent – man mochte, ihm zuhörend, nie einen Ton verlieren. Wenn andere in anderen Aufführungen sprachen, natürlich ist das nie laut bemerkt worden, hat man oft gedacht: Wie hätte das der Bruno wohl gemacht?

Und was hat man an ihm gesehen? Er ließ oft Menschen erkennen, die gegen die Angst leben, von Ängsten immer gefährdet, lebend aus Angst. Man hat an vielen seiner Figuren die Schatten gespürt, die in den Jubel reichen, das Schwache an dem, was wir manchmal hochfahrend „unsere Kräfte“ heißen. Das Körperspiel nicht von Anfang an dem Mut eines Textes anzupassen, sondern es erst allmählich auf diesen hin zu entwickeln, ohne dass die Entfernung vollständig aufgegeben wird, eine schmale Angst immer bleibt in der Zuversicht: Niemals wieder wird man das auf einer Bühne so empfinden können wie durch Bruno Ganz in dem Glücksmonolog des Prinzen von Homburg im vierten Bild von Steins Aufführung des Stücks von Kleist an der Schaubühne.

Das Theater ist ein anderes geworden. Bruno Ganz hat sich daran nicht gewöhnen wollen. Der Film hat davon profitiert, in „Der Himmel über Berlin“ streift er mit Otto Sander, von weit her gekommen beide, Menschen beobachtend durch Berlin. Ein Betrachter, wie schon in „Der amerikanische Freund“ von Wim Wenders. Sein Hitler in „Der Untergang“ wurde ein Welterfolg. In Silvio Soldinis „Brot und Tulpen“ war er dem Theater noch sehr nahe geblieben.

Bekannt ist, dass Zuschauer sich oft schwer tun mit dem, was sie auf einer Bühne zu sehen bekommen. Es gibt aber auch ein Leiden der dramatischen Dichtungen, die lautlos Klage führen darüber, was Regisseure und Darsteller ihnen mitunter antun. Jetzt, da Bruno Ganz vorgestern in Zürich verstorben ist, wird ihnen einer schmerzend fehlen, der sie liebte und selbstbewusst bescheiden ihnen treu war.

Uns wird er vor Augen und im Sinn bleiben, auf lange hin.

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