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Die Schauspielerin Jane Russel im Film "Geächtet" aus dem Jahr 1943.

Jane Russell ist tot

Abschied von einer Hollywood-Diva

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Sie war der atemberaubende Gegenpart zu Marilyn Monroe in Howard Hawks "Blondinen bevorzugt" (1953). Nun ist Leinwandstar und Sexsymbol Jane Russell im Alter von 89 Jahren gestorben.

Sie war der atemberaubende Gegenpart zu Marilyn Monroe in Howard Hawks "Blondinen bevorzugt" (1953). Nun ist Leinwandstar und Sexsymbol Jane Russell im Alter von 89 Jahren gestorben.

Es heißt oft von Stars, die über Nacht berühmt werden, sie seien vom Himmel gefallen. Jane Russell schien eher aus der Gegenrichtung zu kommen. Als sie im Kriegsjahr 1943 mit dem Western „Geächtet“ bekannt wurde, traf es das prüde Amerika an empfindlichster Stelle. Schon ein Jahrzehnt lang hatte der „Hays Code“, die strenge Zensurordnung in der Filmindustrie, der Verführungskraft weiblicher Filmstars ein enges Korsett angelegt. Doch auch wenn deren Macht bis in die späten 60er Jahre bestehen bleiben sollte – der unabhängige Produzent und Multimillionär Howard Hughes wollte es genau wissen.

Hughes ahnte, dass das Land reif war für eine neue „Sexbombe“, ein brünettes Gegenstück zur unvergessenen Jean Harlow, die 1937 auf dem Höhepunkt ihres Ruhms gestorben war. Ein landesweiter Talentwettbewerb wurde ausgeschrieben – und dann doch nach dem bekannten Motto Picassos entschieden: nicht suchen, sondern finden. Howard Hughes engagierte – so erzählt man sich bis heute – statt aller Bewerberinnen das unbekannte Busenwunder aus der Zahnarztpraxis.

Fünf Jahre dauerte es ab Drehbeginn 1941, bis Russells erster Film „Geächtet“ endlich 1946 landesweit in die Kinos kam. Eine Zeit, die der Produzent nutzte, um die Erwartung zu steigern. „Howard Hughes ließ mich jeden Tag dafür Publicity machen, fünf Tage die Woche, fünf Jahre lang“, sagte Jane Russell einmal. Tatsächlich erwies sich der Film dann als ein recht obskurer Western, dessen größter Fehler zugleich seine einzige Stärke ist: Die Verlagerung der gesamten Aufmerksamkeit auf die Frau zwischen den Helden. Nicht genug damit, dass die Rivalen Doc Holiday und Billy the Kid unerwartet Freunde werden – ausgerechnet eine dunkel gelockte Verführerin im Heuschober und ein Pferd bringen sie wieder auseinander.

Anzügliche Aufnahmen als Werbung

Hughes hatte eigens einen speziellen Büstenhalter kreiert, um das, was er für Jane Russells Starpotential hielt, besonders zur Geltung zu bringen. Doch die wollte ihn niemals getragen haben: „Wie hätte er das schon kontrollieren sollen?“, lautete ihre Standardantwort auf neugierige Fragen. „Dafür hätte er mich ja ausziehen müssen.“

Hughes inszenierte den Film selbst – mit Unterstützung des Profis Howard Hawks, wie erst später herauskam – und griff zu einer List, um das Werk gewagter erscheinen zu lassen, als es ist: Die anzüglichsten Aufnahmen mit Jane Russell sind gar nicht im Film enthalten, sondern dienten lediglich der Werbung. Sie entstanden fern vom Filmset als Standbilder im Studio des berühmten Glamour-Fotografen George Hurrell, dem Hughes die Rekordgage von 4000 Dollar zahlte. Auf dem Plakat weckte das Motiv eine Erwartung, die der Film kaum erfüllen konnte, gesteigert durch die Frage, wer wohl mit der unbekannten Schönen im Stroh nicht gerne einmal raufen wollte: „How’d you like to tussle with Russell?“

Man wollte gerne. Umso mehr als man nach Ablauf des Siebenjahresvertrags, den ihr Hughes verpasst hatte, endlich eine Ahnung davon bekam, welche Ausstrahlung Jane Russell tatsächlich als Schauspielerin besaß. Schon vor ihrer Entdeckung hatte sie ein halbes Jahr Max Reinhardts Theater-Workshop besucht.

Man vergisst oft, dass viele der erotischsten Filmstars auch große Komikerinnen waren. Wie Jean Harlow, Mae West, Carole Lombard vor ihr und wie Marilyn Monroe und Sophia Loren mit ihr hatte Jane Russell einen perfekten Sinn für Timing. Ihre nüchtern platzierten Pointen entwaffneten anzügliche Verehrer. Und ihre handfeste Art bewahrte sie bei aller Körperlichkeit stets davor, für ein bloßes Sexobjekt gehalten zu werden.

Ein Engel mit zwei Pistolen

Für den männlichen Betrachter von Hollywoodfilmen, der darauf konditioniert ist, den begehrenden Blicken der Kamera zu folgen, boten sich einige Überraschungen: Es konnte passieren, dass man mit Jane Russell erst schlafen und dann doch lieber ein Pferd stehlen wollte. So wirkte die vermeintliche Sexbombe manchmal geradezu asexuell in jugendfreien Komödien wie „Sein Engel mit den zwei Pistolen“ an der Seite des Komikers Bob Hope.

Ihre wohl schönste Rolle spielte sie wieder unter der Regie von Howard Hawks, dem heimlichen Geburtshelfer ihres Ruhms: In „Blondinen bevorzugt“ ist sie das mäßigende Gegenstück zur aufbrausenden Marilyn Monroe. Die schöne Altstimme bei den gemeinsamen Songs war leider nicht ihre eigene. In ihren späten Jahren strafte sie freilich jede Art von Popkultur mit Verachtung: „Musik ist genauso bescheuert geworden wie die Filme“, schimpfte sie. „Nichts als Schreien und Schlagzeugstampfen. Man kann die Worte nicht verstehen, aber das macht nichts, sie stinken zum Himmel.“

So sehr Jane Russell das Amerika der 40er Jahre in Aufruhr versetzt haben mochte, so treu blieb sie politisch doch den republikanischen Werten ihres Elternhauses. Ihren liberalen Kollegen George Clooney, Susan Sarandon und Sean Penn gehe es nicht gut, vermutete sie, und bekannte unumwunden: „Heutzutage bin ich eine abstinente, böswillige, rechte, engstirnige, konservative, christliche Eiferin. Aber ich bin keine Rassistin.“ Wie in ihren Filmrollen machte Jane Russell auch im wirklichen Leben keine Gefangenen. Und da sie dabei stets authentisch wirkte, wurden auch ihre schlechten Filme unvergesslich. Am Montag starb sie, 89-jährig, in ihrem Haus im kalifornischen Santa Maria an einer Atemwegserkrankung.

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