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„Das Verhör in der Nacht“
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„Das Verhör in der Nacht“

„Das Verhör in der Nacht“

Aber was für eine Bombe?

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Bizarre Theorie: Daniel Kehlmanns und Matti Geschonnecks Kammerspiel „Das Verhör in der Nacht“.

Das Konversationsstück von Daniel Kehlmann, 2017/18 in Wien, Bath und München erstmals gezeigt, heißt „Heilig Abend“. Die Verfilmung in der Regie von Matti Geschonneck trägt den noch besseren Titel „Das Verhör in der Nacht“, denn „Das Verhör in der Nacht“ klingt so klassisch, wie „Heilig Abend“ ist.

Kehlmann selbst hat den Western „Zwölf Uhr mittags“ als ein Vorbild genannt, darauf wäre man nun nicht unbedingt gekommen, aber der Vergleich zeigt, was den Autor am meisten fesselte: Die Echtzeit der Handlung und das gleichmütige (entsetzliche) Verrinnen der Zeit, während die Figuren machtlos, aber doch rege versuchen, sich einem genau in Spielfilmlänge nähernden Verbrechen entgegenzustemmen oder sich ihm zu entziehen. Fällt es dadurch leichter, über die Schwächen der Dramaturgie in „Das Verhör in der Nacht“ hinwegzusehen? Schon, ja. Zugleich sind sie noch bedauerlicher. Kein „High Noon“ ohne Showdown, im Krimi aber auch kein Showdown ohne atemberaubende Pointen und keine atemberaubende Pointen ohne unerwartete, markerschütternde Plausibilität. Nein, unerwartete, markerschütternde Plausibilität sollte man hier nicht erwarten.

Geschonneck bietet jedoch eine perfekt heruntergekühlte Inszenierung. die bei aller Diskretion auf einer Theaterbühne kaum diese Wirkung entfalten könnte – allein jener seltsame, etwas zu schmale Hotelgang, zumal Hotels gegenwärtig utopische Orte sind, hier ein spröder, geschäftsmäßiger, routiniert weihnachtlich dekorierter Bau, den man sich voller Interesse, Wehmut und Hoffnung auf bessere Tage anschaut.

Dazu sehr trefflich der Polizist und die Gegenspielerin. Er – im Stück: Thomas – ist Charly Hübner, der nicht die gestriegelte Frisur und den dezenten Anzug bräuchte (aber es steht ihm gut), um einmal ein ganz anderer Kriminalist zu sein als im Rostocker Polizeiruf. Smart, der Antagonistin intellektuell gewachsen. Sie – im Stück: Judith – ist Sophie von Kessel, die schon im Münchner Residenztheater die Rolle spielte und die von Geschonneck klugerweise aus der Pflicht entlassen wird, glaubwürdig zu machen, was nicht glaubwürdig zu machen ist. Stattdessen sieht man einer Sphinx mit einem bitteren Zug um den Mund zu, oder einer ausgebufften Pokerspielerin.

Denn das ist die Situation: Die Polizei hat Grund zur Annahme, dass Judith, eine Philosophieprofessorin, an einem geplanten Bombenanschlag beteiligt ist. Die Polizei geht davon aus, dass die Bombe noch in der Heiligen Nacht hochgehen soll, parallel zur Philosophieprofessorin wird auch ihr Ex-Mann verhört. Als konkreter Hinweis dient ein linksterroristisches Bekennerschreiben auf dem PC der Frau, ihrer Aussage nach lediglich nur ein Gedankenexperiment. Auch ihr Bekenntnis zu Frantz Fanon, Vordenker gegen Kolonialismus und moderne Ausbeutungsmethoden, sowie weit zurückliegende Lateinamerikareisen – darunter nach Chile unter falschem Namen – machen sie offenbar auf eine geradezu nostalgische 70er-Jahre-Weise verdächtig. Sie ist auch zugegebenermaßen deutlich weniger überrascht vom Auftauchen des Herrn vom Staatsschutz, als es eine so genannte unbescholtene Bürgerin wohl wäre. Andererseits ist ihr Blick auf die Gesellschaft auch theoretisch von Kategorien struktureller Gewalt geprägt, zu denen polizeiliche Drohszenarien immer passen würden.

Der Ermittler ist gespenstisch gut informiert, so dass man sich fragt, warum es auf den letzten Metern zeitlich so knapp werden konnte. Konkreter wird es nicht, denn lieber als die Suche nach der Bombe – letztlich: was für einer Bombe? – zu konkretisieren, verwickelt er sein Gegenüber lieber in philosophische Gespräche. Gescheite Gespräche, so gescheit, dass die Versuche, zu einer Art von herkömmlicher Kriminal- oder Psychothrillerhandlung zurückzukehren („wir brauchen ein Geständnis“, „warum haben Sie eigentlich keine Kinder?“) etwas bizarr wirken. Kurios auch Judiths Snobismus. Am energischsten widerspricht sie, als der Polizist ihr Grammatikfehler vorhält.

Geschonneck verzichtet auf Gesichtsstudien, Distanz ist das Gebot der Stunde. Niemals wird es laut, die Androhung körperlicher Gewalt bleibt Rhetorik. Das ist eine großartige Abwechslung. Während darunter das Handlungsgerüst ohne Unterlass wackelt und nicht zu wackeln aufhört. Ein offenes Ende ist auch etwas anderes, als eine Geschichte, die einem zwischen den Fingern zerbröselt, wenn man darüber nachdenkt. Genau dann müsste sie stärker und stärker werden.

„Das Verhör in der Nacht“, ZDF, 20.15 Uhr.

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