Angeblich kann ist der Baron Muenchhausen auf einer Kanonenkugel geritten und hat den Mond besucht.
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Angeblich kann ist der Baron Muenchhausen auf einer Kanonenkugel geritten und hat den Mond besucht.

Filmkritik "Baron von Münchhausen"

Abenteuer Familie

Die ARD hat die Lügengeschichten des Baron von Münchhausen auf der Suche nach einem Weihnachtsevent neu verfilmt – und reichlich modernisiert.

Von Klaudia Wick

Jede Zeit hat ihre Lügen. Der Mann, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen haben will, passt ganz gut zur aktuellen Eurokrise. Dass er bei seinen Abenteuern von einem Diener begleitet wird, der die Distanz von Wien nach Konstantinopel in einer Stunde schafft, dürfte unserer dauermobilen Gesellschaft dagegen kaum noch ein Raunen entlocken.

Immer wieder neu erzählt

Der Baron von Münchhausen, dessen Lügengeschichten die ARD nun neu verfilmt hat, ist eine schillernde Figur, deren phantastische Prahlereien seit Hunderten Jahren immer wieder neu erzählt werden. Der Filmpionier George Méliès suchte bereits 1911 die Herausforderung, aus dem Fabulierstoff einen Film zu machen. Die UFA realisierte mitten im Zweiten Weltkrieg einen Film, der über weite Strecken beim Kriegsgegner Russland spielte. „Münchhausen“ war ein Prestigeprojekt Goebbels, die Produktion sollte das 25-jährige Jubiläum der UFA feiern und wurde zum teuersten Film des „Dritten Reiches“.

Den Baron spielte seinerzeit Hans Albers, Erich Kästner schrieb das Drehbuch, das nach den Logik des Propagandaministeriums ein „Unterhaltungsfilm“ sein sollte, unter Pseudonym: Bei den Nazis hatte der Dichter Schreibverbot. Nach der Wende zeigte das ZDF eine restaurierte und rekonstruierte Fassung, in osteuropäischen Filmarchiven hatten sich verschollen geglaubte Filmrollen angefunden.

Reine Unterhaltung

Nun hat die UFA der ARD eine Neuverfilmung angeboten. Das Erste, immer auf der Suche nach Weihnachts-Events, deren Kosten sich durch alljährliche Wiederholungen trefflich wieder einspielen werden, hat sich auf dieses Abenteuer gerne eingelassen. Wie immer geht es um reine Unterhaltung. Aber wie immer ist diese nicht ohne den Einfluss des Zeitgeists denkbar.

So haben sie denn dem Baron von Münchhausen – im historischen Vorbild wie in der literarischen Vorlage ein Freigeist – nun Familiensinn angedichtet! Zunächst beginnt alles wie erwartet: Am Kneipentisch redet sich der verarmte Adelige (Jan Josef Liefers) um Kopf und Kragen. Münchhausens einziges verbliebenes Aktivkapital ist seine Fantasie. Mit seinen Husarenstücken – dem Ritt auf der Kanonenkugel – unterhält er die Leute im Schank, um sich irgendwie Kost und Logis zu ergaunern. Aber zwei resolute Damen machen dem Tunichtgut einen Strich durch die Rechnung. Da ist die Landadelige Constanze von Hellberg (Jessica Schwarz), die dem Baron mit ihrem losem Mundwerk die Schau stiehlt, dann hängt sich auch noch das Zirkusmädchen Frieda an seinen zerschlissenen Rockzipfel. Sie behauptet, Münchhausen sei ihr Vater. Fortan ist die Reise des Lügenbarons an den Zarenhof, in den Sultanspalast und auf den Mond nur noch eine etwas umständliche Routenplanung in den Hafen der Ehe und des Familienglücks.

Damit die Kinder von heute keine Angst bekommen, macht Drehbuchautor Marc O. Seng schnell Schluss mit der Sorg- und Rastlosigkeit der Figur. Den ganzen zweiten Teil über ist Münchhausen nur noch damit beschäftigt, sein größtes Abenteuer zu bestehen: sich emotional der Vaterrolle zu stellen.

Etwas überdimensioniert

Selbstverständlich hat sich die UFA auch diesmal nicht lumpen lassen. Das quietschbunte Remake erinnert im besten Sinne an einen alten Hollywoodschinken mit Peter Ustinov. Regisseur Andreas Linke achtete darauf, dass die modernen Digitaleffekte möglichst wie sentimentale Film-Tricks wirken. Gedreht wurde quer durch Deutschland vom Schloss Ludwigsburg (Zarinnenpalast) bis zum Braunkohletagebau in Brandenburg (Mond). Katja Riemann als Katharina, die Große, passte mit ihren pompösen Reifröcken in den Drehpausen nur auf eine Behindertentoilette, und auch sonst ist alles ein wenig überdimensioniert: das emanzipatorische Selbstbewusstsein von Constanze, die dauerkokette Attitüde von Jan Josef Liefers und die Ideologie, dass Familienglück alle Grenzen überwindet – sogar die der Lüge.

Baron von Münchhausen, 25. und 26. Dezember, 17.45 Uhr, ARD

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