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Odenthal-Tatort „Lenas Tante“ in der ARD: Ein Mord? Echt jetzt?

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Von: Sylvia Staude

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Der neue Odenthal-Tatort „Lenas Tante“ bringt einige Themen unter einen Hut – und das ganz unverkrampft.

Frankfurt – Eine ganze Weile lässt der neue Odenthal-Tatort in der ARD die Zuschauerin rätseln, was dieser TV-Krimi eigentlich im Lauf seiner 90 Minuten werden, was er erzählen will: eine Scheintot-Horror-Story, eine ins Komödiantische tendierende Familiengeschichte, eine Kritik an der Altenpflege, eine Kritik an der mangelnden Verfolgung und Verurteilung ehemaliger Nazi-Täter?

Dass am Ende des Tatorts trotz allen Mischmaschs, trotz des ein oder anderen kühnen Zufalls die Rechnung ziemlich gut und sogar überraschend aufgeht, mag an der entspannten Regie von Tom Lass liegen, auch an den überwiegend klischeefreien, pfiffigen Dialogen Stefan Dähnerts. Es geht zum Beispiel um Resturlaub, Lena Odenthal, Single, hat Monate übrig, Kollegin Johanna Stern keinen. Das muss an der Familie liegen, sagt Stern lakonisch, „da bleiben keine Reste“.

Alle sind bezirzt von Lenas Tante – nur Lena nicht, die ihr darum in den Mantel hilft.
Alle sind bezirzt von Lenas Tante – nur Lena nicht, die ihr darum in den Mantel hilft. © SWR/Benoît Linder

Neuer Tatort in der ARD: „Lenas Tante“ ist alles andere als eine Witzfigur

Zum Auftakt der Horror: ein Sarg wird in ein Krematorium gerollt, die Flammen schießen hoch, eine Hand öffnet von innen den Sargdeckel... der Angestellte drückt den Alarmknopf und würde, wäre er kein Schauspieler oder Statist, den Schreck seines Lebens kriegen. Wie kann das passieren? Liegt ein Verbrechen vor, war es Mord, hat der Arzt geschlampt, der den Totenschein ausstellte?

Die Ermittlerinnen Odenthal und Stern, Ulrike Folkerts und Lisa Bitter, bringen sogleich eine angenehme Nüchternheit in die Sache. Allerdings wird Johanna Stern den verantwortlichen Arzt, Johannes Dullin, sehr sympathisch finden (und vice versa). Allerdings denkt man nur einen Moment: och nee, nicht schon wieder so eine private Verwicklung. Denn durchaus dezent und vernünftig gehen Lass und Dähnert auch damit um.

„Lenas Tante“ in der ARD: Die Besetzung des Odenthal-Tatorts

NameRolle
Ulrike FolkertsLena Odenthal
Lisa BitterJohanna Stern
Ursula WernerNiki Odenthal
Dieter SchaadHerr Wolter
Rüdiger VoglerHerr Kahane

Tatort im Ersten: Neuer ARD-Krimi „Lenas Tante“

Für die private Verwicklung sorgt ja bereits „Lenas Tante“, wie der Titel dieses neuen Ludwigshafen-Tatorts verspricht. Denke hier keiner an „Charlies Tante“ oder ähnliches: Ursula Werner ist als Dr. Niki Odenthal alles andere als eine Witzfigur, hat einen scharfen, skeptischen Blick wie auch eine scharfe Zunge, sie war eine gefürchtete Staatsanwältin, „eine der schärfsten Nazi-Jägerinnen“.

Dass Johanna Stern das keineswegs von ihrer Kollegin erfährt, ist eine andere, leicht bittere Geschichte. Beide haben eigentlich Redebedarf, beide rücken nicht mit der Sprache raus. „Ich wollte reden“, sagt Lisa zum Vertrauen erweckenden Johannes. „Aber du redest ja gar nicht“, sagt er. Da ist was dran.

Tatort in der ARD: Ein Mord? Echt jetzt?

Worüber Lena Odenthal ihrerseits (zunächst) schweigt, dann herumdruckst: Ihre Tante war zu einer tatrelevanten Zeit in dem Altenheim, in dem ein Mann angeblich gestorben ist, der dann... siehe oben. Und bald gibt es noch einen Toten, richtig diesmal, Lena Odenthal ist hin- und hergerissen, was sie ihrer formidablen Tante zutrauen soll, die nicht nur im Kommissariat alle auf Anhieb zu bezirzen vermag. Einen Mord? Echt jetzt?

„Tatort: Lenas Tante“

ARD, Sonntag (22. Januar), 20.15 Uhr

Ziemlich großartik: Neuer ARD-Tatort „Lenas Tante“

Nebenbei, aber nicht oberflächlich, geht es um die Sparzwänge in einem Altenheim – für 4,30 Euro am Tag auch noch Kuchen!? Und tritt eine Pflegerin auf, Maja Zeco, die liebevoll Nägel feilt, ruhig darauf hinweist, wenn einer der Heimbewohner nicht schwerhörig ist – „Sie müssen nicht so schreien“ –, und der sie wie ein Kind anredenden Lena Odenthal erklärt: „Ich komme aus Bosnien, ich habe keine Angst.“

Schließlich erfährt man nebenbei etwas über den sogenannten Sobibor-Prozess und die Schwierigkeiten, alte Nazi-Größen zu verurteilen. Anders als in vielen TV-Filmen hat man in „Lenas Tante“ jedoch nicht das Gefühl, dass dem Publikum jetzt mal schnell was erklärt – und möglichst deutlich erklärt – werden muss, damit die Krimi-Geschichte weitergehen kann. „Lenas Tante“ hört gleichsam auf die Pflegerin: „Sie müssen nicht so schreien.“ Das ist ziemlich großartig. (Sylvia Staude)

Zuletzt beeindruckte der ARD-Krimi weniger: Der Dortmund-Tatort „Du bleibst hier“ ist eher verblüffend als mitreißend.

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