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TV-Kritik

Zurück in die 90er: Nicht vergessen - Tamagotchi füttern!

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Eine dreiteilige Dokumentation über die 90er-Jahre und einige ihrer Merkwürdigkeiten.

Neuordnung der Welt? Große Worte für die 90er – ein Jahrzehnt, zu dessen Beginn der gewichtige Helmut Kohl Bundeskanzler war. Aber wenn man alles zusammenrechnet, dann stimmt das wohl. Wobei natürlich die Abgrenzung dieser Epoche anhand des Dezimalsystems eine sehr künstliche Einteilung ist. Genau genommen beginnen die 90er eher 1989, vielleicht sogar schon 1982, und enden vorzeitig 1998.

Wie immer, wenn es um die zusammenfassende Charakterisierung eines ganzen Jahrzehnts geht, wird die Sache ungenau, pauschal und damit auch ein bisschen falsch. Susanne Krause-Klinck und Evgenia Ploch haben ihre dreiteilige Dokumentation über die 90er-Jahre darum streng dokumentarisch gehalten. Ihre Auswahl ist an der Art von Fakten orientiert, mit denen Nachrichtenredakteure ihre Arbeit bestreiten, und legt Wert auf die Narrative von Zeitzeugen.

Das macht den Film einerseits seriös, andererseits auch ein bisschen meinungsarm und langweilig. 

Helge Schneider, „Dagobert“, Guildo Horn

Die 90er (I-III), Sonntag, 14.7., 20.15, ZDFinfo (Video verfügbar bis 21.7.)

So ziehen auf dem Fernsehschirm und am inneren Auge unserer Vorstellungskraft unter anderem vorbei: die sogenannte Wiedervereinigung, zu der Helmut Kohl einen nachdrücklichen Beitrag geliefert hat; Sebastian Krumbiegel von (und mit) den Prinzen, Henry Maske aus Frankfurt an der Oder, die vergleichsweise junge Angela Merkel und Gregor Gysi. Das sind Menschen, die seit der und durch die Vereinigung – die in Wahrheit ein Anschluss der ehemaligen DDR an die Bundesrepublik war – ins helle Licht der gesamtdeutschen Öffentlichkeit geraten sind.

Im zweiten Teil der kleinen Serie geht es auch schon um Techno und Helge Schneider, die populären Kriminellen Jürgen Schneider und den Kaufhauserpresser mit dem einprägsamen Namen „Dagobert“, um Esther Schweins und das Thema der ausufernden Talk Shows. 

Im dritten Teil kommen Moses Pelham mit dem Rödelheim Hartreim Projekt dazu und Meister Guildo Horn, der („piepiepiep“) uns alle lieb hat, Wladimir Kaminer und die Klitschko-Brüder, dazu das eigenartige Zeitphänomen des Tamagotchi und das Unwort Kollateralschaden. 

Rückblick auf Bill Clintons Sexleben

Bei all dem fehlt selbstredend nicht die große Politik mit ihren Schlüsselfiguren und wichtigsten Vorgängen, also Balkan-Krieg, Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise und der rechtsradikalen Vorgänge drumherum sowie ein Rückblick auf Bill Clintons Sexleben. Alles brav und redlich und seriös und sozusagen wertfrei nebeneinander.

Wer die Zeit durchlebt oder durchlitten hat, bei der oder dem läuft wahrscheinlich als parallele Synchronisationsleistung die Emotions-Spur: War dieses Techno-Gehopse nicht furchtbar? War die Sache mit der T-Aktie nicht ein gigantischer Betrug, für den niemand hinter Gitter kam? War die Rechtschreibreform nicht ein überflüssiges Übel, das der deutschen Schriftsprache angetan wurde? Jeder kann sich aus dem 90er-Jahre-Puzzle herauspicken, was ihn am meisten nervt. Oder erfreut. Es gibt mehr als genug Material.

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