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„Am Ende der Worte“: Ein Film, die Polizeigewerkschaft und die Kunstfreiheit

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Von: Moritz Post

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„Am Ende der Worte“: NDR-Film-Highlight zeigt die Macht des Corpsgeistes bei der Polizei.
„Am Ende der Worte“: NDR-Film-Highlight zeigt die Macht des Corpsgeistes bei der Polizei. © Alena Sternberg/dpa

Der NDR-Film „Am Ende der Wort“ traut sich an einen Blindenpunkt in der Gesellschaft. Der Gewerkschaft der Polizei scheint das nicht zu passen.

Hamburg - Lisa Vicari spielt die 24-jährige Polizeimeisterin Laura. Nur mit einem umgebunden Handtuch bekleidet und nassen Haaren aus der Dusche kommend schaut sie mit festem Blick ihre Kollegin an: „Warum machst du da mit?“ Zuvor war die junge Polizeimeisterin von zwei männlichen Kollegen verbal massiv unter Druck gesetzt worden.

Die Kollegin, die die Szenerie mit gesenktem Blick verfolgt hat, bricht ihr Schweigen: „Laura, ich will das doch´auch nicht. Du checkst einfach nicht, wie das hier läuft. Aber ich lass mir das jetzt nicht alles von dir kaputt machen!“

„Am Ende der Worte“: NDR-Film ist der Gewerkschaft der Polizei ein Dorn im Auge

Geht es nach Lars Osburg, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Hamburger „Gewerkschaft der Polizei“ (GdP), solle man wegen solcher Szenen den Film „Am Ende der Worte“, der an diesem Wochenende in das Rennen um den 3sat-Publikumspreis geht, nicht schauen.

Der Film, der Mitte November im NDR-Fernsehen seine Erstausstrahlung hatte, animierte Osburg zu einem Videostatement auf seinem Facebook-Kanal. Dort wählt der Gewerkschaftler markige Worte: „Ich bin enttäuscht und entsetzt!“ Das einzig realistische am Film sei die Hauptfigur zu Beginn des Films, wie sie sich aus ihren Idealen heraus für den Dienst bei der Polizei entscheidet. „Und dann endet der Realitätsbezug dieses Films!“

Alltag bei der Hundertschaft: Zwischen rassistischer Cop Culture und Korpsgeist

Der Film „Am Ende der Worte“ von Regisseurin Nina Vukovic nimmt sein Publikum mit in den Alltag einer Hundertschaft der Hamburger Polizei. Die Zuschauer:innen begleiten die Hauptfigur Lisa auf ihrem Weg vom Beginn ihrer Laufbahn bei der Polizei, die die junge Frau einst aus Überzeugung eingeschlagen hat, hin zu den vielen belastenden Grenzerfahrungen im Dienst, die die Gruppe von Bereitschaftspolizist:innen regelmäßig durch exzessiven Alkoholkonsum kompensieren.

Der Film zeichnet ein Bild von der Polizei als eingeschworene Kameradschaft, die sich gegenseitig durch ihren Zusammenhalt auffängt. Doch der Preis dafür ist hoch: Toxische Männlichkeitsrituale und Hierarchien, rassistische Cop Culture und Korpsgeist prägen den Alltag der Polizist:innen.

NDR-Film ist Fiktion: Die Gewerkschaft der Polizei macht er dennoch nervös

„Am Ende der Worte“ ist kein Dokumentarfilm. Das Drehbuch, mit dem die Drehbuchautorin Lena Fakler ihr Kinodebüt feiert, zeigt seinem Publikum eine Fiktion. Doch scheint die die Interessenvertretung der Hamburger Polizei nicht zu interessieren: „Wir sind uns der Kunstfreiheit bewusst und wollen diese auch in keiner Weise in Abrede stellen. Allerdings gibt es ausdrücklich keine Empfehlung, sich diesen Film anzusehen“, schreibt der Hamburger Landesverband der GdP in einem Statement auf seiner Homepage.

AutorinLena Fakler
MusikChris Köbke
KameraNeels Feil
RegieNina Vukovic
RedaktionKraemer, Donald
Quelle: NDR

Wenn alles nur Fiktion ist, wieso reagiert die Polizeigewerkschaft dann derart verstimmt auf ein Kunstwerk? Es ist entgegen der Position der Hamburger Polizist:innen eben die tatsächlich existierende Realitätsnähe, die „Am Ende der Worte“ für sein Publikum so wertvoll, ansprechend und nachvollziehbar macht.

„Am Ende der Worte“: Bild der Polizei passt zu angespielten Klischees

Der GdP-Vizevorsitzende Lars Osburg behauptet: „Dieser Film ist eine Aneinanderreihung von Vorurteilen und Klischees gegen meine Kolleginnen und Kollegen, die wir in aller Deutlichkeit zurückweisen.“

Tatsächlich steht die Polizei aber in beinahe tagtäglich im Licht der Öffentlichkeit aufgrund von Problemen mit toxischer Männlichkeit. Mittlerweile ist niemand mehr entsetzt, wenn schon wieder eine neue rechte Chatgruppe bei der Polizei aufgedeckt wird.

Polizei Gewerkschaft Hamburg: Zwischen Kunstfreiheit und Kritikresistenz

So fern der Realität scheint ein Film, dessen Drehbuch sich strukturell dieser Punkte bedient, also nicht zu sein. Und es ist eine Binsenweisheit, dass an jedem Klischee etwas dran ist. Nur weil es ein Klischee ist, muss die Verwendung desselben nicht schlecht sein.

Entscheidend ist, wie mit dem Klischee umgegangen wird. Die „Gewerkschaft der Polizei Hamburg schiebt nun die Kunstfreiheit ins Schaufenster, um sie vermeintlich zu achten. Stattdessen nutzt sie dies aber als Kunstgriff, um ihrem eigenen alternativen Blick auf die Realität Geltung zu verschaffen. Ein Blick, in dem die real existierenden Probleme bei den deutschen Polizeibehörden nicht gesehen werden.

Polizei in der Kritik: Gewerkschaft als bremsende Kraft

Die „Gewerkschaft der Polizei“ stellt sich immer dann vorgeblich bedingungslos vor seine Polizist:innen, wenn das System, in dem diese Arbeiten und sich eingerichtet haben, hinterfragt wird. Immer dann tritt die GdP als bremsende und verhindernde Kraft in

Erscheinung, wenn es darum geht, Missstände in der Polizei aufzuarbeiten und die Zustände zu verbessern. Und immer dann schaden Polizeigewerkschaftler:innen wie Lars Osburg aus Hamburg den Menschen in Uniform, für deren Wohl sie sich eigentlich einsetzen sollten, am meisten, wenn sie krampfhaft versuchen, jede auch nur so kleine Kritik an der Polizei zu relativieren.

Blick hinter die Kulissen der Polizei: NDR-Film könnte Chance für die Gesellschaft sein

Zum Schluss ist bei „Am Ende der Worte“ eines klar: Die Polizistin Laura gibt es zwar nicht. Das Schicksal, das die Figur im Film in unsere Wohnzimmer transportiert, ist jedoch real und wird jeden Tag von Polizist:innen erlitten.

Ein solcher Film könnte eine Gesellschaft für dieses Schicksal, das sonst niemand außerhalb des Systems Polizei sieht, sensibilisieren. Stattdessen kommen irgendwelche Polizeigewerkschaftler:innen daher und empfehlen, sich nicht damit auseinanderzusetzen. Ihre leidenden Kolleg:innen im Dienst werden es ihnen nicht danken. (Moritz Post)

Zuletzt ging Jan Böhmermann mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk hart ins Gericht.

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