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Die 44-jährige türkischstämmige Sozialarbeiterin Songül Ç. vor einem mit Graffiti besprühten geschlossenen Laden-Rollo.

„Im Schatten der Clans“, ZDF

Haltung zeigen - als Sozialarbeiterin in Berlin-Neukölln

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Die Reportage „Im Schatten der Clans“ beschreibt den Alltag einer Sozialarbeiterin in Berlin-Neukölln und ist im Rahmen der ZDF-Reihe „37 Grad“ eher ungewöhnlich.

Für eine Porträtreihe, in der es vorzugsweise menschelt, ist diese Reportage ziemlich ungewöhnlich. Güner Yasemin Balci hat sich für ihren Film „Im Schatten der Clans“ ein halbes Jahr lang im Berliner Bezirk Neukölln getummelt. Der Ortsteil gerät regelmäßig in die Schlagzeilen, weil die Gegend rund um die Sonnenallee („Klein-Beirut“) von arabischen Großfamilien dominiert wird.

Balcis Protagonistin ist eine Sozialarbeiterin, die verhindern will, dass die Kinder der Clan-Mitglieder ebenfalls in die Kriminalität abrutschen. Die Frau ist ein Glücksfall, für die Jugendlichen ohnehin, zumal sie offenkundig den richtigen Tonfall trifft, aber auch für Journalisten: Songül C., 44, ist eloquent, engagiert, hat eine sympathische Ausstrahlung und ist attraktiv. Die Feststellung, dass sie anscheinend gern und mit Hingabe über ihre Arbeit spricht, wäre eine unsachgemäße Untertreibung. Balci hätte daher vermutlich sogar auf einen Kommentar verzichten können, aber so funktioniert die ZDF-Reihe „37 Grad“ leider nicht; hier wird viel zu oft von Sprecherinnen und Sprechern formuliert, was die Betroffenen genauso gut selbst erzählen könnten.

„Gangsterromantik hat im echten Leben auch ihre Schattenseiten“

Die Autorin hatte anscheinend zudem das Gefühl, dass das Thema besonders vieler Hintergrunderläuterungen bedarf, weshalb die Bilder von Anfang bis Ende zugetextet sind. Nadja Schulz-Berlinghoff spricht den Kommentar zwar sehr angenehm, aber trotzdem fehlen Momente, in denen die Informationen auch mal sacken können. Formulierungen wie „Einer der härtesten Kieze Berlins“, „Der Sog der Straße“ oder Behauptungen wie jene, der Jugendtreff Yo!22 gleiche einer Festung, wirken in ihrer Häufung zudem allzu plakativ; das hat der Film gar nicht nötig. Das gilt erst recht für prätentiös klingende, letztlich aber banale Sätze wie „Gangsterromantik hat im echten Leben auch ihre Schattenseiten“.

Immerhin durfte Balci gegen ein anderes Diktum der Reihe verstoßen. In der Regel konzentrieren sich die „37 Grad“-Beiträge auf eine Person. Experten, die den Einzelfall in einen größeren Zusammenhang betten, sind hier ohnehin verpönt. Nur selten bieten die Filme andere Perspektiven an, und schon deshalb fällt „Im Schatten der Clans“ aus dem Rahmen. Im Grunde ist der Film eher Reportage als Porträt, denn Songül spielt zwischenzeitlich auch mal gar keine Rolle mehr, weil sich Balci auf einen ihrer früheren Schützlinge konzentriert. Dramaturgisch ist das sogar geschickt, denn auf diese Weise kann die Autorin verdeutlichen, mit welcher Klientel die Sozialarbeiterin arbeitet.

Das Tanzen hat Hamudi von der Straße und den Drogen ferngehalten

Songül ist Tanztherapeutin; sie ist die einzige Frau, die in dem Freizeittreff arbeitet. Der junge Mann, Hamudi, hat ihr seine große Leidenschaft zu verdanken: Das Tanzen, sagt er, habe ihn von der Straßen und den Drogen ferngehalten; nun arbeitet er seinerseits regelmäßig mit Kindern. Weil er trotzdem nicht komplett aus seiner Haut kann, ist er während der Dreharbeiten wegen Körperverletzung zu Sozialstunden verurteilt worden. Es ging, natürlich, um eine Frage der Ehre.

Für Reportagen dieser Art betreibt ein Filmteam oft eine Art journalistischen Tourismus: hinfahren, O-Töne einfangen und auf ein paar gute Bilder hoffen. Balcis Arbeit ist jedoch anzumerken, dass sie viel Zeit mit den Menschen verbracht hat. Gerade bei einer derart diffizilen Gemengelage ist Vertrauen die Basis von allem. Dass sich die Sozialarbeiterin, die in dem Viertel nicht nur Freunde hat, derart offen vor der Kamera äußert, ist nicht selbstverständlich. Für Hamudi gilt das erst recht. Unverblümt erzählt der junge Mann von seiner Straftat, die er offenbar ehrlich bereut; und das in Kreisen, in denen ein Kerbholz keine Bürde, sondern ein Schmuckstück ist.

Jugendstadtrat Falko Liecke sucht das Gespräch mit Jugendlichen

Dass hingegen der Dritte im Bunde die Öffentlichkeit sucht, ist nicht weiter überraschend; eher schon, dass er sich auf die Rahmenbedingungen eingelassen hat. Jugendstadtrat Falko Liecke, der auch stellvertretender Bürgermeister Neuköllns ist, sucht das Gespräch mit den Jugendlichen und macht dabei eine ganz ordentliche Figur; die entsprechende Diskussion im Yo!22 ist ein weiteres ungewöhnliches Element für „37 Grad“. Ausgerechnet Liecke sorgt jedoch auch für eine Leerstelle: Er will die Clan-Kriminalität mit Hilfe der Frauen unterwandern, denn er ist überzeugt, dass viele Mütter, Schwestern und Töchter nicht gut finden, was ihre Söhne, Brüder und Väter treiben. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, wie ihm das gelingt, aber das hätte vermutlich den Rahmen der für dieses Thema ohnehin recht kurzen Sendezeit von knapp 30 Minuten gesprengt.

Dafür erzählt Songül, wie schwierig es sei, als Frau mit orientalischem Hintergrund Stärke und Lebensfreude zu demonstrieren: weil man dann gleich als Schlampe gelte. Entsprechende Gespräche mit den jungen Frauen, die im Tanzkurs der Sozialarbeiterin lernen, in jeder Hinsicht Haltung zu zeigen, wären sicher ebenfalls spannend gewesen. Stattdessen endet der Film mit einer kleinen Desillusionierung, und auch das ist ungewöhnlich für „37 Grad“, denn die Reihe will doch Mut machen: Songül kündigt an, ihre Arbeit im Jugendzentrum zu beenden. Sie war zehn Jahre lang für die Kinder da, auch in ihrer Freizeit, und hat wohl zu oft erlebt, wie die Jugendlichen kurz vor dem Ziel eingeknickt sind. Für die Hoffnung ist nun Hamudi zuständig.

Zur Sendung: „37 Grad: Im Schatten der Clans“

Reportage

Sendetermin im TV: Dienstag, 4.6., ZDF, 22.15 Uhr - Weitere Informationen

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