+
Im Musicircus: Brett Carter, Alexandra Samouilidou, Michael Dahmen.

Staatstheater Mainz

Turbulenz gibt den Ton an

  • schließen

Im Druck der audiovisuellen Verpixelung: Georges Aperghis’ „Avis de Tempête“ in Mainz.

Sechzig Minuten theatraler Kreisverkehr auf der Bühne des Kleinen Hauses des Staatstheaters Mainz, wo bei Georges Aperghis’ „Avis de Tempête“ oft und langwährend Vorhänge auf einer geschlossenen Rundstrecke hin und her gezogen werden. Auf mehrfach ineinander verkleinerten Führungsschienen, so dass sich ein hübsches Enthüllungs-Verhüllungs-Mobile ergeben konnte (Bühne: Birgit Kellner). Darauf projizierte Bilder von Sturmfluten, von gestrandeten, auch entfleischten Walen, von Werbung (Video: Christoph Schödel).

Es geht um Sturm und Flut; man dachte unwillkürlich an das Wort der Marquise de Pompadour: „Après nous le déluge“ – nach uns die Sintflut. Die Akteure in seefahrttauglichem Dress (zwei Männer, eine Frau), daneben eine eher beobachtende in unauffälliger Casual-Kluft (Kostüme: Alexandre Corazzola). Herman Melville mit seinem Roman „Moby-Dick“ und dessen nautischer Metaphorik hat für viele der gesprochenen, geflüsterten, gesungenen Fragmente Pate gestanden bei dieser vor 15 Jahren entstandenen Oper des heute 74-jährigen francophonen Griechen. Ein verspätetes Produkt des theatralen Aktionismus, der aus Fluxus, Happening und John Cages Musicircus entstammt und sich bis zu Dieter Schnebel und Mauricio Kagel ausgeschöpft hat.

In der Regie von Anselm Dalferth will das mit schönen Lichtwirkungen (René Zensen) und raumfüllenden Klangprojektionen eine Art ästhetische Sonde für die momentanen Zeitläufte sein, wo Turbulenz nicht nur zu Wasser den Ton und das Bild angeben.

Das überschaubare Orchester befindet sich im Hintergrund der Szenerie. Die Musiker sind durch das gleiche Overall-Outfit wie die Akteure gekennzeichnet. Gleichsam die Mannschaft an Deck. Der Dirigent des Abends, Hermann Bäumer in einer Art Kapitänsuniform, leitet von seinem einmal auch wie ein Ausguck in die Höhe fahrenden Pult aus das Geschehen. Zeitweilig setzen sich die Instrumentalisten samt Kapitän auch zwischen Ritterrüstungshelm und Eselsmaske à la Zettels Traum changierende Kopfbedeckungen auf.

Bruchstücke von Chorgesang, lautgestische Stimmakrobatik, Gesungenes und Gesprochenes, geräuschhaft Eingeblendetes im Stil der musique concrète geben sich ein Stelldichein. Das passt zur Ästhetik Aperghis’, dem die Welt und deren Wahrnehmbarkeit nurmehr fragmentarisch möglich ist: disparat, zerstückelt und undurchdringlich. Auf der visuellen Ebene hat das in Mainz viel von der alten MTV-Ästhetik mit ihren Bildverschnitten, Überblendungen und Zeichen-Konglomeraten.

Gegen Ende des Abends lässt der Dauerdruck der audio-visuellen Verpixelung aber nach: das gestalterische Granulat bildet dann festere Formen – die Flut geht zurück, und bei Ebbe wird dann ein etwas larmoyanter und sentenzenhafter Ton bemerkbar. Ganz so zusammenhangslos, wie vom Komponisten formuliert, scheint die Chose dann doch nicht zu sein. Der Formverlauf schafft auch Durchblick: das quirlige Durcheinander sei doch ziemlich schlimm.

Musikalisch war man in Mainz trotz aller Turbulenz metrisch und auch harmonisch balanciert, manchmal regelrecht grundtönig gefärbt auf den vertrauten Planken Neuer Musik. Bäumer hielt seine Mannschaft mit präziser Zeichensetzung von seiner Kommandobrücke aus zu deutlichster Artikulation an. Die solistischen Bühnenrollen mit ihren multivokalen Aufgaben waren mit Alexandra Samouilidou, Brett Carter und Michael Dahmen treffend besetzt.

Staatstheater Mainz:16., 22. März, 7., 28. April, 11. Mai. www.staatstheater-mainz.com

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion