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Türknall im Netz
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Türknall im Netz

Update

Türknall im Netz

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Viele verkünden aus Ärger ihren Abschied von Twitter oder Facebook mit viel Getöse. Was wird aus ihnen?

Im Februar 2013 verkündete der Piraten-Politiker Christopher Lauer unter dem Titel „Twitter ist für mich gestorben“ in der „FAZ“ seinen Abschied von der Plattform. Er wolle seinen Twitter-Account künftig nur noch zum Verbreiten von Links nutzen. Dieser Vorsatz hielt ungefähr bis zum Sommer desselben Jahres.

Im November 2019 erklärte der Journalist Ulf Poschardt unter dem Titel „Warum ich Twitter verlasse“ in der „Welt“ ebenfalls seinen Abschied von Twitter. Nach ein paar Tagen sah man ihn schon wieder liken und kommentieren. Einige Wochen später war alles wie immer.

Dieses Phänomen gibt es nicht erst seit Twitter oder Facebook. Ich habe die Beispiele herausgegriffen, weil Poschardt und Lauer auch außerhalb der jeweiligen Plattformen bekannt sind. So klingt es einfach seriöser als die Nachricht, dass wendypopendy87 erbost ihren Austritt aus einer Gruppe von Schneekugelfans im Netz erklärt hat, nur um eine Woche später wiederzukommen. Aber genau das geschieht seit den 1980er Jahren täglich irgendwo im Netz. Nur die Plattformen wechseln.

Natürlich verschwindet ebenso täglich jemand wirklich für immer. Das sieht aber anders aus und geht nicht mit Ankündigungen in „FAZ“ und „Welt“ einher. Die unzufriedene Person wird einfach immer schweigsamer, verliert das Interesse, schaut seltener vorbei. Ein klares Abschiedsdatum lässt sich nicht bestimmen.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Ich werde bei dramatischen Abschieden im Netz gelegentlich mit dem Ausspruch „Je Türenknall, desto wiederkomm“ zitiert. Mir ist dabei ein bisschen unwohl, weil ich nicht genau weiß, ob er nicht doch von jemand ganz anderem stammt. In meinen Aufzeichnungen taucht er seit Mitte der Nullerjahre auf. Meine Erinnerung sagt, dass er noch älter ist, aber Belege dafür konnte ich bisher nicht finden. Ich entschuldige mich hiermit bei der Person, von der ich ihn möglicherweise in den Neunzigern aufgeschnappt habe.

Die Regel beruht ausschließlich auf anekdotischen Beobachtungen. Ich weiß nichts darüber, ob in Wirklichkeit nicht doch die Drama Queens genauso häufig oder selten zurückkehren wie die, die sich still davonschleichen. Noch ist diese Frage viel schlechter erforscht als beispielsweise die nach den Vorzeichen eines erfolgreichen Abschieds vom Rauchen. Gelegentlich kommt jemand trotz Türenknallens nicht zurück: Der Grünen-Politiker Robert Habeck verabschiedete sich im Januar 2019 mit einem Blogbeitrag „Bye bye, Twitter und Facebook“ aus den beiden sozialen Netzwerken und scheint bisher mit seiner Entscheidung zufrieden zu sein.

Aber es ist zumindest leicht, eine Erklärung für das häufige Scheitern der theatralischen Abschiede zu finden: Wer das Bedürfnis hat, seinen Abschied in großen Textmengen zu erklären, in dessen Leben spielt die jeweilige Gruppe oder Plattform noch eine wichtige Rolle. Das macht es schwerer, dann auch wirklich ohne sie zurechtzukommen.

Die Versuchung zurückzukommen ist außerdem im Netz größer als draußen. Wer im Job kündigt, kann nicht einfach langsam und unauffällig zurückkommen. Im Netz geht das, ein paar Likes hier, ein paar Kommentare dort. An den meisten Arbeitsplätzen ist es keine Option, ein paar Tage später wieder vorbeizuschlendern und erst mal nur die Topfpflanzen zu gießen, bis man ein paar Wochen später wieder den gewohnten Schreibtisch belegt. Im Netz lässt sich das Comeback sogar ganz ohne Gesichtsverlust bewerkstelligen, wenn man sich dafür eine neue Identität zulegt. Man kann also mit großer Geste seinen Abschied nehmen, ohne auf die Vorteile der jeweiligen Gemeinschaft oder öffentlichkeitswirksamen Plattform verzichten müssen.

Positiv interpretiert heißt das, dass Netzgemeinschaften mehr als das übrige Leben die Gelegenheit zu einem Neuanfang bieten. Oft wird sie zwar nur dazu genutzt, noch mal genau dieselben Fehler zu machen, aber vielleicht kommt dieser Eindruck ja nur daher, dass wir die erfolgreichen Neuanfänge nicht erkennen. Wer weiß, wie viele schon einmal alles hingeworfen und dann unter einem neuen Namen im zweiten (oder dritten oder siebzehnten) Versuch alles besser gemacht haben als vorher?

Selbst wenn man unter dem gleichen Namen wiederkommt, hat man durch die Pause vielleicht etwas dazugelernt und fühlt sich nach dem Wiederkommen wohler. Vielleicht weiß man jetzt genauer, was die Vorteile der verlassenen Community oder Plattform waren. Vielleicht ist man zu einem entspannteren Nutzungsverhalten gelangt und muss nicht mehr alle fünf Minuten nach neuen Ereignissen sehen, sondern nur noch alle zehn. Unter Gezeter alles hinwerfen kann richtig sein, zurückkommen auch. Beides ist allenfalls ein bisschen albern, aber deshalb sollte man sich im Leben von nichts abhalten lassen.

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