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DDR-Bürger am 4. September 1989 vor der Leipziger Nikolaikirche.

Montagsdemonstrationen

Trotz aller erbitterten Feindschaft friedlich

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Vor 25 Jahren fand in Leipzig die erste DDR-Montagsdemonstration statt: Ein Gespräch mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk.

Herr Kowalczuk, heute vor 25 Jahren gab es die erste große Montagsdemonstration in Leipzig – was hat die Leute zuletzt massenhaft gegen das Regime auf die Straße getrieben?
Ganz zentral dürfte sein, dass die meisten Menschen in der DDR Ende der 80er Jahre praktisch mit allem unzufrieden waren. Es gab meist nicht das, was man gerade brauchte, man konnte nicht reisen, man konnte seine Meinung nicht sagen. Dieses Gefühl legte sich wie Mehltau über die Gesellschaft, nichts bewegte sich mehr, was den Menschen noch dadurch ins Bewusstsein gerückt wurde, dass in Polen, in Ungarn und vor allem auch in der Sowjetunion Bewegung in die Gesellschaft kam.

Was war wichtiger – die ökonomische Not oder die geistige?
Ich würde davor warnen, den Umbruch in der DDR monokausal zu erklären. Vielmehr haben wir es mit einem Ursachenbündel zu tun, mit ganz vielen Faktoren, die im Sommer, Spätsommer 1989 zusammenkommen und zu dieser einzigartigen historischen Situation führen. Zum einen Gorbatschows Öffnungspolitik und die Reaktion der SED-Führung darauf, das auf keinen Fall mitzumachen. Das war auch aus der Sicht der Herrschenden richtig, denn die wussten aus den Erfahrungen von 1953, von 1956, von 1968, wenn man das System ein bisschen öffnet, kann alles ganz schnell zusammenbrechen. Also haben sie sich gegen Gorbatschow gestellt, und das war der Punkt, an dem Teile des eigenen Apparats abfielen. Leute, die eigentlich bis dahin systemloyal waren, bekamen nun auch Zweifel. So ein Umbruch kann ja nur erfolgreich sein, wenn nicht nur eine kleine Opposition existiert, sondern auch die eigentlichen Herrschaftsapparate instabil werden.

Welche Rolle spielte die Opposition in der DDR?
In den letzten Jahren hatte sich eine kleine Opposition herausgebildet, die wuchs und die es zunehmend verstand, vor allem mittels westlicher Medien, die Gesellschaft zunächst zu informieren, zu sensibilisieren und dann auch zu mobilisieren. Und dazu trug nun wieder ganz entscheidend ein anderer Fakt bei, nämlich dass Ungarn praktisch am Rande der Zahlungsunfähigkeit stand und Kredite aus dem Westen brauchte. Dafür waren mehrere Vorbedingungen nötig, auch die Ratifizierung der Genfer Flüchtlingskonvention. Danach durfte man keine Flüchtlinge in ihr Herkunftsland zurückschicken, die aus politischen Gründen verfolgt werden. Das ist der Ausgangspunkt dafür, dass einerseits Ungarn am 2. Mai anfängt, den Eisernen Vorhang abzubauen, und andererseits immer weniger DDR-Bürger, die bei der Flucht ertappt werden, zurückschickt.

Was eine Massenflucht aus der DDR auslöst. Inwiefern hilft das der Opposition im Land?
Auf einmal haben die Menschen in der DDR Handlungsoptionen. Sie können sich entscheiden. Entweder: „Alles so bleibt, wie es ist, und ich verhalte mich wie gestern.“ Oder: „Ich haue einfach ab, ich will hier nicht mehr auf die Zukunft warten, ich will jetzt leben.“ Oder, da sich die Bürgerrechtsbewegung anfing zu artikulieren: „Ich bleibe hier, aber ich will etwas verändern.“ Und das alles vor dem Hintergrund, dass die SED-Führung handlungsunfähig ist. Honecker bricht Anfang des Sommers mit Gallenkoliken zusammen, damit ist der gesamte Herrschaftsapparat kopflos, niemand will Verantwortung übernehmen. Und auf Moskaus Panzer konnte man nicht hoffen, das hatte Gorbatschow klargemacht.

War es das Volk, das den Untergang der DDR herbeigeführt hat, oder waren es einzelne Persönlichkeiten wie Michail Gorbatschow?
Gorbatschow ganz bestimmt nicht, nein. Er hat natürlich zweifellos seine historischen Verdienste, aber er war ein Reformator wider Willen. Gorbatschow war nicht angetreten, um Demokratie nach westlichem Muster im Ostblock einzuführen. Das wird ihm vor allem in Deutschland unterstellt, im Rest der Welt fast nirgendwo. Er wollte einen „demokratischen Kommunismus“. Das Ganze ist ihm dann gewissermaßen entglitten. Er ist auch nicht der Friedensapostel, für den er immer gehalten wird. Er hat zwar die Panzer in Ost-Berlin, Prag oder Budapest in den Kasernen gelassen, aber hat sie im Baltikum, in Mittelasien und im Kaukasus sehr wohl gegen die Bevölkerung auffahren lassen. Dort gab es viele Tote. Das wird in Deutschland gern vergessen.

Also war es das Volk?
In DDR haben wir es mit einem klassischen Volksaufstand zu tun, ja.

Der Umbruch geschah friedlich. Auch deshalb wird viel häufiger die Bezeichnung „Wende“ als der Begriff „Revolution“ benutzt. Sie tun es.
Weil es eine war. Eine Revolution zeichnet sich dadurch aus, dass am Ende kein Stein mehr auf dem andern steht. Und genau das können Sie in der DDR beobachten: Die Eliten waren weg, das System war weg, die Wirtschaft war zusammengebrochen, die Ideologie war weg, alles was den DDR-Staat ausmachte. Das war ein umfassender staatlicher Paradigmenwechsel. Das hat natürlich nicht jeder einzelne, der dort lebte, so wahrgenommen. Viele glauben auch, dass Revolution mit Blut und Gewalt verbunden sein muss. Das ist aber mitnichten so. Nehmen Sie nur die industrielle Revolution oder die mediale. Die Revolution, die wir 1989 im Ostblock erlebt haben, hatte allerdings eine Besonderheit.

Und welche?
Diese Revolution erstrebte nichts Neues. Es ging nicht darum, irgendeinen Zustand zu erreichen, den die Welt noch nicht gesehen hatte wie bei der Französischen oder der Russischen Revolution. Die Leute wollten eigentlich nur das, was die im Westen schon hatten. Hier fehlt das, was man gemeinhin auch mit Revolutionen verbindet: eine utopische Zukunftsvision.

Heute hat man den Eindruck, die Ereignisse des Jahres 1989 steuerten folgerichtig auf den Mauerfall zu. Trotzdem hat er die Leute in der DDR, aber auch im Ausland damals völlig überrascht. Wie erklären Sie sich das?
In der Rückschau mag es so scheinen, aber das war natürlich überhaupt nicht folgerichtig. Diese unglaubliche Dynamik, die sich in diesen Tagen und Wochen damals einstellte, hatte mehrere Gründe. Zum einen hat niemand der ostdeutschen Gesellschaft ein solches kreatives Tempo zugetraut, weder im Westen die Beobachter noch die Ostdeutschen selber. Außerdem konnte sich bis in den Herbst 1989 hinein, teilweise bis Anfang 1990, niemand vorstellen, dass Moskau sein Imperium so einfach aufgibt, praktisch über Nacht kapituliert, ohne großartige Gegenleistungen. Die berühmte Nachkriegsordnung von Jalta erschien allen politischen Beobachtern in Europa stabil.

Ein Gefühl, das durch die Entspannungspolitik in den 70er und 80er Jahren bestärkt wurde.
Genau. Dazu trug auch bei, dass viele Menschen im Westen die Staaten im Osten nicht mehr als Diktaturen wahrgenommen haben. Das waren eben andere Systeme, die waren nicht so ganz frei, nicht so ganz demokratisch, wirtschaftlich nicht so ganz propper, aber eigentlich lief doch alles. Diese Fehleinschätzungen waren weit verbreitet. Übrigens ist für mich immer das schönste Beispiel dafür, dass selbst nach dem Mauerfall dieses hohe Wandlungstempo für viele noch nicht vorstellbar war, wie noch im beginnenden Wahlkampf im Februar 1990 der damalige Bundeskanzler Kohl die Deutschen darauf einstellte, dass die Einheit sehr, sehr schnell kommen würde, viel schneller als alle dächten – wahrscheinlich schon 1995. Da zeigt sich, dass dieser unglaublich rasante Wandel auch nach dem Mauerfall noch anhielt, auch weil der Druck von der Straße so groß blieb.

Wir haben seit 1989 immer wieder Volksaufstände erlebt, zuletzt auf dem Kiewer Maidan. Inwieweit kann man Parallelen zu 1989 ziehen oder auch Unterschiede ausmachen?
Man muss natürlich immer genau schauen, worum es eigentlich geht. Auf jeden Fall zeigen die Aufstände der letzten Jahre, in der Ukraine, aber auch in Nordafrika, was wir für ein großes Glück hatten, dass wir 1989 einen friedlichen Umsturz erleben durften. Das hing, wie wir heute wissen, über Wochen hinweg doch am seidenen Faden. Es gab noch nach dem 9. November 1989 die Überlegung, mit Hilfe der NVA die Mauer wieder zu schließen. Das hätte zu einem schlimmen Blutvergießen geführt. Es gab Anfang Oktober diese bedrohlichen Situationen in Dresden, als Züge mit Ausreisewilligen aus Prag durch die Stadt geleitet werden sollten. Es gab auch Leute, die versuchten, von der sowjetischen Armee Waffen zu kaufen, um mit diesen Waffen zu Großdemonstrationen zu gehen und sich im Falle eines Falles zu verteidigen. Man muss sich nur mal vorstellen, da wäre jemand mit einer Kalaschnikow auf so einer Demo erschienen, und das hätten Stasi und Polizei mitbekommen.

Das Blutbad vom Tiananmen-Platz hätte sich auf dem Alexanderplatz wiederholen können.
Ja. Diese Angst vieler Menschen vor der sogenannten chinesischen Lösung, mit der ja auch Egon Krenz und andere drohten, war durchaus real. Dass es bei anderen Volksaufständen seither nicht so gut ausging, hat aber Gründe. Einerseits waren diejenigen, die bekämpft wurden, nicht ganz so schwach wie der SED-Apparat. Zum anderen hat die Zersplitterung sowohl der Leute, die gegen die Opposition kämpfen, als auch derjenigen, die im Widerstand gegen den Staat sind, Gewalt anderswo befördert. Hinzu kommt oft eine Vielfalt an ethnischem oder religiösem oder politischem Hintergrund. Das war in der DDR mit ihrer recht homogenen Bevölkerung nicht gegeben.

Was hat die internationale Gemeinschaft 1989 richtig gemacht – auch als Lehre für die Zukunft?
Ich bin immer skeptisch bei der Frage, was kann man aus der Geschichte lernen. Zumal in Deutschland als geteilter Nation einzigartige Rahmenbedingungen herrschten. Gut war sicher, dass sich die Sowjetunion der Wiedervereinigung nicht widersetzt hat, und vor allem, dass die US-Amerikaner die Idee von Anfang an so massiv unterstützt haben, auch gegen die Widerstände aus Paris und London. Der Untergang der DDR hat auch gezeigt, dass alle Parteien trotz durchaus erbitterter Feindschaft friedlich miteinander umgehen können. Aber wenn man aus der Geschichte lernen könnte, hätten wir unseren letzten Krieg vor 3 000 Jahren oder so geführt. Doch wenn man derzeit die Nachrichten sieht, hat man das Gefühl, dass es so hoffnungslos wie jetzt seit Jahrzehnten nicht war.

Interview: Nadja Erb

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