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Hans Werner Kilz (67) ist seit 14 Jahren Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung.

SZ braucht neuen Chef

Trommeln und sparen

Seit 14 Jahren ist Hans Werner Kilz Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung. Ende des Jahres geht er in Ruhestand. Doch neben einem neuen Chef steht dem Blatt ein strammer Sparkurs bevor. Von Ulrike Simon

Von Ulrike Simon

Hans Werner Kilz steht in seinem Büro im 25. Stock des neuen Verlagsgebäudes am Rande Münchens. Die Fensterfront gibt den Blick frei auf das Gewerbegebiet rund herum, auf Bracheflächen und Abstellgleise. Am Horizont sind die Alpen zu sehen, doch Kilz’ Augen hängen missmutig an dem Stapel Regionalausgaben. Er fegt sie mit einer Handbewegung beiseite.

Die Süddeutsche Zeitung ist überregional die auflagenstärkste des Landes, ihre Mischung aus harten Exklusivgeschichten, relevanten Reportagen und unterhaltsamer Leichtigkeit genießt bundesweites Renommee. Zu ihr gehören aber auch diese dünnen Blättchen, die hier verstreut auf dem Tisch liegen. Sie heißen Freisinger SZ, Ebersberger SZ oder Wolfratshausener SZ. Sie liegen dem Mutterblatt täglich in den Landkreisen bei.

Seit 14 Jahren ist Kilz Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung. Ende des Jahres geht er in Ruhestand. Kollegen erzählen, wie Kilz, aus Worms stammend und einst in Hamburg heimisch geworden, einmal Ebersbach sagte und Ebersberg meinte. Es wurde ihm nicht als Versprecher ausgelegt, sondern als Zeichen von Unkenntnis und Ignoranz des Lokalen. Kilz ging es immer um die großen Geschichten, um die Aufdeckung von Affären, die die Nation bewegt: Flick, Barschel, Siemens, Parteispenden.

Die Bemerkung, es habe ihn doch bisher nie interessiert, was in den Regionalausgaben von Erding oder anderswo steht, quittiert er mit einer Drohung, falls man sich erlauben sollte, das zu schreiben. Er weiß, dass es stimmt. Und plötzlich stört ihn, dass diese Regionalausgaben eine andere Schrift haben, dass die Textspalten schmaler sind, dass sie inhaltlich so wenig gemein haben mit dem großen Mutterblatt?

Sieben Millionen Miese

Kilz wird im November 67 Jahre alt. Bis zu seinem Abschied könnte er es ruhig angehen lassen. Die Umstände lassen das nicht zu. Die Süddeutsche Zeitung schreibt, wie der gesamte Verlag, rote Zahlen, von gut sieben Millionen Euro ist die Rede. Der 2009 mit Abfindungen schmackhaft gemachte Stellenabbau, die Kürzungen von Honoraren und Reisekosten reichen nicht aus, demnächst werden betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen. Die Grenzen des Erträglichen sind erreicht, schrieb Kilz’ Stellvertreter Wolfgang Krach in einer internen Mail.

Seit ein paar Tagen verteilen Verdi-Mitglieder vorgedruckte Postkarten, die an die Geschäftsführung geschickt werden können. Sie wird darin aufgefordert, "nicht das journalistische Niveau zu gefährden und einen zufriedenstellenden Kundenservice zu sichern. Die weitere Ausdünnung des Personals könnte der Zeitung irreparablen Schaden zufügen." Und über all dem steht die Frage: Wer folgt Kilz? Und was wird sein Nachfolger aus der Süddeutschen Zeitung machen?

Kilz’ Berufung vor 14 Jahren kam gegen den Widerstand eines Großteils der Redaktion zustande. Laut Statut haben der Redaktionsausschuss und die leitenden Redakteure das Recht, bei der Neubesetzung der Chefredaktion ein Veto einzulegen, wenn wenigstens zwei Drittel dagegen stimmen. Bei Kilz scheiterte das Veto an nur einer Stimme. Bei seiner Vorstellung in München sagte er, er werde versuchen, das Vertrauen derer zu gewinnen, die nicht für ihn gestimmt hätten.

Er hat es gewonnen: durch seine ruhige, humorvolle Art und mit einer Personalpolitik, die auf dem Prinzip "Checks and Balances" beruht. So hat er es geschafft, eine Horde journalistischer Diven um sich zu scharen und zu bändigen, die selbst Marken sind und die Süddeutsche Zeitung zu dem machen, was sie ist. Dazu gehört, dass die Kommentare berechenbar sind.

Und Kilz hat die Süddeutsche inhaltlich verändert. Er holte vom Spiegel den Rechercheur Hans Leyendecker und trommelte der Redaktion ein, Wert auf Exklusivnachrichten zu legen, auf Hintergründiges, Analysen, auf Kommentare. Er erweiterte den Wirtschaftsteil und das Vermischte, führte das Thema des Tages ein und die Beilage am Wochenende. Manches, wie die NRW-Ausgabe und die tägliche Berlin-Seite, musste wieder eingestellt werden. Nicht wegen Erfolglosigkeit, sondern aufgrund wirtschaftlicher Zwänge.

"Bruch zwischen Verlag und Redaktion"

Es galt, den Anzeigeneinbruch des Jahres 2002 zu überstehen, der fast zu einer Insolvenz geführt hätte. Davor rettete den Verlag nicht die über Jahrzehnte an ihm reich gewordene Gruppe der Altgesellschafter, sondern der Einstieg der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH). Ihr gehören mittlerweile 81,25 Prozent. Die SWMH kann besser mit Zahlen und Organigrammen umgehen als mit Menschen. Kilz spricht von einem "Bruch zwischen Verlag und Redaktion". Der SWMH wird unterstellt, sich nur mit Regionalblättern auszukennen, doch Kilz sagt: "Die Eigentümer erkennen die Qualität der Süddeutschen Zeitung an und wollen sie erhalten."

Worüber er nicht spricht, sind die Konflikte zwischen Chefredaktion und Gesellschaftern der Süddeutschen Zeitung, die eben dann entstehen, wenn Qualitätsanspruch und Spardruck gegeneinander abzuwägen sind. Diesen Konflikten sei Kilz nie aus dem Weg gegangen, heißt es in der Redaktion. Viele sagen, ein anderer würde sich dem Druck der Gesellschafter eher beugen. So einen suche die SWMH als Nachfolger.

"Chefredakteure sind meist nicht so einflussreich, wie dies ihre Untergebenen glauben, sie sind praktisch nie so wichtig, wie sie sich selbst nehmen und sie wollen selten die Welt oder auch nur die Zeitung so verändern, wie ihnen das gerne von Lesern oder Zuschauern unterstellt wird. Ihr symbolischer Wert allerdings ist hoch." Kurt Kister hat das kürzlich geschrieben, in einem anderen Zusammenhang, doch dürfen diese Sätze mit Blick auf die Kilz-Nachfolge interpretiert werden.

Kister, bei der Süddeutschen stellvertretender Chefredakteur, ist der aussichtsreichste Kandidat, womöglich als Teil einer Doppelspitze mit Wolfgang Krach. Viele wünschen sich das, auch Kilz hinterlässt den Eindruck. Aber hatte der Chef-Leitartikler Heribert Prantl nicht kürzlich gesagt, er würde auch nicht nein sagen - "wenn man mich fragen würde"?Offensichtlich wurde Prantl nicht gefragt.

Giovanni di Lorenzo hat längst abgesagt

Andere schon, zum Beispiel Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, einst Seite-3- Chef der SZ, doch er hat längst abgesagt. Dass er gefragt wurde, zeigt immerhin, dass der SWMH Renommee wichtig ist. Kilz sagt, dass die Zukunft der Zeitung im Überregionalen liege. Doch die regionale Verankerung einer überregionalen Zeitung ist nicht zu unterschätzen. Nur noch 60 Prozent der Auflage von 435 400 Exemplaren werden in Bayern verkauft; ein Umstand, der einen Regionalverleger wie die SWMH herausfordert.

"Es ist nicht so, dass die SWMH uns nur zum Sparen zwingt. Sie investiert auch", sagt Kilz und erwähnt das neue Redaktionssystem, das mit dem von sueddeutsche.de kompatibel sein wird. Als "die revolutionärste Veränderung der vergangenen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte" bezeichnet Kilz jedoch das neue Regionalkonzept. Auch damit sind Personaleinsparungen vorgesehen, doch unter dem Strich erfordert es höhere Produktionskosten als bisher. Das Ziel sind Auflagenzuwächse und damit höhere Vertriebserlöse.

Im Juni wird das Konzept umgesetzt. Dann verschmelzen die Ressorts Bayern, München und München Kultur zu einem Zeitungsbuch mit Wechselseiten für die Landkreise, dann werden Struktur und Optik vereinheitlicht und wird die Produktion zentralisiert. Er werde selbst rausfahren und den Regionalredaktionen klarmachen, dass sich ihre Arbeitsweise ändern müsse, sagt Kilz. "Ich will da nicht nur lesen, was ich auch anderswo finden kann. Ich will relevante, exklusive Geschichten." Die Süddeutsche hat schließlich einen Ruf zu verlieren, regional wie überregional.

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