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Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki starb am Mittwoch im Alter von 93 Jahren.

Marcel Reich-Ranicki ist tot

Der Triumph der Kritik über ihren Gegenstand

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Mit Marcel Reich-Ranicki starb der einflussreichste und umstrittenste deutsche Literaturkritiker. Ein Nachruf.

Für ein Fernsehporträt zu seinem 85. Geburtstag lief Marcel Reich-Ranicki durch Frankfurter Innenstadtstraßen. Man brauchte noch ein paar Füllselbilder. Auf der Zeil, der Fußgängerzone, trafen der Kritiker und das Kamerateam auf Fußballfans von Eintracht Frankfurt. Als diese den Kritiker erkannten, schwenkten sie begeistert ihre Bierflaschen und skandierten „Reich-Ra-nitz-ki, Reich Ra-nitz-ki“. Wieder und wieder. Reich-Ranicki ging auf sie zu, lächelnd, kein bisschen verunsichert. Er legte einem der grölenden Jungs freundlich den Arm auf die Kutte, und alle Mann grinsten sie nun einmütig in die Kameras.

Huldigungen zu empfangen von Fußballfans – kein Kritiker hat es je so weit gebracht. Und kein Intellektueller wird ihm so tief ins Herz des Publikums nachfolgen. 1,2 Millionen Mal wurde seine Autobiografie verkauft, vermutlich ist er bekannter als der berühmteste deutsche Gegenwartsschriftsteller, der Nobelpreisträger Günter Grass. Für einen Kritiker, der vorgibt, die Literatur sei sein Lebensgefühl, ist das ein fast unanständiger Triumph der Kritik über ihren Gegenstand. Als Grass sich in den 90er Jahren einmal erregte über die fast schrankenlose Herrschaft des „Entertainers, der sich als Quartett aufspielt“, antwortete Reich-Ranicki in der FAZ mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein: „Alle wissen wir, dass nicht nur Grass in eine Krise geraten ist, sondern die ganze deutsche Gegenwartsliteratur. Ein Zeichen der Krise mag sein, dass die deutschen Kritiker bisweilen besser schreiben als die Autoren, mit denen sie sich beschäftigen. Was Grass ärgert, trifft teilweise zu: Für manche Kritiker interessiert man sich heutzutage mehr als für diesen oder jenen Schriftsteller, der uns in den sechziger, in den siebziger Jahren entzückt hat. So ist das: Wenn Seuchen um sich greifen, werden die Ärzte immer wichtiger.“

„Du bist die Krankheit, ich bin die Medizin“, pflegte schon Charles Bronson im Film „Ein Mann sieht rot“ zu sagen, bevor er schoss, und Bronson erzielte damit ganz ähnliche Publikumserfolge wie Reich-Ranicki. Dieser schoss zwar nur im übertragenen Sinne, aber wahrhaftig nicht immer mit fairer Munition. Über Heinrich Bölls Gesprächsbuch „Drei Tage im März“ schrieb er: „Wer immer dieses Buch liest, wird des angenehmen Gefühls teilhaftig, er könne sich doch ein bisschen besser ausdrücken als Deutschlands repräsentativer Schriftsteller.“

Wer immer diese Kritik las, könnte man sagen, sah sich geschmeichelt und zum inneren Beifall verführt, den verhöhnten Schriftsteller freilich ausgenommen, der in der Folge das Gefühl hatte, Reich-Ranicki wolle eine ganze Lesermeute auf ihn hetzen. Böll hatte bis dahin übrigens zu Reich-Ranickis besten Freunden gezählt.

Komplize und Kumpan der Leser

Dieser Kritiker war nicht nur Anwalt der Leser, er war sein Komplize, sein Tribun und bisweilen auch sein Kumpan. Reich-Ranicki interessierte sein Ansehen unter Schriftstellern ganz zuletzt, auch die akademische Fachwelt war ihm egal – er buhlte um die Liebe des Publikums, das er mit Pointen umwarb und mit einem rhetorischen Wechselbad aus Clownerien, Selbstparodien, mit Aggressivität und Melancholie in Bann hielt. Der Beifall, der auf ihn einprasselte, je älter er wurde, erschien ihm stets aufs Neue wie ein Wunder, denn er war der festen Überzeugung, in Deutschland hasse man die Kritik, hier käme es schlecht an, so polemisch zu streiten, wie er es tat.

Umso stolzer war er darauf, gerade auf diesem, gewissermaßen undeutschen Feld, das Herz des Publikums gewonnen zu haben. Der endgültige Durchbruch gelang ihm, als er sich 1999 rigoros selbst zum Thema machte.

Ein Buch, das man nicht wieder vergisst

In der Autobiografie „Mein Leben“ erklärt Marcel Reich-Ranicki, wie er zu Marcel Reich-Ranicki wurde. Es ist ein Buch, das man nicht wieder vergisst; flimmernd von prägnanten Details und doch straff erzählt – ergreifend in seinen genauen Urteilen und klaren Beobachtungen, selbstbewusst, in seiner Wirkung präzise kalkuliert und auch seinen Widersachern das Herz erwärmend. Was für eine Leben!

Reich-Ranicki erzählt von seiner Kindheit in Polen, der Schulzeit in Berlin, der Ausgrenzung als Jude, der Deportation nach Polen als Achtzehnjähriger 1938. Er erzählt von der Zusammengepferchtheit im Warschauer Getto, vom Abtransport der Eltern in den Tod, vom Dienst im polnischen Geheimdienst nach dem Krieg, von der Aussiedlung in die Bundesrepublik, von seinem Aufstieg als Kritiker zum Literaturchef der FAZ. Nur dem Fernsehen, dem er neunzig Prozent seiner Popularität verdankt, widmet er sich kaum. Dem Literarischen Quartett, Höhepunkt seiner Existenz als Volkstribun, gelten knapp vier Seiten des Buches. Das spiegelt freilich nicht die Maßverhältnisse wirklicher Bedeutung: Seine Frau Tosia, zweifellos das Wichtigste in seinem Leben, erhält auch nicht viel mehr Raum.

Reich-Ranicki verstand von der Literatur genug, um für sein Verhältnis zu den Leuten, zum wirklich ganz großen Publikum, intime Darstellungsformen zu finden. Beispielhaft stehen dafür die Erinnerungen an Bolek und Genia: Nachdem Reich-Ranicki zusammen mit seiner Frau Tosia aus dem Warschauer Ghetto geflohen ist, wird das Paar von einem Polen als Juden erkannt und zur Herausgabe der letzte Habe erpresst. Als Gegenleistung kommt er vorerst bei dem Bruder des Erpressers unter, dem arbeitslosen Drucker Bolek Gawin und seiner Frau Genia. Sie verstecken die Verfolgten in ihrem Keller, eineinhalb Jahre lang bis zur Befreiung durch die rote Armee.

Wir trauern alle. Noch vor 2 Stunden habe ich ihn besucht.

— frankschirrmacher (@fr_schirrmacher)

September 18, 2013

Das Versteck boten Bolek und Genia nicht ganz uneigennützig; Marcel und Tosia mussten Zehntausende von primitiven Zigaretten im Kellerversteck fertigen, die Gawin mit allerdings wenig Gewinn verkaufte. Gawin war hin- und hergerissen zwischen dem Stolz, Hitler zwei potenzielle Opfer zu entreißen und dem Wunsch, sie wieder loszuwerden.

An einem wegen Stromsparens wieder einmal stockdunklen Abend begann Reich-Ranicki im Hause der Gawins eine Geschichte zu erzählen, um sich und seinen Rettern die Langeweile zu vertreiben. An diesem Abend entdeckte er die Macht der Literatur. „Je besser eine Geschichte war, je spannender, desto mehr wurden wir belohnt. Mit einem Stück Brot, mit zwei Mohrrüben oder dergleichen.“ Von nun an, so berichtet Reich-Ranicki in „Mein Leben“, erzählte er jeden Abend – um zu unterhalten, um sich nützlich und sympathisch zu machen, um Zeit zu gewinnen, kurz, um am Leben zu bleiben. Er, der sich seit seiner Zeit als literaturbegeisterter Abiturient kaum noch mit der deutschen Literatur hatte beschäftigen können (eine Lyrik-Anthologie war ihm geblieben), erzählt nun aus dem Stegreif die Stoffe der großen Dramatik und Literatur, der Opern und der Filmgeschichte. Er wird ein Entertainer aus der Not, erzählt wie Scheherazade in Tausendundeiner Nacht um sein Leben und lernt dabei, welche Geschichten, welche erzählerischen Kniffe auch einfache Leute wie Bolek und Genia fesseln.

Die Szene ist (ob stilisiert oder nicht) die Schlüsselszene für Reich-Ranickis Literaturverständnis, um seine lebenslange Verehrung des Unterhaltsamen zu erklären. Den Leser zu packen und zu fesseln galt ihm als vornehmste Aufgabe sowohl der Literatur als auch ihrer Kritik. Reich-Ranicki kämpfte ausschließlich um das große Publikum, akademische Debatten reizten ihn nicht. Was nicht zugespitzt werden kann, erschien ihm schlecht gedacht. Wenn er im Literarischen Quartett scheinbar unangestrengt um die Lacher kämpfte, sah man, hatte man sich erst einmal seine fortdauernde Furcht vor gesellschaftlicher Ausgrenzung vor Augen geführt, Millionen von Boleks und Genias vor den Bildschirmen. Ihr Vergnügen war seine Lebensversicherung. Reich-Ranicki hat nie aufgehört, um die Gunst seiner Retter zu kämpfen.

Dass ihm die Gunst des Publikums zum Lebenselixier wurde, ging ohne Dogmatismus nicht ab. Als Reich-Ranicki aus dem polnischen Geheimdienst entlassen wurde, für den er 1948 in London als Vizekonsul der sozialistischen Republik über die dortige Exilregierung berichten sollte, gelang es ihm, eine Anstellung als Lektor für deutsche Literatur zu bekommen und für polnische Zeitungen als Kritiker zu arbeiten. Eine deutsche Übersetzung eines Beitrags aus der Nowa Kultura in „Sinn und Form“ sorgte 1953 in der DDR für Wirbel, weil er darin den Parteigänger Erich Weinert lobte und dabei zum Seitenhieb auf die dekadente Vergangenheit anderer sozialistischer Schriftsteller ausholte: „Im Unterschied zu Becher oder Brecht, Toller oder Wolf“ habe Weinert es immer verstanden „sich der Versuchung des Expressionismus zu widersetzen“, der „so fatal auf die damals entstehende deutsche revolutionäre Dichtung einwirkte“.

Den Glauben an den Sozialismus verlor Reich-Ranicki rasch, den an die Realismusdoktrin nahm er über den Eisernen Vorhang mit, als er im Juli 1958 am Bahnhof von Frankfurt am Main ankam, um sein Glück als Kritiker in dem Land zu versuchen, dessen Literatur er noch immer über alles liebte. Entschlossen erkämpft sich der 38-Jährige einen Platz in dem Land, aus dem er einst deportiert wurde: Vier Wochen nach seiner Ankunft erscheint die erste Kritik in der FAZ, fünf Wochen später sein Aufmacher zur Buchmessenbeilage und wiederum drei Wochen später nimmt er bereits an der Jahrestagung der Gruppe 47 teil – der verschworenen, tonangebenden Clique der deutschen Nachkriegsliteratur.

Man muss sich diesen losen, aber elitären, vom literarisch glücklosen Hans Werner Richter herbergsvatermäßig geführten Haufen als einen getreulichen Spiegel der frühen Bundesrepublik vorstellen. Ehemalige Wehrmachtssoldaten und Verfolgte hatte die literarische Profession zusammengeführt. Hart und routiniert wurde dort debattiert, nach festen Ritualen Werke vorgetragen und kritisiert, viel und ausgiebig wurde politisiert.

Ulrike Meinhof war die Erste, die sich interessierte

Völlig beschwiegen aber wurde die Existenz von Juden unter ihnen. Weder der Holocaust im Allgemeinen noch gar die persönlichen Schicksale der Einzelnen kamen je zu Gespräch. Die unsäglichen Verbrechen standen zwischen den Zurückgekehrten und den Deutschen; das verkrampfte Schweigen verlieh Reich-Ranickis Existenz unterschwellige Unsicherheit. Dass er bei der „Zeit“ als Autor angestellt, aber nicht zu den Redaktionssitzungen geladen war, deutete er noch in seiner Autobiografie als Zeichen von Antisemitismus. Bezeichnenderweise sei es die spätere Terroristin Ulrike Meinhof gewesen, erzählte Reich-Ranicki, die sich als Erste für das Warschauer Ghetto und das Schicksal seiner Eltern interessiert habe.

So ganz konnte Reich-Ranicki es bis zum Schluss nicht glauben, dass sein Publikum ihn wirklich ins Herz geschlossen hatte, obwohl und gerade weil er so offen über das Ghetto sprach, über seine ausgelöschte Familie, und darüber, dass die meisten Deutschen bis 1944 glücklich waren über Hitler. Mit seinem polnischen Pferdemarktakzent, mit seinen wüsten Übertreibungen und einer Gestik, die dem deutschen Volk traditionell als so aufdringlich erscheint, dass es alle Türen dicht macht, eigentlich mit nichts als Literaturkritik hatte er es zu dem berühmtesten Lektürewesen der deutschen Kultur gebracht. Zu unserem ersten Papst.

Hätte sich diese Lebensgeschichte, die gestern im Alter von 93 Jahren ihr Ende fand, nicht wirklich so zugetragen, niemand würde sie für möglich halten, nicht mal in Form eines gelungenen, eines fabelhaften, eines außerordentlichen Rrromans.

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