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Gabriel Garcia Marquez auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1987.

Gabriel García Márquez

Träume weiter, aber mit offenen Augen

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Teile des Nachlasses von Gabriel García Márquez können jetzt online gelesen werden.

Der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez (1927-2014) war einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Ein Freund des kubanischen Diktators Fidel Castro und ein beredter Gegner der imperialistischen Aktionen der USA. Erst Bill Clinton hob 1995 ein Einreiseverbot in die USA wohl noch aus den fünfziger Jahren auf.

Ausgerechnet der Nachlass des Literaturpreisträgers von 1982 landete vor zwei Jahren im Harry Ransom Center der University of Texas in Austin. Also die Manuskripte, Notizbücher, Fotos, Briefe und persönliche Habseligkeiten, zu denen zwei Smith Corona Schreibmaschinen und fünf Apple Computer gehören. Das Harry Ransom Center hat schon Teilnachlässe von James Joyce, Ernest Hemingway, William Faulkner, Jorge Luis Borges und anderen Autoren. Den García-Márquez-Nachlass erwarb das Center zu einem unbekannten Preis von der Familie des Autors.

Geld für Liebesbriefe

Die Vorstellung, dass sich spätere Generationen von Forschern auf seinen Nachlass stürzen würden, war García Márquez vor allem unangenehm. Er bot seiner Frau Geld für die Liebesbriefe, die er ihr zu Beginn ihrer Beziehung geschrieben hatte, so lautet eine Familienlegende, um sie verbrennen zu können. Die politischen Aktivitäten des Autor sind im Nachlass wenig dokumentiert. Die „New York Times“ zitiert seinen Sohn, der erklärte, man habe nichts zurückgehalten, der Vater selbst habe diese Dinge lieber persönlich oder am Telefon erledigt.

Zu den etwa zweitausend Briefen der Sammlung gehören solche von Graham Greene, Milan Kundera, Julio Cortázar, Günter Grass und Carlos Fuentes. Teile des Nachlasses sind jetzt in Spanisch und Englisch Online zu besichtigen. Man findet dort unter 27.500 Einträgen auch eine Aufnahme seiner Dankesrede für den Nobelpreis.

Oder aber einen Text aus dem Jahre 2007 über Bill Clinton, der ja nicht nur ihn wieder hatte einreisen lassen in die USA, sondern der schon während des Wahlkampfes erklärt hatte, „Hundert Jahre Einsamkeit“ sei sein absolutes Lieblingsbuch.  García Márquez hatte das für einen reinen Propagandatrick Clintons gehalten, der damit hoffte, Wählerstimmen der Latinos für sich zu gewinnen. Aber Clinton gelang es, den ja auch nicht ganz uneitlen Kolumbianer davon zu überzeugen, dass er es ernst gemeint hatte. García Márquez war jedoch Autor genug, um dabei nicht stehen zu bleiben. Er macht darauf aufmerksam, dass es nun mal zu Clintons großen Begabungen gehörte, die Leute glauben zu machen, was er sagte. Noch gefährlicher freilich war seine Fähigkeit demjenigen, mit dem er gerade sprach, den Eindruck zu vermitteln, er interessiere sich für jedes Wort.

Stöbern im Online-Archiv

Wer auf den Seiten des Online-Archivs blättert, der stößt auch auf eine Menge Notizen aus García Márquez’ Tätigkeit an der Filmhochschule von Havanna. Da steht dann „Filmidee: Ein Film über den perfekten Fußball“. Den hat es niemals gegeben. Aber die Idee ist wunderbar. Sie hat diesen Dreh ins Unmögliche, diese augenzwinkernde Himmelstürmerei.

Man liest sich fest in Artikeln von ihm und wird traurig, denn er ist tot und man wird nichts Neues mehr lesen von ihm. Dann aber macht man sich klar, was für ein Unsinn das ist, denn dieser Nachlass ist voller Texte, die man noch nicht gelesen hat. Auch das bereits Veröffentlichte hat man oft noch nicht gelesen: „Wir glaubten an das gedruckte Wort, an die Kaufkraft des Geldes und an die Notwendigkeit der Träume. Wir wurden uns nie klar darüber, ob das unser größter Fehler oder unsere wichtigste Tugend war“. Das war Gabriel García Márquez. Er war ein Realist, der sehr genau Bescheid wusste über die Kaufkraft des Geldes, der sich auf die Macht des gedruckten Wortes verstand wie kaum jemand sonst auf der Welt und der gleichzeitig wusste, dass er ohne seine Fähigkeit zu träumen, im einen wie im anderen, ahnungslos geblieben wäre.

Er rechnete in seiner Hiroshima-Gedenkrede „El Cataclismo de Damocles“ 1986 nicht nur vor, wie viel abwurfbereite Atombomben gehortet wurden, sondern auch: „Die Streichung aller Schulden der Dritten Welt und sie zehn Jahre lang wieder fit zu machen, würde weniger als ein Sechstel der Militärausgaben des gleichen Zeitraumes ausmachen.“ Er war nicht der einzige, der solche Berechnungen anstellte. Auch heute fehlt es nicht an Autoren, die das tun, aber wer kümmert sich so eingehend um Statistiken, wer interessiert so sehr für die globalen Raubzüge des Realkapitalismus und weiß gleichzeitig seine Fantasie so fruchtbar zu nutzen, wie er das konnte? Nachdem er ihn gerettet hat, ruft „El Mercenario“, der geldgeile Pistolero, dem Revolutionär zu „Träume weiter, aber mit offenen Augen!“ Das war der Ruf von Gabriel García Márquez.

Online Archiv: Im Netz unter hrc.contentdm.oclc.org/digital/collection/p15878coll51

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