Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Idol und Vorbild für die Generation der Ehrgeizigen in China: Selfmademan Jack Ma.
+
Idol und Vorbild für die Generation der Ehrgeizigen in China: Selfmademan Jack Ma.

Alibaba Börsengang

Träume aus 1001 Nacht

Alibaba-Gründer Jack Ma wagt heute den größten Börsengang der Geschichte. Experten gehen davon aus, dass der Konzern aus China sogar den Börsengang von Facebook übertreffen könnte.

Von Inna Hartwich

Er huscht die Treppen hinauf, lässt sich vorsichtig in den Stuhl fallen. Lehnt sich zurück. „Verstehen Sie etwas von Technik? Sehen Sie, ich auch nicht. Null. Ich kann am Rechner gerade mal Emails verschicken.“ Er klingt stolz. Da hat er sie wieder, die Menschen, ihre Aufmerksamkeit. Er hat sie gefangen, neugierig gemacht, Chinesen wie Westler, bei Fernsehinterviews, auf Konferenzen oder wie gerade eben erst bei der Roadshow quer durch die USA, auf der Suche nach Investoren – für seinen bislang größten Coup, den Börsengang.

Der Mann, der von Internettechnologien angeblich keine Ahnung hat, hat alles perfekt eingefädelt. Heute geht sein Online-Handelsimperium Alibaba in New York an die Börse. Der Börsengang in New York wird möglicherweise die größte Neuemission der IT-Geschichte werden. Beobachter gehen davon aus, dass Alibaba in der ersten Runde zwischen 20 bis 24 Milliarden Dollar einsammeln könnte und damit Facebook übertrifft, das sich vor zwei Jahren an die Börse wagte. Womöglich stellt Alibaba auch den Rekord-Börsengang der Agricultural Bank of China in den Schatten, der sich 2010 auf 22,1 Milliarden Dollar summierte.

Mit dem frischen Geld will Alibaba seine Expansion finanzieren. Der Zeitung „Economic Times“ zufolge plant der Konzern eine Beteiligung am indischen Konkurrenten Snapdeal, an dem allerdings auch der Rivale Rakuten sowie das Telekomunternehmens Soft-Bank aus Japan interessiert seien. Das Hauptaugenmerk Alibabas dürfte aber dem Wachstum in den USA und Europa gelten.

Taobao hat einfach alles

Alibaba ist das größte Internetkaufhaus der Welt. Kaum ein Chinese, der nicht auf dessen Handelsplattform Taobao (Schatzsuche) einkauft, ob am Schreibtisch im Büro oder in der U-Bahn per Smartphone. In so manchen Laden gehen die Menschen im Land nur noch deshalb hin, um die Sachen anzuschauen, Kleider und Schuhe Probe zu tragen oder das Gewicht der Bratpfanne zu überprüfen. Gekauft aber wird über Taobao, es ist billiger, und es wird schnell geliefert.

Taobao hat alles: Flachbildschirme, Ananaskekse, Babyjeans, Plastik-Essstäbchen. Das Unternehmen beherrscht 85 Prozent des chinesischen Online-Handels. Alibaba verkauft die Waren nicht selbst, sondern bietet eine Plattform für Händler und Kunden. Anders als Ebay verlangt es keine Provision. Das Geld kommt über Werbung hinein. Mit dem Mikroblogging-Dienst Weibo etabliert es das, was die Kommunistische Partei mit Twitter aus dem Land ausgesperrt hat.

Mit Alipay gibt es ein eigenes Bezahlsystem, mit Aliexpress erobert es seit April 2010 auch Märkte außerhalb Chinas, auf Englisch, Russisch und Portugiesisch. Alibaba produziert Filme und Musik und steigt scheinbar in jedes Geschäft ein, das Erfolg wie Geld verspricht. Analysten schätzen den Wert des Alibaba-Konzerns derzeit auf 163 Milliarden US-Dollar. Gemessen am Umsatzvolumen ist das chinesische Internetkönigreich doppelt so groß wie Amazon und dreimal so groß wie Ebay. Allein im vergangenen Quartal stieg der Umsatz um 46 Prozent. „Ebay ist ein Hai im Ozean, Alibaba ist ein Krokodil im Jangtse. Wenn wir im Meer schwimmen, verlieren wir, aber im Fluss gewinnen wir“, sagte Jack Ma einst. Den Fluss hat er längst erobert. Mas Vermögen wird auf bis zu zwölf Milliarden Dollar geschätzt.

Nun wagt sich das Krokodil ins Meer hinaus. Das Unternehmen lebt von Legenden und von einer sehr speziellen Firmenkultur. Darin unterscheidet es sich wohl kaum von westlichen Internet-Firmen. Den Gründungsmythos wiederholt Jack Ma gern: 1995 habe er sich auf eine Reise nach Amerika aufgemacht und bis dahin nie eine Tastatur berührt. Dort geht er zum ersten Mal ins Internet, gibt die Worte „Bier“ und „China“ ein. Nichts. Doch er ist infiziert – und will in seinem Heimatland Freunde, Bekannte, Kollegen mit diesem Virus anstecken. Leicht ist es nicht. Mitten in der Kulturrevolution kam Ma als Kind von Schaustellern in Hangzhou, in der Nähe von Shanghai, zur Welt. Seine Eltern gaben ihm den Namen Yun, die Wolke. Bereits in der Schule interessiert er sich für die englische Sprache. Für viel mehr aber auch nicht.

Er heftet sich an die Fersen der damals noch raren ausländischen Touristen, lauscht den fremden englischen Tönen. Bei der Aufnahme an eine Universität scheitert er gleich zwei Mal, strandet am Lehrerseminar in Hangzhou, unterrichtet später Englisch an der Elektro-Ingenieur-Uni seiner Heimatstadt und arbeitet als Übersetzer – bis zur Reise in die USA. Sie verändert sein Leben, sie krempelt auch den Handel in China um.

Heute schmückt eine schicke Konzernzentrale das hübsche Hangzhou. Heute beschäftigt Ma 22 000 Mitarbeiter, „Aliren“ nennen sich , Ali-Menschen. Sie geben sich Namen von Kung-Fu-Helden, tragen manchmal seltsame Hüte und rennen mit Spielzeugschwertern durch die Flure. Auch Ma verkleidet sich gern, er schminkt sich die Lippen und tritt als Schneewittchen bei Firmenfesten auf. Manchmal traut er auch schon mal seine heiratswilligen Angestellten in einer Massenhochzeit. Ma wird gefeiert wie ein Rockstar – und benimmt sich auch oft so, nur eben auf seine eigene Art der Exzentrik, von asiatischer Kampfkunst und chinesischem Führungsstil durchsetzt.

Der chinesische Traum

Viele Chinesen beten ihn an, weil er es ohne Parteikarriere ganz nach oben geschafft hat, weil er sich als Selfmademan geriert, als Vorbild für die Generation der Ehrgeizigen im Land. Die Story ist danach: 18 Freunde waren sie, als 1999 alibaba.com online ging. Sie saßen in Jack Mas Wohnung in Hangzhou, „tranken, schauten fern, spielten Karten – und warteten“, so beschrieb Ma später die Unternehmensgründung. Zuvor hatte er bereits mit dem Online-Verzeichnis „China-Seiten“ geübt, eine der ersten Homepages im Land. Heute nutzen 600 Millionen Chinesen das Internet. Sie sind begeistert von den Möglichkeiten, vor allem von den Möglichkeiten des Internetkonsums. Vieles andere lässt die Partei ohnehin sperren. Dass Ma mehrfach Verständnis für das Tiananmen-Massaker von 1989 zeigte und die Internetzensur der KP billigt, fällt bei dem Erfolg scheinbar kaum ins Gewicht.

Vor kurzem hat der 49-Jährige seinen Vorstandsposten aufgegeben, will Platz machen für die Jüngeren. Seiner Verehrung tat der Schritt keinen Abbruch. Loyalität ist das, was bei Alibaba zählt. Kenner berichten von einem geradezu militärischen Stil, es gehe zu wie in einer Kaserne. „In den Sitzungen schreien sich alle an, wer nicht mit einem roten Kopf und heiserer Stimme daraus kommt, der hat etwas nicht verstanden“, erzählt einer, der bei Alibaba gearbeitet hat. Ma selbst sagt: „Manches kann ich schon ertragen. Wenn ich die Entscheidung eines Mitarbeiters falsch und dumm finde, ändere ich sie.“ Wer die Methoden nicht akzeptiert, der fliegt. So wie der Taobao-Chef, den der Firmengründer kurzerhand entließ. Der Topmanager soll vor Ma geweint haben. Der Nationalheld hat kein Verständnis für solche Gefühlsausbrüche.

„Feng Qingyang“ nennt sich Ma auf seiner Visitenkarte. Es ist ein Name aus der Kampfkunst-Novelle „Der lächelnde, stolze Wanderer“. Ein mutiger Schwertkämpfer soll die Figur gewesen sein, sie steht für die Macht eines Windes, die alles Böse austreibt. Das chinesische Wort „feng“ kann, etwas anders geschrieben, auch „irre“ bedeuten oder „absolut perfekt“. Es ist genau das, wie Freunde und Feinde von Alibaba Jack Ma kennzeichnen.

Manche vergleichen das Unternehmen auch mit der KP in den Anfangsjahren. „Genau so wie Alibaba jetzt hat die Partei früher daran geglaubt, ein neues und besseres China zu schaffen, es war eine Art Religion für sie“, schreibt Li Zhihui in seinem Buch über den Internet-Handelsriesen. Jack Ma sagt: „Ich habe einen Traum: Das Leben der Chinesen soll einfacher werden“, sagt Ma immer wieder und trifft sich auch hier gut mit der Ideologie der Partei. „Zhongguo meng“, nennt sie das, „chinesischer Traum“. Ein Traum von der Wiedergeburt einer starken und reichen chinesischen Nation.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare