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Die Tourbillon-Taschenuhr: Ein Schatz, auf die Sekunde genau

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Von: Andreas Förster

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Das gute Stück, gefertigt für die Pariser Weltausstellung anno 1900.
Das gute Stück, gefertigt für die Pariser Weltausstellung anno 1900. © A. Lange & Söhne

Ihr Durchmesser beträgt gerade mal 43 Millimeter. Und doch ist die Tourbillon Nummer 41 000 eine der bedeutendsten und kostbarsten Uhren ihrer Art weltweit. Dies ist die Geschichte eines technischen Wunderwerks – und dessen Reise durch die Nachkriegszeit

Es ist ein warmer Tag im Mai, die hohen Fenster in Jürgen Vollbrechts Büro im Bautzner Stadtmuseum sind angeklappt und lassen Vogelgezwitscher herein. Sonnenstrahlen tanzen auf dem Tisch, fallen auf ein unscheinbares graues Kästchen. „Wollen wir es aufmachen?“, fragt der 62-jährige Museumsdirektor, und man sieht ihm an, wie es ihm in den Fingern kribbelt. Dann greift er das Kästchen, schiebt es auf und holt seinen Inhalt hervor. „Das ist sie, die im Jahr 1900 gefertigte Tourbillon Nummer 41 000 von Fridolin Stuebner“, sagt Vollbrecht feierlich und legt die Taschenuhr vorsichtig auf den Tisch.

Die kaum 200 Gramm wiegende Uhr mit einem Durchmesser von gerade einmal 43 Millimeter gehört zu den bedeutendsten und kostbarsten Uhren ihrer Art weltweit. Gefertigt zur Pariser Weltausstellung im Jahr 1900, wird das Unikat aus der berühmten Glashütter Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne heute auf einen Wert von mehreren Millionen Euro geschätzt.

Die legendäre Taschenuhr gehört zur Sammlung des Bautzner Stadtmuseums, seit 1945 aber war sie verschwunden; Unbekannte hatten sie in den Wirren des Kriegsendes gestohlen. 2019 tauchte sie plötzlich auf, sollte bei Sotheby’s als Bestandteil der Uhrensammlung des ein Jahr zuvor verstorbenen deutschen Milliardärs Erivan Haub, einem Miteigentümer der Tengelmann-Gruppe, versteigert werden. Das Bautzner Museum schritt ein, verhinderte den Verkauf und einigte sich mit den Haub-Erben auf einen Rückkauf. Am heutigen Donnerstag soll die legendäre Tourbillon erstmals wieder der Öffentlichkeit präsentiert werden. „Das wird ein großer Moment sein für unser Museum und ganz Bautzen“, sagt Vollbrecht und nimmt die Taschenuhr zärtlich in die Hand. „Einer unserer Schätze ist heimgekehrt.“

Die Tourbillon 41 000 ist ein Meisterwerk sächsischer Uhrmacherkunst

In diesem Moment kann man erahnen, welche Bedeutung diese Uhr für den Direktor des Bautzner Stadtmuseums hat. Der in Köln geborene Vollbrecht, ein großgewachsener fröhlicher Mann mit ansteckendem Lachen, ist gelernter Archäologe. 2011 übernahm er das Haus am Bautzner Kornmarkt. In den vergangenen Jahren hat er viel daran gesetzt, die nach 1945 entstandenen Verluste seines Museums aufzuarbeiten und die seit Kriegsende verschollenen Objekte wiederzufinden. Sie nach Hause zu bringen, wie er sagt. Wenn nun mit der kostbaren Taschenuhr von 1900 einer der größten Schätze des Museums nach Bautzen zurückkehrt, ist dies auch ein wichtiger Erfolg für Vollbrecht.

Es ließe sich viel erzählen über die Tourbillon Nummer 41 000, eines der herausragendsten Meisterwerke sächsischer Uhrmacherkunst. Angefangen bei dem rotgoldenen Sprungdeckelgehäuse, dem sogenannten Savonette, das mit einer kunstvollen Emailleminiatur verziert ist. Sie zeigt die lorbeerbekränzte Göttin Minerva, die römische Göttin des Handwerks und der Weisheit, vor der Silhouette der Pariser Weltausstellung von 1900. Sammler:innen und Expert:innen aber faszinieren vor allem die geheimnisvollen Mechaniken, die im Dunkel des Gehäuses ruhen und deren ausgeklügelte Konstruktionen auch nach mehr als 120 Jahren noch einen sekundengenauen Gang der Uhr garantieren. So etwa die Zahnradachsen des Uhrwerks, die durch aufgebohrte Rubine laufen. Oder das aus 69 Teilen bestehende und nur ein halbes Gramm wiegende Tourbillon-Werk, mit dem der Einfluss der irdischen Schwerkraft auf die Ganggenauigkeit ausgehebelt wird.

Die Tourbillon 41 000 steht symbolisch für viele Kulturgutverluste in Deutschland

Jürgen Vollbrecht kann all das wortreich beschreiben. In den vergangenen zwei Jahren hat er viel gelesen über die Kraftmechaniken der ineinanderspielenden Zahnräder der Tourbillon Nummer 41 000, über die ungeheure Präzision ihres Uhrwerks, über die ebenso komplexen wie winzigen Teile, die dafür sorgen, dass die Taschenuhr auch nach mehr als 120 Jahren noch sekundengenau geht. „Das ist faszinierend. Wenn man in dieses Universum von Zeitmessung eintaucht, dann scheint unsere äußere Welt weit weg.“

Doch Vollbrecht sagt auch, dass sich diese äußere Welt nicht ausblenden lässt, wenn man über die heimgekehrte Tourbillon spricht. „Diese Uhr ist mehr als ein mechanisches Wunderwerk. Sie steht eben auch für das komplexe Thema der kriegsbedingten Kulturgutverluste in Deutschland. Und die damit verbundenen und bis heute ungelösten Fragen von Rückgabe und Wiedergutmachung.“

1921 war die von Fridolin Stuebner geschaffene Tourbillon in das Eigentum des Bautzner Stadtmuseums gelangt. Sie gehörte zu einer 18 wertvolle Stücke umfassenden Uhrensammlung des Bautzner Unternehmers Otto Weigang, die nach dessen Tod von seiner Witwe Anna Weigang dem Museum geschenkt worden war. Die Tourbillon hatte Weigang, Mitinhaber der auf die Produktion von Zigarrenkisten und -etiketten spezialisierten „Chromolithographischen Kunstanstalt und Steindruckerei Gebrüder Weigang“, schon 1900 für die damals bedeutende Summe von 1500 Mark erworben.

Museumsdirektor Jürgen Vollbrecht recherchiert die Geschichte der Tourbillon 41 000

Bis 1944 blieb die Weigang’sche Uhrensammlung im Gebäude des Museums ausgestellt. Dann aber wurden angesichts der immer häufigeren Bombenangriffe auf deutsche Städte die Uhren zusammen mit vielen weiteren Exponaten des Museums vorsorglich in verschiedene Herrenhäuser der Umgebung ausgelagert. Ab Anfang Februar 1945 lagerten Mitarbeiter des Museums die meisten dieser Sammlungsobjekte erneut um – in die Bus’sche Kaserne am Rande der mittelsächsischen Kleinstadt Leisnig, die rund 50 Kilometer südöstlich von Leipzig liegt.

Dutzende Lastkraftwagen schafften damals Gemälden, Plastiken, historische Möbel und Waffen nach Leisnig sowie mehrere Holzkisten, in denen sich neben der Uhrensammlung auch hochwertige Grafiken aus dem 17. Jahrhundert, antike Münzen, astronomische und physikalische Geräte sowie der kostbare Ratssilberschatz der Stadt befanden.

Das Kriegsende überstand die Kaserne in Leisnig nahezu unbeschädigt. Die Stadt war zunächst von US-Soldaten besetzt worden, wurde dann aber kurze Zeit später an die sowjetische Armee übergeben. „Doch schon vor dem Einzug der Roten Armee muss es zu ersten Plünderungen in der Kaserne gekommen sein“, sagt Jürgen Vollbrecht und legt den schriftlichen Bericht eines Zeitzeugen vor, der in dieser Übergangszeit die Pferdeställe besichtigt hatte. Sein erster Besuch habe im Mai 1945, vor dem Einzug der sowjetischen Einheit in die Kaserne, stattgefunden. „Bereits da musste der Mann feststellen, dass Kisten aufgebrochen und ihr Inhalt verschwunden war“, erzählt Vollbrecht. „Darunter war auch die Kiste, in der sich die Weigang’sche Uhrensammlung befand.“

Wo war die Tourbillon 41 000, nachdem sie im Krieg verschwunden war?

Nach 1945 tauchte die Uhr immer mal wieder kurz auf, zunächst in der DDR, dann in der Bundesrepublik. „Wir haben noch keinen vollständigen Überblick von dem Weg, den die Uhr seit Kriegsende nahm, aber in Fragmenten lässt sich das bereits rekonstruieren.“ So habe eine ältere Dame davon berichtet, die Tourbillon Ende der 1960er Jahre bei einem Uhrmachermeister Seidler in Rudolstadt gesehen zu haben, bei dem sie damals als Auszubildende angestellt war. Wie Vollbrecht aus anderer Quelle hörte, habe Seidler damals die Taschenuhr in Kommission gehabt für einen Uhrmachermeister aus Jena. „Möglicherweise hatte dieser Uhrmacher, dessen Name Wirtz oder so ähnlich gelautet haben soll, die Uhr von jemandem erworben, der sie aus der Kaserne in Leisnig gestohlen hatte“, sagt Vollbrecht.

Eine weitere Sichtung der kostbaren Uhr ist aus dem Jahr 1970 überliefert. „Damals gab es eine große Traditionsausstellung in der sächsischen Kleinstadt Glashütte, aus Anlass des 125-jährigen Bestehens der Glashütter Uhrenindustrie. Viele Exponate der dort seit 1845 ansässigen namhaften Uhrenmanufakturen wurden gezeigt, darunter auch die Tourbillon Nummer 41 000.“ Wer die Uhr damals für die Ausstellung zur Verfügung gestellt und ob sie zu diesem Zeitpunkt womöglich schon einen neuen Besitzer im Westen gefunden hatte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Tatsache aber ist, dass sie nach 1970 von einem Uhrmacher Dannert aufbewahrt wurde, der zu jener Zeit entweder in der Schweiz oder in Süddeutschland lebte.

Erst 1976 tauchte die Tourbillon Nummer 41 000 wieder auf, bei einer Ausstellung in München. Dann verliert sich ihre Spur bis zu einer Auktion 1990. Damals soll die Uhr ein österreichischer Kondomproduzent gekauft haben, der sie aber nach einigen Jahren wieder versteigern ließ. Irgendwann in den 1990er Jahren, so vermutet es Vollbrecht, wurde die Uhr dann schließlich von Erivan Haub erworben, dem Tengelmann-Unternehmer. „Haub war ein begeisterter Sammler. Er hatte sich dem Projekt verschrieben, 50 wertvolle Uhren zusammenzustellen, anhand derer sich die 500-jährige Geschichte der Zeitmessung dokumentieren lässt.“

Die Tourbillon 41 000 sollte bei Sotheby‘s versteigert werden

Nach dem Tod des Milliardärs sollte die Sammlung Haub im November 2019 bei Sotheby’s in Genf versteigert werden. „In der Firma A. Lange & Söhne hatte man sich den Katalog der Auktion angeschaut und war dort auf die Tourbillon von 1900 gestoßen, deren rechtmäßiger Eigentümer ja immer noch unser Museum ist“, sagt Vollbrecht. Die Firma habe das Museum alarmiert, das daraufhin den auf Kunstrecht spezialisierten Berliner Rechtsanwalt Ulf Bischof beauftragte, Kontakt mit Sotheby’s und den Haub-Erben aufzunehmen. „Weil wir die Taschenuhr zusammen mit den anderen Stücken aus der Weigang’schen Uhrensammlung bereits in den 1990er Jahren in die Lost-Art-Datenbank des in Magdeburg ansässigen Zentrums für Kulturgutverluste eintragen ließen, nahm Sotheby’s die Tourbillon umgehend aus der Auktion“, sagt Vollbrecht.

Damit aber war die Rückkehr der Uhr nach Bautzen noch nicht geregelt. „Wenn wie in diesem Fall der aktuelle Besitzer die Uhr irgendwann nach dem Krieg erworben hat und nachweisen kann, dass er von der tatsächlichen Herkunft des Objekts nichts wissen konnte, dann lässt sich ein Herausgabeanspruch des Museums vor Gericht kaum durchsetzen“, erläutert Anwalt Bischof. In solchen Fällen müssen sich dann Eigentümer und aktueller Besitzer über die Bedingungen für eine Rückgabe einigen.

Im Fall der Tourbillon Nummer 41 000 habe es auf beiden Seiten aber eine große Bereitschaft gegeben, zu einer gemeinsamen Lösung zu finden. „Die letzten Besitzer wussten nichts von der Herkunft aus Bautzen und waren natürlich überrascht, als wir den Eigentumsanspruch des Museums begründeten“, sagt der Anwalt. „Wir fanden aber schnell zueinander, was so nicht immer der Fall ist.“

Endlich ist die Tourbillon 41 000 wieder an ihrem Ursprungsort

Das Bautzner Stadtmuseum einigte sich mit den Haub-Erben auf einen Rückkauf der Uhr. Über den Kaufpreis ist Stillschweigen vereinbart worden. Es dürfte sich um eine hohe sechsstellige Summe handeln, was aber immer noch weit unter dem tatsächlichen Wert des Unikats liegen würde. Die Stadt Bautzen hat eine halbe Million Euro für den Wiedererwerb der Tourbillon bereitgestellt, hinzu kommen Fördergelder des Freistaats Sachsen, der Kulturstiftung der Länder und Spenden von vier Bautzner Unternehmen sowie Eigenmittel des Museums.

In den nächsten Monaten wird die kostbare Taschenuhr in der Werkstatt von A. Lange & Söhne behutsam gereinigt und aufgearbeitet. Im Herbst, so die Planung, wird sie dann in einer Sonderschau im Bautzner Stadtmuseum ausgestellt werden. Die Recherchen ihres wechselvollen Schicksals nach 1945 will Museumsdirektor Vollbrecht weiter vorantreiben. „Wenn es uns gelingt, den Weg der Tourbillon zurückzuverfolgen, dann stoßen wir vielleicht auch auf neue Spuren der Weigang’schen Uhrensammlung, die damals in Leisnig geraubt wurde“, sagt er. „Und vielleicht gelingt es uns dann, noch weitere unserer Uhren nach Hause zu holen.“

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