Die Toten und die Quoten

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Anne Will redete lieber über Merckle statt Gaza

Die ARD hatte gestern mal wieder einen Triumph zu melden: den "gelungenen Start von Puschel-TV", dem Kabarett mit Alfons. Nichts mitgeteilt hingegen wurde zu der Frage, die offenbar nicht wenige Zuschauer wirklich interessierte: Warum war das Thema bei Anne Wills Talkshow am Sonntag nicht der Krieg im Gaza-Streifen, sondern der Selbstmord des Milliardärs Adolf Merckle?

Fest stand: Die Redaktion von Will Media hatte das Thema Gaza vorbereitet: So war die Wissenschaftlerin Sumaya Farhat Naser aus dem Gaza-Streifen in die Sendung eingeladen und befand sich schon im Hotel in Berlin - wo sie von Freunden Avi Primors, offensichtlich ebenfalls auf der Gästeliste, von der Absage erfuhr. Die bestätigte ihr wenig später ein Mitarbeiter von Will Media. Sumaya Farhat Nasers Informationen zufolge war auch Daniel Barenboim eingeladen, um bei Anne Will über den Krieg zu diskutieren.

Wills Sprecherin Nina Tesenfitz kann die Namen der Gäste "so nicht bestätigen". Es sei das "übliche Procedere", verschiedene Gäste anzufragen und auch mehrere Themen vorzubereiten. Die Festlegung auf das Thema Freitod sei aber eine "redaktionelle Entscheidung ohne Einfluss von außen" gewesen,beteuert Tesenfitz. Ihrer Darstellung nach habe sich die Redaktion Mitte der Woche" für eine Talkrunde über Selbstmord ausgesprochen; da sei es schon zu spät gewesen, dem Gast aus Palästina abzusagen.

Aus dem NDR ist zu hören, dass es tatsächlich keine politischen Gründe gegen eine Runde über Gaza gegeben habe - sondern ganz andere: Der Tod des deutschen Unternehmers - den auch der Spiegel zur aktuellen Titelgeschichte machte - sei als das populärere Sujet angesehen worden. Und das vor dem Hintergrund, dass es in diesem Jahr auch darauf ankommen wird, Anne Wills Sendung ihre Quoten zu sichern.

Denn auf die First Lady des deutschen Polittalks, die immer mal wieder lesen musste, dass ihr Kollege Frank Plasberg mit seinem "hart aber fair" am Mittwoch vielleicht doch der bessere Talker sei, kommen womöglich schwerere Zeiten zu: Wenn im Herbst die Sonntagsspiele der Fußball-Bundesliga in den Dritten Programm der ARD laufen, muss der Talk um 21.45 Uhr um Zuschauer bangen.

NDR-Sprecher Martin Gartzke formuliert denn auch, es seien "journalistische Gründe" gewesen, die zur Abkehr vom Gaza-Thema geführt hätten. Darunter kann man vieles verstehen - auch die Begründung mit der Quote. Unbeantwortet bleibt jedenfalls die Frage von Sulayma Naser: "Wie kann man in so einer schwierigen Situation so ein Thema absagen?"

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