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Florian Illies: Morgen wird die erste von ihm verantwortete Kollektion des 19. Jahrhunderts versteigert. Villa Grisebach, Fasanenstraße 25, 14.30 Uhr.

Florian Illies

Vom Top-Journalisten zum Kunsthändler

Der Namensgeber der „Generation Golf“ Florian Illies wechsele vom Gipfel des Journalismus in den Kunsthandel. Seine Mission: junge Sammler für die Naturmalerei des 19. Jahrhunderts zu begeistern - und Schönheit in Geldwert zu verwandeln.

Von Sebastian Preuss

Cool und jungdynamisch wirkt dieses Zimmer nicht. Schon gar nicht wie das Arbeitsdomizil des vor Kurzem noch prominentesten Vertreter des jungen Feuilletons. Die Wände sind gedämpft gestrichen, die Möbel: Biedermeier. Mitten im Raum steht eine Récamière, eine dieser exzentrischen Liegen ohne Rückenlehne, auf denen sich die Damen um 1800 so effektvoll niederlegten. In dieser gediegenen Retro-Atmosphäre also, und nicht in Corbusier-Stahlrohrsesseln oder in Sixties-Klassikern, soll die erwachsen gewordene „Generation Golf“ zu Hause sein? Die hatte Florian Illies vor elf Jahren als unpolitische, an den Wohlstand der alten Bundesrepublik gewöhnte Jugend beschrieben.

Irgendwo im Regal liegt ein dicker Band mit Kate-Moss-Fotografien – das passt schon eher zum Klischeebild des Trend-Seismographen. Aber die Bilderwelt, um die es Illies hier geht, ist eine ganz andere, keine gegenwärtige. An der Wand hängen dicht an dicht Bilder aus dem 19. Jahrhundert: romantische Landschaften, religiös gestimmte Dämmerungen, traute Familienszenen, viel Natur und noch mehr Italien-Sehnsüchte, dazwischen preußische Offiziere und sächsische Melancholiker.

Constable, Carus, Blechen, Rottmann, Menzel, Achenbach, Piloty – es ist alles dabei, ein Querschnitt durch das, was zwischen 1800 und 1900 vor allem in Deutschland entstand. Morgen kommen die 84 Werke in einer eigenen Versteigerung in der Villa Grisebach zum Aufruf. Das Berliner Auktionshaus, deutscher Marktführer für die klassische Moderne, eröffnet sich damit zu seinem 25-jährigen Jubiläum ein neues Geschäftsfeld. Dann muss sich die Kollektion, die Illies zusammengestellt hat, am Markt bewähren. In nur vier Monaten hat er alle diese Bilder ausfindig gemacht, untersucht und mit Experten diskutiert. „Ich habe mit sehr vielen alten Männern gesprochen – aber auch mit vielen Kunsthistorikern meiner Generation“, erzählt der 40-Jährige. Von deren Erfahrung zu profitieren, das habe Spaß gemacht.

Vom Gipfel des Journalismus in den Kunsthandel

Bei meinem Besuch liegen gerade die Katalogfahnen auf dem Tisch; noch fehlen einige Texte. Illies gesteht, dass er selbst im Journalismus noch nicht so viel habe arbeiten müssen wie in den vergangenen Wochen. Viele der Kurzanalysen, in denen für den Kunden alles Wissenswerte über die Geschichte und die Zuschreibung des Bildes stehen muss, hat er selbst verfasst. Das ist neu im Auktionshandel: dass der Chef selbst elegante, anschauliche Kurzminiaturen über „seine“ Bilder verfasst. „Ich versuche, mit den Katalogtexten den Menschen etwas von meiner Begeisterung mitzugeben“, sagt Illies dazu. Hier ist einer angekommen und so heimisch, als habe er nie woanders hin gewollt.

Und während sich Illies in der neuen Umgebung pudelwohl fühlt und jeden Besucher an seiner Freude teilhaben lässt, kann es die Feuilletonistenbranche immer noch nicht fassen. Im letzten Winter erschütterte Illies seine Kollegen im ganzen Land mit der Nachricht, dass er als Kulturchef der Zeit zurücktreten und als Teilhaber in das Berliner Auktionshaus Villa Grisebach eintreten wolle. Wie kann man nur freiwillig den Gipfel des Journalismus verlassen und in die hysterische Branche des Kunsthandels wechseln, fragten sich viele. Doch Illies, gut gelaunt wie eh und je, fühlt sich nicht als Oberratte, die noch rechtzeitig ein Feuilleton in der Identitätskrise verlassen hat. Es sei keine Entscheidung gegen die Presse gewesen, sondern eine für die neue Aufgabe.

Dabei war Illies Journalist voller Leidenschaft. Er ist es wohl geblieben, denn als erstes gründete er für die Villa Grisebach ein Kundenmagazin, in dem Uwe Tellkamp, Wolfgang Büscher oder Gustav Seibt über Bilder der Auktion schreiben. Das ist der Illies, den wir kennen. Gleich nach dem Abitur, machte er in der Fuldaer Lokalzeitung ein Volontariat. Mit Mitte zwanzig war er schon FAZ-Redakteur, gründete für die Zeitung die „Berliner Seiten“ und half beim Aufbau der neuen Sonntagszeitung. Dazwischen schrieb er die Bestseller „Generation Golf“ und „Generation Golf 2“ und veränderte mit dem Magazin Monopol die deutsche Kunstszene. Der Ruf auf den Feuilleton-Chefsessel der Zeit erschien dann als die vorläufige Krönung einer außergewöhnlichen Journalistenkarriere. Bis Bernd Schultz, der Chef der Villa Grisebach, ihn fragte, ob er als Teilhaber einsteigen wolle.

„Das 19. Jahrhundert ist unterbewertet“

Wer Illies vor zwanzig Jahren als blutjungen Kunstgeschichtsstudenten in Bonn erlebt hat, der wundert sich nicht, wie er jetzt in seinem Bilderzimmer sitzt und von der Malerei des 19. Jahrhundert schwärmt. Einzeln hängt er die kleinen Ölstudien ab, die es ihm besonders angetan haben, zeigt einen expressiven Windstoß hier, eine luftige Wolke dort oder einen flirrenden Baum des Dresdner Postromantikers Gille, den er für ein verkanntes Genie hält. Illies, der selbst seit Studententagen kleine Ölstudien sammelt, ist überzeugt, dass gerade diese spontane, oft schon abstrahiert wirkende Naturmalerei heute junge Sammler begeistern könnte. „Das 19. Jahrhundert ist unterbewertet.“ Für einige tausend Euro bekommt man hier schon hochrangige Kunst, was bei den Zeitgenossen kaum noch möglich ist.

Aus Illies’ Mund klingt es wie eine Mission: „Das 19. Jahrhundert braucht leidenschaftliche Anwälte.“ Es kümmerten sich heute ja „so viele um Kate Moss, aber viel zu wenige um Blechen und Gille.“ Die Aufgabe des Auktionshaus-Mitbesitzers ist es nun, die Schönheit in Geldwert zu verwandeln, und Illies beteuert: „Ich bin gerne Unternehmer.“ In einem sei es ohnehin wie im Journalismus: „Man muss erkennen, wenn es einen Geschmackswechsel gibt.“

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