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David gegen Goliath - und der Kleine gewinnt.

Pokalfinale

Weg aus der tödlichen Umklammerung

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Pokalfinale Eintracht Frankfurt gegen Bayern München: Was ein Fußballspiel mit der Politik in Europa zu tun haben kann.

Vergangenen Samstag sah ich mir die zweite Halbzeit des Spieles Eintracht Frankfurt gegen Bayern München an. Ich hatte damit gerechnet, dass die Bayern führten. Wie – fast – immer. Stattdessen ein hochspannendes Spiel. Ich fing Feuer. Sehr sogar. Viel zu sehr für jemanden, der sich nicht für Fußball interessiert. Es ging mir wohl um etwas anderes. Dass David gegen Goliath siegen kann? Dass „das weiche Wasser in Bewegung mit der Zeit den mächt’gen Stein besiegt“? Von all dem etwas. Jedenfalls fieberte ich mit den Frankfurtern. Ich wollte ihren Sieg. Aber ich wusste nicht warum.

Erst eine halbe Stunde nach Spielschluss dämmerte mir, was mich fasziniert hatte, warum mir das Spiel so viel bedeutete. Ich bin seit der Erklärung von Lega Nord und Fünf Sterne, Koalitionsverhandlungen zu führen, der Auffassung, dass es vorbei ist mit Europa, dass das die Katastrophe ist, die zu verhindern unsere Aufgabe gewesen war. Das Spiel, in das ich Samstagabend hineingeraten war, erteilte mir eine Lektion. Die Eintracht hatte gesiegt. Gegen fast alle Prognosen. Die Einsicht in die Lage ist eine Sache. Der Kampf um sie eine andere. Es gab keinen vernünftigen Grund für die Eintracht, an ihren Sieg zu glauben. Allerdings ist auch niemand unschlagbar. Das Pech der Bayern war das Glück für Frankfurt: zwei Lattenschüsse, ein nicht gegebener Elfmeter.

Europa haben wir verspielt. Wir haben zugelassen, dass die winzigen europafeindlichen Parteien zu großen Vereinen wurden. Wir sind dabei, sie in unseren Köpfen zu unbesiegbaren „Bayern München“ zu machen. Wir sollten den Kampf aufnehmen. Wir können uns frei machen von dem Gedanken, alles sei schon gelaufen. Überraschungen sind immer möglich. Die Eintracht stand kurz vor dem Sieg, aber alles hätte noch schief gehen können. Die Bayern waren fest entschlossen, das Spiel in dieser letzten Minute noch herumzureißen. Ganz Bayern München stand im Strafraum der Frankfurter. Das war der Augenblick ihrer überwältigenden Stärke.

Weniger als eine Minute später hatte die Eintracht nicht nur gesiegt, sondern triumphal gesiegt. Der frisch eingewechselte Flügelspieler der Eintracht Mijat Gacinovic hatte den Ball im Sprint vor sich hergetrieben über das leere Spielfeld bis er in das leere Tor schoss: 3:1. Der Torhüter war auch nach vorne gegangen, hatte mit Druck gemacht.

Jetzt denke ich: Mijat Gacinovic war in diesem Moment Macron gewesen. Er hatte den Weg aus der tödlichen Umklammerung gefunden. Er hatte nicht verteidigt, sondern war zum Angriff übergegangen. Ich weiß, es ist lächerlich, ein Fußballspiel so symbolisch zu nehmen. Aber ich weiß auch, dass unsere Emotionen von der Symbolisierung leben. Mijat Gacinovics Schuss ins Tor hat mir gezeigt: Es gibt immer einen Weg ins Freie.

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