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Theodor W. Adorno am 28.05.1968 bei einer Veranstaltung gegen die Notstandsgesetzgebung in Frankfurt, eingerahmt von Heinrich Böll (links) und Siegfried Unseld.

Philosophie

50. Todestag von Theodor W. Adorno: „Sie konnten auf keine starke Wirkung hoffen“

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Ferdinand Sutterlüty, Chef des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, spricht im FR-Interview über Adorno und die Kritische Theorie.

Theodor W. Adorno wurde am 11. September 1903 in Frankfurt geboren. Er trat zunächst als Komponist hervor, bevor er 1931 an der Frankfurter Universität zu arbeiten begann. Unter dem Druck des Nationalsozialismus ging er schon 1934 nach Oxford, bevor er 1937 endgültig emigrierte und 1938 in die USA übersiedelte. Nach seiner Rückkehr 1953 nach Frankfurt unterrichtete er bis zu seinem Tod an der Frankfurter Universität. Er starb am 6. August 1969.  

Herr Sutterlüty, vor genau 50 Jahren ist der Philosoph Theodor W. Adorno in seinem Sommerurlaub in den Alpen gestorben. Was hat uns Adorno heute noch zu sagen?

Er hat uns nach wie vor sehr viel zu sagen. Auch wenn man berücksichtigen muss, dass sich die Wissenschaftslandschaft in den letzten Jahrzehnten sehr stark gewandelt hat. Adorno steht, wie die frühe Kritische Theorie insgesamt, für die Verbindung einer materialistischen Gesellschaftstheorie mit der Psychoanalyse, die er auch als Kulturtheorie verstanden hat. Diese Verbindung ist nach wie vor hochaktuell. Die Grundidee dieses Ansatzes ist ja, gesellschaftliche Funktionszusammenhänge in ihren Auswirkungen und ihrer Angewiesenheit auf bestimmte psychische Strukturen und Dispositionen zu studieren. Adorno hat allerdings schon früh von einer Zersplitterung des Wissens durch die wachsende Spezialisierung im Wissenschaftsbetrieb gesprochen. Diese Zersplitterung hat sich in den zurückliegenden 50 Jahren noch einmal dramatisch verschärft. Die Verbindung zwischen Gesellschaftstheorie und Sozialpsychologie lässt sich heute daher viel schwerer realisieren. Die Frage ist also weniger, ob das transdisziplinäre Theorieprogramm Adornos noch aktuell ist, sondern vielmehr, ob heute noch jemand in der Lage wäre, es umzusetzen und dabei akademisch zu reüssieren.

Der Wissenschaftsbetrieb war vor 50 Jahren von wesentlich weniger Personen geprägt, die eine viel größere Wirkung entfalteten als heute. Damals waren es wenige Figuren, die man mit der Frankfurter Schule verbunden hat, und wenige Bücher, die dann eine Rolle spielten auch in der 68er-Revolte. Die „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Max Horkheimer etwa, oder Adornos „Minima Moralia“.
Das ist ein sehr guter Hinweis. Man sollte sich zunächst klarmachen, dass Adorno und die anderen Vertreter der frühen Kritischen Theorie eher Außenseiter im akademischen Betrieb gewesen sind. Sie haben nicht von vorneherein eine starke Wirkung entfaltet oder auf eine solche hoffen können. Sie haben dennoch weitergearbeitet, ab 1932 unter den extrem schwierigen Bedingungen von Flucht und Emigration die „Zeitschrift für Sozialforschung“ herausgegeben, die ex post eine enorme Bedeutung gewonnen hat. Gerade auch die Beiträge von Horkheimer, Fromm und Marcuse zu den 1936 erschienen „Studien über Autorität und Familie“ haben viel von dem vorweggenommen, was dann später im Faschismus kam. Das waren fast prophetische, jedenfalls diagnostisch bestechende Texte, deren analytische Schärfe sich dem skizzierten freudomarxistischen Programm verdankte. Erst später wurden diese Autoren berühmt. In diesem Zusammenhang haben Sie zu Recht auf die 1968er-Bewegung hingewiesen.

Ferdinand Sutterlüty (57) ist seit Anfang 2019 kommissarischer Direktor des Institutes für Sozialforschung in Frankfurt. Der Soziologe hat sich vor allem mit Arbeiten zur Familien- und Jugendsoziologie einen Namen gemacht. 2002 erschien sein bekanntestes Buch „Gewaltkarrieren – Jugendliche im Kreislauf von Gewalt und Missachtung“. Gegenwärtig beschäftigt sich Sutterlüty in einem Forschungsprojekt mit jugendlichen IS-Rückkehrern. 

Ist es nicht erstaunlich, dass die Emigranten Horkheimer und Adorno nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt sind, das Land der Täter, verantwortlich für den Mord an den europäischen Juden. War das nicht eine verdammt mutige Entscheidung?
Diese Entscheidung hat zwei Seiten. Wenn man die im amerikanischen Exil entstandenen Texte liest, spürt man oft ein gewisses Heimweh. Das lässt sich beispielsweise an Adornos Text über Amorbach gut nachvollziehen, in dem die Sommerfrische seiner Kindheit als Sehnsuchtsort aufscheint. Adorno ist in der US-amerikanischen Kultur immer ein wenig fremd geblieben. Er hat dort die empirische Sozialforschung kennengelernt, gewiss. Horkheimer hat sich dann nach dem Krieg über die Freundlichkeit mokiert, mit der die Frankfurter Universität, die ihn 1933 kurzerhand entlassen hatte, den Rückkehrern begegnet ist. Aber man wollte sie tatsächlich nach Hause holen. Das ist nicht selbstverständlich. Das war zum Beispiel in meinem Herkunftsland Österreich ganz anders. Dort hat man die jüdischen Emigranten und Flüchtlinge vor den Nazis – ich denke da etwa an Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld – nicht zurückgeholt, zum Schaden der Wissenschaftslandschaft.

Horkheimer hat immer die USA verteidigt, auch noch während des Vietnamkrieges, gegen den die Studenten protestierten.
Noch viel früher kann man da ansetzen. Adorno und Horkheimer haben den Prozess der Re-Education positiv aufgegriffen, den die US-Besatzungsbehörden begonnen hatten. Gerade Adorno hat in seinem öffentlichen Wirken für die Demokratisierung Deutschlands gekämpft und war so ein wichtiger Faktor der Zeitgeschichte der frühen Bundesrepublik.

Ist es die Kapitalismuskritik, die Adorno heute noch so aktuell macht? Es gibt ja den berühmten Satz aus „Minima Moralia“: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Fast noch wichtiger scheint mir diese Sentenz: „Was einmal den Philosophen Leben hieß, ist zur Sphäre des Privaten und dann bloß noch des Konsums geworden, die als Anhang des materiellen Produktionsprozesses, ohne Autonomie und eigene Substanz, mitgeschleift wird.“
Ich persönlich glaube, dass es sich Adorno bisweilen etwas leicht gemacht hat. Er hat die Gesellschaftskritik nach dem Muster betrieben: Suche überall, bis in die kleinsten Lebensäußerungen hinein, die Warenform und ihre Effekte. Es gibt von ihm brillante Analysen, die auf den Verlust der Erfahrungsfähigkeit von Menschen hinweisen, deren Subjektivität von der alles gleichmachenden Logik der kapitalistischen Verwertbarkeit geprägt ist. Ich würde Adorno aber nicht darin folgen, dass das schon die ganze Geschichte unserer Gesellschaft ist. Ich wäre vorsichtig damit zu sagen, das Ganze wäre das Falsche; dafür haben uns die letzten Jahrzehnte zu viele soziale Errungenschaften gebracht. Ich würde auch nicht mit ihm übereinstimmen, dass die Analyse der Warenform ausreicht, um eine umfassende Gesellschaftskritik zu formulieren. So gibt es etwa Entfremdungs- und Verdinglichungserscheinungen, die nicht mit der Warenform, sondern mit der Rechtsform zusammenhängen. Ich wüsste auch gar nicht recht, was es etwa hieße, die Warenform – also die Idee, dass alle Lebensbereiche von der Logik ökonomischer Zweckrationalität eingenommen werden – auf familiale Beziehungen anzuwenden.

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Kann sich die Familie der Verdinglichung entziehen?
Die Familie steht unter dem Druck der kapitalistischen Verhältnisse. Das stimmt, aber dass die Familie unter dem Druck der Ökonomie steht, ist etwas ganz anderes als zu behaupten, dass die Familie intern wie ein Markt strukturiert ist und die Mitglieder ihre Beziehungen wie strategische Teilnehmer einer Nutzenmaximierungsagentur gestalten. Das hielte ich als verallgemeinerbare Diagnose für Humbug. Ich würde den Subjekten auch mehr Widerstandskraft zuschreiben, als Adorno dies tat.

Es ist soeben ein Text wieder neu aufgelegt worden bei Suhrkamp, eine Rede, die Adorno 1967 gehalten hatte über den neuen Rechtsradikalismus. Gemeint war damals die NPD, die sich anschickte, in den Bundestag einzuziehen. Ist es das, was bei Adorno noch Aktualität hat?
Absolut. Adornos Werk lässt sich ohne die intensive und bisweilen auch schwierige Kooperation mit anderen Wissenschaftlern der ersten Generation der Kritischen Theorie gar nicht vorstellen. Ich möchte nur an Siegfried Kracauer erinnern. Adornos sozialpsychologische Analysen lassen sich nicht denken ohne die Arbeiten von Fromm, Marcuse und Horkheimer aus den 1930er Jahren. Wenn man die Rede von 1967 liest, stößt man gerade in Adornos luzider Analyse der rechtsradikalen Propaganda und ihrer rhetorischen Tricks auf Konzepte, die tief in der Geschichte der Forschung am Institut für Sozialforschung verankert sind. Allerdings muss man auch sagen, dass Adorno in seiner Rede recht lasch mit Tatsachenaussagen umging. Man weiß oft nicht, woher er seine Kenntnisse hatte.

Er hat die Realität geformt, wie er sie brauchte?
Das wäre sicherlich zu viel gesagt. Aber Adorno spricht beispielsweise von bestimmten Regionen wie Nordhessen und Sozialgruppen wie Bauern oder kleinen Einzelhändlern, die besonders anfällig für die NDP-Propaganda der 1960er Jahre gewesen seien, ohne dass man erfahren würde, woher er das weiß. Ich würde sagen: Wenn man Tatsachenbehauptungen macht, muss man diese auch belegen können.

Lebt der autoritäre Charakter, den Adorno beschrieben hat, heute fort?
Adorno und seine amerikanischen Kolleginnen und Kollegen haben in ihrer monumentalen Studie „The Authoritarian Personality“ ein Syndrom beschrieben, in dem autoritäre Unterwürfigkeit gegenüber etablierten Mächten und autoritäre Aggression gegenüber allem Schwächeren und Andersartigen miteinander verwoben sind. Die heutigen Rechten verstehen sich indessen mehr als Rebellen, gerade nicht als Konformisten. Doch Adornos analytischer Ansatz, in dem soziale Ängste und Projektionen eine entscheidende Rolle spielen, ist nach wie vor sehr tragfähig.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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