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„Frankfurt liest ein Buch“ steht diesmal im Zeichen der Vergegenwärtigung einer Zeit der politischen Unruhen.
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„Frankfurt liest ein Buch“ steht diesmal im Zeichen der Vergegenwärtigung einer Zeit der politischen Unruhen.

Times mager

Zynische Zeit

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Eva Demskis Roman „Scheintod“, ausgewählt für „Frankfurt liest ein Buch“, ermöglicht Wiederbegegnungen höchst unangenehmer Art.

Unvergessener Besuch, denn wie auch sollte man ihn je vergessen. Die „elegante junge Frau“ vor der Tür, eine Unbekannte, eine Fremde, die sagte: „Grüß dich.“ In der Wohnung die Fortsetzung eines eleganten Auftritts, allerdings entsprach das, was sie sagte, so gar nicht ihrem erlesenen Äußeren: „Es ist aber eilig, hast du das getickt?“ Richtig ticken, die Lage checken. Jargon der Tatmenschen, Tatendrangjargon. „Es ist Bullenscheiße, was die Zeitungen da schreiben.“ Vergisst man so ein Gespräch, den Satz: „Tut uns natürlich leid um ihn, sagte sie, aber damit rechnen wir für uns jeden Tag.“ Mit dem Tod, kalkuliertem Heldentod.

So sprach 1984 eine Untergetauchte, in Eva Demskis Roman „Scheintod“ eine junge Frau, rothaarig, getarnt auch durch ein schwarzes Samtkostüm. „Ihre Seidenbluse war blau, ihre Pumps auch. Jeder Zentimeter eine Dame.“ Die Konspiration gebot bei der Kleidung Geschmack, die Kriegserklärung an Staat und Gesellschaft diktierte eine Gangstersprache, im Namen eines kollektiven „Wir“, so erpresserisch wie das der Mafia. Die Begegnung mit einem solchen „Wir“ vergisst man nicht.

„Scheintod“, vor 37 Jahren erstmals erschienen, dessen Thema ein zu Ostern 1974 tot aufgefundener Anwalt war, wurde für die Lesereihe „Frankfurt liest ein Buch“ ausgewählt. Leser und Leserinnen sehen sich (erneut) mit den Ermittlungen der Polizei konfrontiert, deren Verdacht, weil zur Klientel des Anwalts Rocker, Drogenabhängige, Strichjungen, Subversive und RAF-Mitglieder gehörten. „Frankfurt liest ein Buch“ steht im Zeichen der Vergegenwärtigung einer Zeit der politischen Unruhen, durch die sich die ehemalige Frau des Mannes bewegt, auf der Suche nicht nur nach der Todesursache, sondern den Umständen eines rebellischen Lebens im fatal verlustreichen.

Was unternahm „der Mann“, wie weit ging der Anwalt? Was bedeutet die Tasche, hinter der die Guerilla her ist. Guerilla, auch so ein pompöses Propagandawort im Zuge eines Propagandafeldzugs einer selbst ernannten Avantgarde gegen einen Staat, der, daran lässt der Roman keinen Zweifel, einen Furor an Verfolgung, Überwachung, Kriminalisierung entwickelte. Eine irrsinnige Sicherheitslogik: „Man baute Bleiplatten um sie herum, Beton, Kacheln.“

Durch den Besuch einer Fremden, Deckname Gladys, wird die trauernde Witwe, eine Sympathisantin, mit Verständnis für den Hass, vom „Hochmut“ eines „Politadels“ heimgesucht. Von Berufs wegen entwickelte er einen Jargon der Brutalität. Eine Vulgärsprache, programmiert durch Verachtung.

Eva Demskis Roman lässt einen eisigen Autismus zu Wort kommen. Verdammte Zeiten, zynische Verhältnisse.

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