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Zwickel

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Von: Stephan Hebel

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Solche Veranstaltungen sind nach der preußischen Badeverordnung eher nicht erlaubt.
Solche Veranstaltungen sind nach der preußischen Badepolizeiverordnung eher nicht erlaubt. © Rob Blakers/dpa

Heute aus gegebenem Anlass: Ein Blick auf die Polizeiverordnung zur Ergänzung der Badepolizeiverordnung vom 18. August 1932. Die Kolumne „Times mager“.

Aufmerksam Lesende werden sich gleich fragen: warum im Herbst? Wer geht denn da noch baden? (Also jetzt wörtlich gemeint, gescheitert wird ja immer.) Die Frage ist berechtigt, aber leicht zu beantworten. Warten Sie es bitte ab, und folgen Sie einem kleinen Exkurs in die deutsche Geschichte unter besonderer Berücksichtigung des Zwickels.

Dem „Kalenderblatt“ des Deutschlandfunks verdanken wir die Erinnerung an ein Datum, das allzu leicht in Vergessenheit gerät und hier mit leichter Verspätung angemessen gewürdigt werden soll: Am 30. September 1932, vor 90 Jahren, erschien im Preußischen Gesetzesblatt eine Verordnung, die bald in vielen Zeitungen unter Missachtung des nötigen Ernstes als „Zwickelerlass“ bezeichnet wurde. Korrekt ausgedrückt handelte es sich um die „Polizeiverordnung zur Ergänzung der Badepolizeiverordnung vom 18. August 1932“, erlassen am 28. September.

Sehen Sie, schon dieser Titel beantwortet Ihre obige Frage. Ja, eigentlich sollte die Sache im warmen August geregelt sein, aber da muss irgendein preußischer Beamter geschludert haben, denn es hieß in der ersten Verordnung nur: „Das öffentliche Nacktbaden oder Baden in anstößiger Badekleidung ist verboten.“ Wer weiß schon genau, was preußischer Beamte für anstößig halten?

Nun zum Zwickel, siehe Paragraf 1 Absatz 2 der Polizeiverordnung zur Ergänzung der Badepolizeiverordnung: „Frauen dürfen öffentlich nur baden, falls sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. Der Rückenausschnitt des Badeanzugs darf nicht über das untere Ende der Schulterblätter hinausgehen.“ Absatz 3: „Männer dürfen öffentlich nur baden, falls sie wenigstens eine Badehose tragen, die mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist.“

Frage am Rande: Warum dürfen Männer auch mehrere Badehosen tragen („wenigstens eine“), Frauen aber offenbar nur einen Badeanzug? Egal.

Und jetzt mal im Ernst: Die liberale Presse hat sich 1932 natürlich mit Recht kollektiv amüsiert. Sie konnte höchstens ahnen, dass die Nazis, die wenig später die Macht übernahmen, genau solchen Unsinn zum Anlass nehmen würden, gleich die ganze Weimarer Demokratie in die Tonne zu treten (obwohl doch die preußischen Verordnungsschreiber ihnen näher standen als der Demokratie!).

Heute bleibt uns bei Kleidervorschriften das Lachen sowieso im Halse stecken, das Wort „Iran“ genügt. Und niemand weiß, auf was für Ideen die Putins und Orbáns kämen, wenn ihnen je der Zwickelerlass begegnete.

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