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Zwerg Nase

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Von: Judith von Sternburg

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Märchenautor mit Weitblick: Wilhelm Hauff wurde vor 220 Jahren geboren und wusste zu Lebzeiten, dass eine gute Ausbildung das Einzige ist, was einen weiterbringt.
Märchenautor mit Weitblick: Wilhelm Hauff wurde vor 220 Jahren geboren und wusste zu Lebzeiten, dass eine gute Ausbildung das Einzige ist, was einen weiterbringt. © Bernd Schmidt/Imago

Heute ist der 220. Geburtstag von Wilhelm Hauff. Und wie immer ist nicht alles, wie es scheint. Die Kolumne „Times mager“.

Vor dem fotogenen Theater trifft sich alles, was sich schön gemacht hat. Gerade sind die Türen aufgegangen, und Kinder ohne Zahl hopsen und kullern aus dem Weihnachtsmärchen. Man trägt Rosa und Schottenkaro, Tüll und Cord, und es ist gut zu sehen, wer schon in dem Alter ist, in dem nicht mehr allein die Eltern über die Garderobe entscheiden. Wenn es so weit ist, trägt man ein Totenkopf-T-Shirt im Spätherbst. Einen Kapuzenpulli, Kapuze hoch, weil man – wie über kurz oder lang die meisten anderen auch – ein anderer sein will, als man ist. Ein paar in Tüll und winziger Krawatte schauen schon respektvoll zu den zwei Jahre älteren Finsterlingen. Die anderen versuchen sich im Spitzentanz, den sie offenbar eben gesehen haben. Da schau her, auch einer der Jungen probiert es aus, bis ihm sein Kumpel mit dem Ellenbogen in die Seite pikst.

Die After-Show-Sensation sind aber die Brautpaare, die sich hier fotografieren lassen. Die Frauen so schön, dass es kaum auszuhalten ist. Aber auch die Männer sind so gut frisiert, dass ein Haar, das hier herausstünde, sicher sofort von einem Rollkommando niedergemacht würde. Es gibt allerdings keinen Beweis dafür; kein Haar traut sich.

Die Stimmung: konzentriert, eine Spur gereizt vielleicht. Ewige Liebe, die nach ewiger Liebe aussehen muss, ist ein ernstes Geschäft. Das Treiben insgesamt so lebhaft, dass Außenstehende, die hier auf jemanden warten, der auf sich warten lässt, allmählich an etwas anderes denken möchten. Weil hier alle so schön sind und bald (heute!) der 220. Geburtstag von Wilhelm Hauff ist, denken sie an Zwerg Nase. Das passt eh.

Es ist merkwürdig, dass ausgerechnet das Märchen vom Zwerg Nase in der eigenen Kindheit keine Rolle spielte, merkwürdig, aber erklärbar. Das Bild des halslosen und großnasigen Jungen, seiner vorlauten Worte wegen verzaubert – obwohl er doch eben noch so hübsch war, wie die ganzen Jüngelchen hier, die U10 wie die Ü25 –, war im einschlägigen Kindermärchenbuch so unheimlich, dass es galt, schnell darüber hinwegzublättern. Dabei ist es eine zutiefst originelle Geschichte, die noch dazu darauf hinausläuft, dass eine gute Ausbildung das Einzige ist, was einen weiterbringt. Bei Hauff wirkt das weder spießig noch belehrend, sondern vernünftig. Und Zwerg Nase ist ein guter Typ, mit und ohne Hals.

Im Zug dann zwei Mädchen, die auch länger in ihre Locken investitiert haben und über einer Chemieaufgabe brüten, die die eine verstanden hat, die andere noch nicht. 45 Minuten später hat die andere es auch fast verstanden. Unsereiner nicht. Es ist nicht alles, wie es scheint, und das Abitur besteht man höchstens einmal im Leben.

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