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Das Theater am Turm an der Bockenheimer Warte. 

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Zwei im TAT

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Wie Peter Handke und Claus Peymann einst das Frankfurter Theater höchst produktiv aufmischten.

Es gab eine Zeit, in der Frankfurt Theatergeschichte geschrieben hat, einmal mehr. In der Frankfurt gar die Stadt der deutschsprachigen Theater-Avantgarde war. Und die dazu notwendige Bühne hieß Theater am Turm (TAT). Heute steht an dessen Stelle ein Kinozentrum. Aber wir wollen ja nicht klagen.

Jedenfalls: In den 60er Jahren trafen sich in Frankfurt Theaterenthusiasten, die nach der Vorstellung im TAT durch die Kneipen der nächtlichen Stadt zogen, manchmal mit der Polizei aneinandergerieten. Einmal landeten sie über Nacht in einer Zelle, und der bekannteste Verleger der Stadt, ein gewisser Siegfried Unseld, musste die Unbotmäßigen am nächsten Tag persönlich auslösen. Sie versprachen, künftig brav zu sein, und durften wieder ins TAT zurückkehren.

Zur Clique gehörte ein junger Theaterregisseur aus Bremen, damals 29 Jahre alt, namens Claus Peymann. Am 8. Juni 1966 inszenierte er im TAT die Uraufführung eines Stückes, das ein ziemlich dandyhafter, langhaariger junger Mann aus Österreich geschrieben hatte, ein gewisser Peter Handke. Damals 23 Jahre alt.

Das Stück hieß „Publikumsbeschimpfung“. Und es hielt, was es versprach. Junge Schauspieler standen auf der Bühne und legten sich unmissverständlich mit dem Auditorium vor der Bühne an. Nannten es „Kriegstreiber“ und „Untermenschen“. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Das beschimpfte Publikum tobte. Dabei hatten die Schauspieler, darunter ein gewisser Rüdiger Vogler, doch versprochen:

„Sie werden kein Schauspiel sehen.

Ihre Schaulust wird nicht befriedigt werden.

Sie werden kein Spiel sehen.

Hier wird nicht gespielt werden.“

Bald kamen Kritiker auch von weit her nach Frankfurt, weil es sich herumsprach: Dieser Handke brach völlig mit den Konventionen des bürgerlichen Theaters. Die Grenze zwischen Bühne und Publikum fiel nicht zu ersten Mal in der Theatergeschichte, aber sie fiel unüberhörbar.

Der junge Dramatiker aus Österreich und der junge Regisseur aus Bremen hatten in Frankfurt eine schöne Zeit. Beide wurden berühmt. 1968 brachten sie im TAT noch eine Uraufführung auf die Bühne, die wieder für Wirbel sorgte. „Kaspar“ von Handke thematisierte, wie ein Mensch von der bürgerlichen Gesellschaft abgerichtet und gebrochen wird, unter Bezügen auf die Geschichte von Kaspar Hauser.

Beide verließen Frankfurt, und die Stadt wurde wieder Theaterprovinz. Nein, das stimmt natürlich nicht. Es folgten turbulente Jahre, ja. Aber man wird sagen können: Es war eine schöne Zeit, sicher doch.

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