Können wir vielleicht einfach vom 26. Oktober 2020 auf den 26. Oktober 2019 zurückstellen?
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Können wir vielleicht einfach vom 26. Oktober 2020 auf den 26. Oktober 2019 zurückstellen?

Times mager

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  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Wenn jetzt die Zeit gleich um ein ganzes Jahr zurückgestellt worden wäre, hätte das vermutlich große Vorteile.

Stell dir vor, jemand dreht an der Uhr, und keine und keiner redet darüber. Oder jedenfalls fast keine. Oder jedenfalls nur jene, die sich mal wieder auf eine Weise aufregen wollen, die die Nerven schont, weil es nicht wirklich um etwas geht. Ach, was war die Zeitumstellung für ein herrliches Streitthema. Vielleicht erinnern Sie sich noch, wie wir alle im Internet darüber abgestimmt haben, als hätten wir keine größeren Sorgen. Und viele von uns hatten ja keine größeren Sorgen.

Wäre jetzt ein Votum möglich, wonach Covid-19 verschwinden würde, wenn wir die Uhr in diesem Herbst zwei Stunden zurückzudrehen bereit wären, wahrscheinlich wären 99,97 Prozent klaglos dafür und würden die Küchenuhr um 3 Uhr sogar persönlich auf 1 Uhr stellen und anschließend in die Kneipe gehen, wo es ja jetzt keine Sperrstunde und keine Abstandsregel mehr gäbe. Sie würden wieder versuchen, der feschen Kellnerin oder dem hübschen Kellner näherzukommen. Noch näher. Und am Tag drauf völlig vergessen, der Bäuerin Bescheid zu geben, dass sie ihr Kuh-Umarm-Abo zum frühestmöglichen Zeitpunkt kündigen. Denn das ist eine aktuell beworbene – und übrigens keineswegs vom Times mager erfundene – Alternative für den Stressabbau: eine Kuh umarmen, sich an eine Kuh schmiegen. Glücklicherweise sieht man Kühen ja nicht an, was sie denken.

Eine ähnlich große Menschenmehrheit von 99,96 Prozent fände es vielleicht sogar attraktiv, vom 26. Oktober 2020 auf den 26. Oktober 2019 zu gehen, hätten Physiker eine Zeitmaschine gebastelt, in die die Erde passte und sich beim Einsteigen nicht einmal den Kopf anstieße. (Problem nur: Welche Garage ist groß genug, das Ding zu parken, bis es gebraucht wird? Und: Wer entscheidet, wann es gebraucht wird? Und: was, wenn Donald Trump es in die Finger bekommt und an jedem US-Wahltag mit uns allen wieder vier Jahre zurückdüst?)

Aber angenommen, die Reise wäre gefahrlos zu bewerkstelligen: Spätestens im Dezember würden wir uns dann hübsche Nase-Mund-Bedeckungen aufsetzen, einmal nicht nach Ischgl fahren, einmal unsere Freunde nicht mit Bussi, Bussi begrüßen, maximal drei Pakete Klopapier und ein Dutzend Suppendosen horten. Wir wären ein Jahr jünger und trotzdem klüger. Selbst 85,3 Prozent der Maskengegner würden einsehen, dass die Zeit zurückgedreht werden musste, damit wir es im zweiten Anlauf besser machen. Die anderen würden sich wieder Wichtigerem zuwenden und zum Beispiel darum bemühen, den Beweis dafür zu finden, dass die Erde flach ist. Die Kühe hätten wieder ihre Ruhe. Und alles wäre gut.

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