+
Deutsche Ingenieurskunst - bei Volkswagen ist sie sehr ausgeprägt. Das beweist das ausgefeilte System der Abgasmessungsmanipulation.

Times mager

Zukunft zwo

  • schließen

Dem Elektroauto gehört die gegenwärtige Zukunft. Wenn das keine gute Nachricht ist, findet unser Autor Stephan Hebel. Die Feuilleton-Kolumne.

Es ist erst eine Woche her, dass an dieser Stelle die Zukunft neu bewertet wurde: Mit tätiger Hilfe der CDU-VorsitzendenAnnegret Kramp-Karrenbauer („Zukunftsoptimismus“) konnte klargestellt werden, dass Gemütszustände wie Optimismus und wahrscheinlich auch Pessimismus sich in der Regel weder auf die Vergangenheit noch auf die Gegenwart beziehen, sondern, ja, auf die Zukunft.

Nun allerdings erreicht uns über den heimischen Fernsehapparat eine Nachricht, die wiederum ganz neu zu denken gibt: „Die Zukunft steht bereit“ bzw., wie es an anderer Stelle heißt, „vor der Tür“. Sie ist also, anders lässt sich das nicht verstehen, irgendwie schon da. Gegenwart quasi, obwohl sie sich immer noch Zukunft nennt. Und da es sich bei der gegenwärtigen Zukunft um etwas sehr Erfreuliches handelt, nämlich um ein Elektroauto, muss hier eingeräumt werden: Das löst dann doch einen gewissen Gegenwartsoptimismus aus.

Für einen Hauch von Gegenwartspessimismus sorgt lediglich die Tatsache, dass gemäß der Volkswagen-Werbung zwar einerseits die Zukunft „bereit steht“, nicht allerdings das Auto, aus dem sie bestehen soll. Das gibt es erst im nächsten Jahr. Sollten Sie also irgendwo ein Elektroauto sehen, das schon seit Jahren durch die Gegend fährt: Ein VW „ID“ ist es nicht.

Das wiederum verleitet zu einem gewissen Vergangenheitspessimismus, denn es erinnert daran, dass deutsche Ingenieurskunst für längere Zeit sehr erfolgreich mit ausgefeilten Systemen zur Abgasmessungsmanipulation bei Dieselfahrzeugen beschäftigt war, während andernorts womöglich schon an einer Art Zukunft gebastelt wurde. Andererseits gab es ja auch schon den E-Golf („Die Zukunft in Serie“), und das macht erst recht klar: Solange so ein elektrisches Ding nicht von Volkswagen kommt, hat es nicht auch nur im Ansatz das Recht, sich „Zukunft“ zu nennen. Die anderen waren schließlich zuerst da, was heißt da Zukunft?

Wenn dieser kleine Werbetext Ihr Interesse geweckt hat, ruft Ihnen das Times mager mit den Worten eines Vertriebschefs namens Stackmann zu, was Sie ab sofort zu denken haben: „Ja, ich will. Yes, I can. Ich gehöre dazu. Ich will der erste sein in meiner Stadt, in meiner Straße, in meinem Freundeskreis sein, der diese neue Idee ID tatsächlich lebt und vorzeigt.“

Sie können allerdings auch etwas ganz anderes denken, vielleicht einfach irgendetwas Normales, wir leben in einem freien Land. Sie können, wenn Sie wollen, auch etwas anderes „leben“ als ein Auto, sogar in Ihrer Straße, Ihrer Stadt, Ihrem Freundeskreis.

Nach Informationen aus Konzernkreisen, die das Times mager exklusiv erfunden hat, hat Volkswagen geschworen, auf Manipulationen bei der Abgasmessung in aller „Zukunft“ zu verzichten. Also jedenfalls bei Elektroautos.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion