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Von: Judith von Sternburg

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Was darf das Publikum in der Oper?
Was darf das Publikum in der Oper? © Peter Lechner/dpa

Mitfiebern und -weinen, okay. Aber mitsingen in der Oper? Laut reden in der Oper? Von Neben- und anderen Geräuschen im Theater.

Es ist schöner, wenn der Pianist mitsingt, als wenn es der Sitznachbar tut. Es ist schöner, wenn die Souffleuse Siegfried anschreit, damit er sie trotz des Geräuschpegels hören kann, als wenn die Herrschaften eine Reihe weiter hinten versuchen, lauter als das Orchester zu sein (auch sie, damit sie einander hören können, logisch, und doch kann diese Leute keiner leiden). Und es ist schöner, wenn ein Kulissenteil runterplumpst (aber bitte gefahrlos, ganz gefahrlos), als wenn es der Schlüsselbund des Nachbarn ist, der jetzt zwar nicht mehr mitsingt, aber mitfiebert.

Im Zuschauerraum mitzufiebern, zu weinen, zu lachen, zu grollen und zu erschrecken und trotzdem still zu sein: Das ist die unterschätzte hohe Kunst des Schauens und Hörens bei minimierter Lebensäußerung. Es gibt Zuschauerinnen und Zuschauer, die finden, ihr glockenhelles oder urgewaltiges Lachen gebe einer Aufführung erst die Würze, den mitreißenden Schwung. Ein Irrtum. Es ist großartig, im Theater gemeinsam zu lachen, aber einzelnen Personen beim Lachen zuzuhören, ist nicht großartig. Übrigens lachen die Leute vom Theater selbst oft besonders laut. Sie haben es gelernt und einen durchtrainierten Brustkorb. Außerdem wollen sie den Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne einen Gefallen tun. Das ist verständlich, aber unklug. Die Leute vom Theater kennen sich wahnsinnig gut aus im Theater, aber nicht alle von ihnen kennen sich im Publikum gut aus. Das Publikum, im Vertrauen gesagt, will schon selbst entscheiden dürfen, wann es lustig wird, zum Beispiel.

A ber darum soll es hier nicht gehen. Hier soll es um den Unterschied zwischen Nebengeräuschen gehen, die Kunst sind, und denen, die keine Kunst sind. Zum Beispiel ist ein mitsingender Pianist oder ein – was häufiger vorkommt – mitsingender Dirigent eine Krone künstlerischen Ausdrucks, obwohl beide nicht unbedingt singen können. Alexander Kluge sagte das einmal über einen Dirigenten, der ihm im (leider aktuell unauffindbaren) Gespräch zur Verdeutlichung etwas vorsang. Er singe nicht gut, stellte Kluge fest, aber es sei trotzdem richtig. Und es war nicht nur richtig, es war sensationell, weil sich totales musikalisches Verständnis für die entsprechende Stelle durch ein unzulängliches Organ Bahn bracht. Das Wunder der Vorstellungskraft und ihrer Vermittlung.

Interessant ferner, dass Nebengeräusche zerstörerisch, aber auch perfekt sein können. In der Arie „Un bel di vedremo“ aus „Madame Butterfly“ schlingerte die alte Kassette immer eine Spur gleich beim ersten Wort „Un“, so ein zartes, kurzes Leiern. Man hört es noch heute auf der CD automatisch mit und vermisst es. Ganz still, selbstredend, während man auch ganz still weint.

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