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Der Zustand des Zuschauens und Zuhörens hat seine eigene Intensität.

Times mager

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Je häufiger man in Zuschauersälen sitzt, desto empfindlicher wird man.

In einem Kinosaal – viele Hundert Kilometer fernab der Berlinale – vibrierte nun die Luft von „O Gott“-Rufen. Hierfür gab es im Allgemeinen zwei, in als offenbar besonders krass empfundenen Szenen – zwei Frauen im Bett, ein nackter Mann, eine Frau, die einen Mann haut – drei bis vier Quellen im Raum von der Größe eines riesigen Wohnzimmers. Jedoch war es nun einmal kein Wohnzimmer. Wer selbst in einem nervenden Mix aus Lebensfreude und Ungeduld dazu neigt, andere ständig zu unterbrechen, und wer außerdem gelernt hat, dass aktives Zuhören die Kommunikation fördert, sollte hier Gelassenheit an den Tag legen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Je häufiger man in Zuschauersälen sitzt, desto empfindlicher wird man nicht nur gegen Armreife, Bonbonumwicklungen, Handys, Klettverschlüsse, Operngläser (in überfüllten Taschen gesucht, stürzend), Programmhefte (durchblättert, stürzend), Reißverschlüsse, Sprudelwasser, Tablettenblister sowie die Gummischuhsohlen nervöser Hinkel auf dem Parkett. Sondern leider zunehmend auch gegen entsetztes Aufquieken und empörtes Schnaufen, vor allem aber gegen das Bedürfnis, schon geringfügige Emotionen sofort in Worte zu fassen. „Das kann doch nicht wahr sein.“ Oder: „Was macht er denn jetzt?“, was gerne auch ohne vorausgehende Frage beantwortet wird. „Jetzt geht er gleich rein.“

In diese Kategorie gehört „O Gott“, hier übrigens ausschließlich von Frauen ausgerufen, während die Begleiter, muss man sagen, redlich darum bemüht waren, die naheliegende Konversation nicht ausarten zu lassen.

Positiv gesagt: Je häufiger man in Zuschauersälen sitzt, desto größer wird der Respekt vor der dem Menschen ebenfalls gegebenen Fähigkeit, für zwei Stunden am Stück nicht zu sprechen und zu ächzen, sondern ausschließlich Auge und Ohr zu sein. Ja, der Zustand des Zuschauens und Zuhörens kann frustrieren. Der Zustand des Zuschauens und Zuhörens hat aber auch seine eigene Intensität. Peinlicherweise versucht eine ambitionierte Kinowerbung für Kinobesuche genau dies in den Vordergrund zu stellen, aber das Times mager macht selbstverständlich überhaupt keine Reklame für einen Kinobesuch (obwohl ein Kinobesuch insgesamt schon eine verdammt gute Sache ist). Es macht Reklame dafür, dann und wann die Klappe zu halten und hinterher beim Bier alles weitere zu besprechen.

Tröstlich ferner, dass im erwähnten Fall das zweite Gebot dermaßen strapaziert wurde (Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz führen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht), dass auf Konsequenzen zu hoffen ist.

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