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Zufall

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Von: Michael Hesse

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Das Leben ist wie ein Labyrinth, könnte man Friedrich Nietzsche sehr frei zitieren.
Das Leben ist wie ein Labyrinth, könnte man Friedrich Nietzsche sehr frei zitieren. © dpa/(Symbolbild)

Ist Bauchgefühl die Lösung? Oder sollten wir uns häufiger zurücklehnen, weil wir ohnehin Spielbälle des Zufalls sind? Die Kolumne „Times mager“.

Besonders zu Jahreswechseln kommt die Frage auf, was im neuen Jahr auf uns wartet. Bleibt alles so, wie es war? Und wenn sich etwas ändert, gehorcht es dann den Gesetzmäßigkeiten, die wir kennen? Entspricht es also unserem gewohnten Erwartungshorizont? Oder ist es radikal anders als alles, was wir bis dahin kannten. Man könnte die Frage auch etwas allgemeiner fassen: Wie kommt das Neue in die Welt? Es kommt nicht wie der Blitz in die Welt, sagen die einen. Es ist etwas Kontinuierliches, das sich aus dem schon Dagewesenen entfaltet, meinen sie. Man muss ihm nur ein bisschen helfen, einen kleinen Schubs geben, um zum Vorschein zu kommen.

Nach Friedrich Nietzsche ist das Labyrinthische, das Ungeordnete das Movens des Neuen. Krise, Zuspitzung, mögliches Scheitern und Verwandlung seien seine eigentlichen Bausteine. Hinzu kommt ein oftmaliger Rückgriff auf bereits Vorhandenes. Erweitert man mit Nietzsche das Blickfeld, so geht für das Erkenntniswesen Mensch nie etwas gänzlich verloren. Das Neue ist das Alte, das nicht richtig zum Zug gekommen ist. Diese Einsicht geht zurück auf einen jahrhundertealten Grundsatz: natura non facit saltus – die Natur macht keine Sprünge, und deshalb können wir uns auf eine Zukunft einstellen, die der Vergangenheit ähnelt. Andererseits wurde dieses Prinzip bereits in der Wissenschaft mehrfach gebrochen. Durch die Quantentheorie von Niels Bohr etwa.

Es kann gut sein, dass der Mensch viel mehr von Zufällen gelenkt wird, als er es sich klarmacht. Denken wir scharf nach, sollte unsere Frage dann eher lauten: An wie vielen Lotterien des Lebens nehme ich täglich teil, ohne es zu ahnen? Doch wie sollen wir uns mit diesem Wissen im Alltag verhalten? Der Mensch sei es nicht gewohnt, scharf nachzudenken, sagt etwa Daniel Kahneman, ein Psychologe, dem für seine Forschungen der Wirtschaftsnobelpreis verliehen wurde. Die Menschen sollen den Blick weiten, bevor sie entscheiden: „Wie viel Zufall ist im Spiel, und wie genial seid ihr wirklich?“, diese Frage solle man sich besser so oft wie möglich stellen. Würde man das verinnerlichen, seien kleine Fortschritte möglich, mehr aber nicht, betont Kahneman.

Seiner Ansicht nach lassen wir Menschen uns allzu oft von unserer Intuition leiten. Hier liegen auch die grundlegenden Fehlerquellen des Menschen. Der Bauch entscheidet eben meistens falsch. Nur wenn der Mensch mit seinen bewussten, langwierigen und oft anstrengenden Überlegungen agiert, kann er viele Fehler vermeiden. Vielleicht sollten wir der Zukunft mit einer gewissen Gelassenheit begegnen, wenn der Zufall ohnedies das oberste Prinzip darstellt. Aber auch das ist nicht viel mehr als ein Bauchgefühl.

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