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Die Baumkronen sind den Bäumeschleppern bereits über den Kopf gewachsen. 

Times Mager

Zollstock

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Wer heute noch ein Bäumchen Schulter an Schulter, ohne Mundschutz pflanzt, wird wer weiß was alles ernten.

Unter schon älteren Bäumen soll eine neue Baumreihe aus dem Boden wachsen, nicht direkt ein Wald, aber doch eine Wand, so dass man vor lauter Bäumen das Nebenan gar nicht mehr gut sieht, sobald man den eigenen Standpunkt einnimmt. Oder umgekehrt. Das ist der Sinn der Sache, denn es geht um eine große grüne Wand im Garten.

Die Baumkronen sind den Bäumeschleppern bereits über den Kopf gewachsen. Kommen doch die Bäume, die zu den Baumkronen gehören, mit Ballen in die Erde, die zu den Baumstämmen gehören, die noch ein wenig dünn sind. Doch schon wegen der Ballen sind die Bäumchen kein Leichtgewicht. Man erkennt es daran, wenn ein jedes aus einer Schubkarre, an deren zwei verzinkten Griffen zwei starke Arme zittern, auf den Rollrasen gebettet wird. So provisorisch kann es mit einem Bäumchen aber nicht bleiben. Es stellt sich weiterhin heraus, dass ein Bäumchen zu pflanzen, eine Herausforderung darstellt, die sich nicht mit links erledigen lässt.

Um der Aufgabe gewachsen zu sein, packen vier mal zwei Hände richtig zu. Bäumepflanzen hat dann auch etwas von Eindübeln. Das sieht man nicht alle Tage. Anders als den Bussard, der montags, mittwochs und donnerstags über den bereits älteren Bäumen schwebt. Erst recht, wenn der Vogel seinen Ast im Kirschbaum ansteuert, gehen die Tauben auf Abstand. Sie halten die Regeln ein, kein Gurren, kein Murren.

Weil nicht der Bussard in seiner Kirsche hockt, sind es die Tauben, die zusehen können, wie auch im Gartenbaubetrieb mit Arbeitern aus Osteuropa verfahren wird. Sie bearbeiten die Bäume nicht am Fließband, sie haben auch keine Schürzen um oder blutige Handschuhe an. Aber die Wurstigkeit im Gartenbaugewerbe ist doch unübersehbar, sonst würden die vier nicht Schulter an Schulter arbeiten, dirigiert von einer Person, ebenfalls ohne Mundschutz, schon wegen der Verständigungsproblematik. Unübersehbar die tauben Ohren für all die Dinge, die man so hören konnte in den letzten Corona-Wochen, nicht nur unter Baumkronen, auch drum herum.

Die Bäumchen sind dazu da, um zu wachsen. Man muss sie deswegen nicht mästen – aber messen. So wie es der Arbeiter mit einem Zollstock tut, indem er ihn aufklappt und an das eine Stämmchen hält. Zollstöcke haben eine Länge von zwei Metern. Sie biegen sich dann ein wenig, sie wippen dann auch ein bisschen. Weil in Zollstöcken etwas vorgeht, weil sie labil sind? Wie auch immer, zwei Meter zwischen zwei Stämmchen.

Natural distancing, von Baum zu Baum, ohne Mundschutz, aber als Sichtschutz installiert. Wer dieser Tage ein Bäumchen pflanzt ohne Abstand, hat einen Sinn fürs Asoziale. Der sensibel reagierende Zollstock muss es bemerkt haben.

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